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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-12 · Heft 11 (12.3.1915) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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129 Eiligeres zu tun, als die in jenem Nachlasse vollständig drucksertige Oper „Die Sieger", von der auch die Tochter kein Sterbenswort weiß, mit geringfügigen Aenderungen zu benutzen, mit einem neuen Titel, „Das Liebesopfer", zu j versehen und als sein eigenes Werk auszugeben. Er verhilft dadurch der Geliebten zu einem wunderbaren Triumphe. Sein Betrug wird aber bald entdeckt, und zwar mit Hilfe des Urmanuskriptes, das jener Buchbinder besitzt. Ein jüdischer Kritiker Siegmund Freystätter, ein Jugendkamerad der Konstanze, der diese glühend liebt, aber wegen seiner Häßlichkeit und seines linkischen Wesens von ihr abgewiesen wird, entlarvt den Verbrecher. Er beleidigt den Schurken tödlich, wird von ihm zum Duell herausgefordert, aber nicht, wie seine und des Gegners Sekundanten vermuten, von dem auch im! Schießen wohlgeübten jungen Herrn niedergeknallt, sondern geht als Sieger aus dem ungleichen Kampfe hervor. Er! batte, wie er glaubte, nachdem er von Konstanze abgewiesen uwrden war, auf das Mädchen verzichtet, aber er irrt sich über ' seine Empfindungen, und er hat schließlich nichts dagegen, daß seine rührende Treue und die unendlichen Dienste, die er der! Konstanze und ihrem Vater geleistet, durch eine Verlobung! belohnt werden. Diese Verlobung erfolgt, nachdem Konstanze; von langer Krankheit genesen und Freystätter nach einer j kurzen Haft von der Festungsstrafe, zu der er verurteilt worden war, befreit ist. Gewiß wimmelt der Roman von Unwahrscheinlichkeiten. Es gehört doch eben zu den recht billigen Romanfiktionen, daß ein ungeschickter Mensch, der noch niemals eine Pistole in der Hand gehabt hat, einen kunstgeübten Schützen, der die Absicht hat, seinen Gegner zu töten oder mindestens schwer zu verj letzen, bei dem ersten Kugelwechsel niederknallen kann. Es ist ziemlich ausgeschlossen, daß ein weltfremder Künstler, der in seiner Jugend einen glänzenden Triumph davongetragen, der seitdem niemals etwas produziert oder der Oeffentlichkeit übergeben hat, in seinem Alter ein wunderbares Werk zu schaffeu imstande ist, und daß er von diesem großartigen Kunstwerk trotz seiner Einsamkeit und seiner Menschenscheu niemandem, selbst seiner geliebten Tochter nicht, ein Sterbenswörtchen anvertraut, daß er nicht Vorsorge getroffen hat, daß dies Werk nach seinem Tode als sein Erzeugnis an die Oeffentlichkeit kommt. Und endlich ist es doch wohl nur in einem Romane möglich, daß ein zwar leichtsinniger, aber hochbegabter Mensch, ein ausübender Musiker ersten Ranges imstande ist, das von; seinem verehrten Lehrer herrührende Werk als das seinige aus-! zugeben, das; er mit einer unvergleichlichen Unverfrorenheit alle Ehren einheimst, die dem Werke bereitet werden. Trotz aller dieser Unwahrscheinlichkeitcn, trotz sehr salopper Schreibweise und der vielen Banalitäten, die in dem Buche Vorkommen, möchte ich den Roman, ohne ihn irgendwie als Meisterwerk erklären 31t wollen, doch als eine spannende, aufregende,. gut erzählte, mit vielem höchst amüsanten, humoristischen Beiwerk versehene Geschichte beurteilen. Was uns und unsere Leser an diesem Werke besonders erfreut, das ist die ungemein liebevolle Schilderung der darin vorkommenden jüdischen Personen. Siegmund Freystätter, ein tüchtiger Musiker, ein hervorragender Schriftsteller, wird als ein reiner, edler Mensch geschildert, als ein Mann, der durch seine Begeisterung für die Kunst ebenso ausgezeichnet ist, wie durch seine rührende Bescheidenheit und seine Verehrung für den Meister, der einst sein Lehrer gewesen. Er genießt die höchste Achtung in allen Kreisen, selbst der Generalmusikdirektor der Oper bietet ihm das brüderliche Du au. Das wirkliche Meisterstück des Romans aber ist die Darstellung der Eltern des genannten Kritikers und Schriftstellers. Der Vater, Herr Salomon Freystätter, ist gewiß keine Idealfigur, ein kleiner Kaufmann, der, mehr als einem gewissenhaften Kaufmann ziemt, überall seinen Profit macht, auch Freunden gegenüber, der selbst seine Frau betrugt, indem er ihr ein Hasenfell aufschwatzt unter dem Vorgeben, es sei ein kostbarer Zobel, wert von der Kaiserin von Rußland getragen zrl werden. Das kleinbürgerliche Leben dieses Kaufmanns in seinem Hause, seine Spielpartie am Sonnabendnachmittag, sein Verhältnis zu seiner Frau und zu den übrigen Genossen des Hauses wird höchst humoristisch behandelt. Ein wirkliches Juwel aber ist die Schilderung von Siegmunds Mutter, Frau Rahlchen Freystätter. Diese kleine, verhutzelte, schwächliche Frau, in ihrer innigen Liebe zu dem Sohn, ist eine geradezu rührende, wundervoll geschilderte Figur. Ihre tapfere Art, für den Sohn zu kämpfen, ihm die Liebe 31t der gefeierten Künstlerin auszureden und doch für diese Künstlerin, da sie todkrank ist, in werktätiger Weise zu sorgen, ihr stilles, entsagungsvolles Leben, die drollige Art, wie sie bemüht ist, dem Sohne eine reiche Partie zu verschaffen, ihre kleinen Kämpfe mit dem Mann, den sie trotz aller Streitigkeiten aufs innigste liebt, werden so humoristisch und so gefühlvoll vorgeführt, daß man diese ganze Beschreibung als eine geradezu hochpoetische Verklärung des jüdischen Familienlebens bezeichnen kann. Ich kenne Herrn Philippi sehr wenig, weiß nicht und will nicht einmal wissen, ob er noch Jude ist. Aber die Schilderung von Frau Rahlchen Freystätter, ihrer Köchin und des ganzen Hauses ist allsgezeichnet. Man mag Stil und Erzählungsweise, auch die Erfindung des ganzen Werkes etlvas alltäglich und abgebraucht finden — wer von Berufs wegen viele Romane gelesen hat, kann sich ziemlich von Anfang an denken, wie die Sache kommen wird — aber der Humor des Werkes ist höchst ansprechend, und der ganze Roman ist für uns und unsere Leser, namentlich wegen der Zeichnung der jüdischen Figliren — auch der beiden Freunde Siegmund Freystätters, eines jilngen Arztes und eines Juristen.- von der Art, daß wir es, ohne es übermäßig zu preisen, mit glitcln Gelvissen zilr Lektüre empfehlen können. Der Vo!ksrr?iehunssp!sn eines Hamburger Juden. Von Tr. P a 111 R i e 9 c r. er vielbesprochene Aufsatz des Kopenhagcner Professor-? Karl Larsen „Deutscher Militarismlls" weckt die 6rinnerllng an das vor fast dreißig Jahren erschienene Werk eines Hamburger Juden. Während aber der dänische Gelehrte nlir die Schulung des deutschen Volkes zur Pflicht eben durch den Militarismus schildert und diesen in allen Betätigungsgebieten der deutschen Arbeit wieder findet, bietet das alte, aber noch nicht veraltete Buch einen großzügigen Volkserziehungsplan auf Grund des verallgemeinerten Militarismus. Der Krieg hat eine Umwertung aller Werte herbeigeführt. Er hat uns gezwungen, unsere Weltanschauung einer peinlichen und gründlichen Durchsicht zu unterziehen. Wie viele liebgewordene Vorurteile, wie viele schillernde Redensarten haben wir bereits aufgeben müssen. Zu diesen Opfern des Krieges gehört auch der bis dahin so viel genannte „Moloch des Militarismus". Gibt es doch gegenwärtig in deutschen Landen sicher keinen Einsichtigen, der nicht die Schöpfung dieses angeblich so verrotteten Militärsystems: die Verwirklichung des Gedankens vom Volk in Waffen, bewundernd anerkennt. Im Werden dieser neuen Zeit wird vielleicht das Blich verspätete Anerkennung finden, das bei seinem Erscheinen unverdient heftige Zurückweisung erfahren hat, für das wir gleichsam erst jetzt innerlich reif geworden sind. Ich meine das bereits 1886 in Leipzig erschienene Buch des durch seine menschenfreundlichen Bestrebungen hochverdienten, 1906 verstorbenen Hamburger Dolkswirtschaftlers Gustav Tuch: „Der erweiterte deutsche Militärstaat in seiner sozialen Bedeutung".

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