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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-12 · Heft 11 (12.3.1915) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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)as Opfer einer einzigen Mißernte! Alle diese Gefahren hat unsere moderne Kultur mit ihren unendlichen Fortschritten der Technik und des Verkehrs und durch die starke Hand der dem inzelnen Ruhe und Sicherheit verbürgenden Staatsgewalt auf oas denkbar geringste Maß zurückgedrängt, und wenn beispielsiveise in der einen Provinz des Landes der Boden seinen Segen versagt, so stehen ihr mit Hilfe des modernen Verkehrs und nötigenfalls durch das Eingreifen des Staates in wenigen Tagen oder Wochen die Erzeugnisse und Bodenschätze der von per Natur bevorzugten Länderstriche, selbst aus den fernsten Weltteilen zur Verfügung, so daß gegenwärtig die Verteilung per Naturprodukte nur die Frage einer zweckmäßigen wirtschaftlichen Einrichtung bedeutet, und mit dem Aufhören der Aot wiederum, welche ja zumeist die Triebfeder des Bösen ist, ällt auch die Verführung zu Verbrechen dahin. Auch deine Klage über die Verdrängung der Natur beruht nur ans oberflächlicher Betrachtung. Was wußte denn in rüherer Zeit, mit Ausnahme weniger vom Reichtum Begünstigter, der einzelne groß von Naturschönheiten? Er lebte in eugbegrenzten Kreise seiner Heimat dahin, sein Gesichtskreis reichte vielleicht ein bis zwei Wegestundcn weit, aber Gegenden, welche heute für einen Groschen für die untergeordnetsten Angestellten in einer Stunde erreichbar sind, waren vordem für die große Masse etwas Wildfremdes lind Märchenhaftes, und niemals haben die Menschen das Weltall sowohl auf seiner Oberfläche als oben in der Luft und unten in der Tiefe so weit purchstreist wie gegenwärtig. Beispielsweise war bei den Orientalen vordem die Tatsache, daß jemand eine Seereise angetreten, fast identisch mit dem Verschollensein, und selbst heute pflegt der konservative Jude, entsprechend den Anschauüngen aus früherer Zeit, wenn er eine Seereise von nur wenigen Stunden hinter sich hat, öffentlich vor versammelter Gemeinde den Segeusspruch äbzulegen, mit welchem er für die Errettung aus Lebensgefahr seinem Gott dankt. Nun vergleiche damit unsere heutigen Verkehrsverhältnissc, da alljährlich Hunderttausende, Vielfach rein zum Vergnügen, sich dem modernen Dampfer für Wochen anvertrauen, ohne jegliches Gefühl der Sorge um ihr Leben, umgeben vom höchsten Luxus und Komfort, der ihnen während der Seefahrt noch ein weit behaglicheres Dasein zu gewähren Pflegt, als sie s in ihrem gewöhnlichen Leben genießen. Oder greifen wir andere Kennzeichen des gegenwärtigen Fortschrittes heraus, indem wir daran denken, daß, wenn irüher ein Arbeiter bei Ausübung seines Gewerbes verunglückte, sich um ihn und um seine Angehörigen kaum jemand kümmerte, ihm allenfalls ein kärgliches Gnadenbrot vom Arbeitgeber oder der Gemeinde zuteil wurde, wohingegen heutzutage durch unsere wunderbare soziale Gesetzgebung, sowie durch die hochentwickelte private Versicherungsmöglichkeit soivohl der Arbeiter wie auch seine Familie dauernd vor Krankheit und Elend geschützt sind. Und wenn selbst heutzutage einmal die gespannten politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse durch einen Krieg zur Explosion kommen, so sehe ich auch bei dieser Gelegenheit die Entfaltung so vieler und mannigfacher Ideale, wie z. B. das Aufhören der konfessionellen Kämpfe und Unterschiede - allenthalben macht sich eine friedliche Einigkeit und Harmonie bemerkbar, die politischen Verfolgungen werden unterdrückt, und überall entsteht Hilfsbereitschaft und der Wille des einzelnen, der Gesamtheit zu dienen. Von welchen Gesichtspunkten aus mein geistiges Auge die Entwicklung der menschlichen Kultur betrachtet, überall und in jeder Beziehung erblicke ich nur gewaltige Fortschritte, und dem Schöpfer sei Dank dafür, daß es mir vergönnt ist, in der gegenwärtigen Zeit zu leben, und voll froher Hoffnung erwarte ich von der Zukunft und insbesondere nach der Beendigung des jetzigen Krieges, daß es aufwärts gehen wird, zur idealsten Blüte einer rein menschlichen Kultur.! * | Uns Juden sollte eine zuversichtliche und optimistische Welt-; anschauung ganz besonders zu eigen sein, denn, wenn wir uns unsere eigene Geschichte vergegenwärtigen, so sehen wir, daß trotz der unzähligen Bedrückungen und Drangsalierungen die j jüdische Religion, weil sie die Wahrheit und das Recht veri tritt, nicht zugrunde gehen kann und wenn auch die Entwicklung, die ja kurvenmäßig vor sich geht, in manchen Zeitläuften einen Rückschlag zeigt, die Gerechtigkeit doch wieder siegt, und auch in unserem eigenen Vaterlande sehen lvir bei den Mächtigen des Landes die Erkenntnis sich Bahn brechen, daß hinfort kein Jude seines Glaubens halber eine Zurücksetzung erfahren darf. tzilkswerke der Uraklitilchen Jlllian??u Wien für die Spker des Krieses. Wien, im Februar l91ö. ofvrt bei Ausbruch des Krieges fand sich die Israelitische Allianz in die Notwendigkeit versetzt, über ihren normalen Wirkungskreis hinaus für verschiedene Kategorien durch den Krieg Plötzlich in schwere Bedrängnis geratener Glaubensgenossen, denen von anderer Seite keine Hilfe gewährt werden konnte, Beistand zu leisten. Während des Monates August, als der gesamte europäische Verkehr mit einem Schlage ins Stocken geraten war und Tausende ausländischer jüdischer Familien, welche in österreichischen Kurorten weilten, hilflos in der Fremde blieben, galt es, dieselben im Einvernehmen mit den Behörden, zum Teile auf dem Umwege über Rumänien, in die Heimat zu befördern, wobei die zahlreichen mittellosen Personen für die Weiterreise mit Geldmitteln unterstützt werden mußten. Ferner war eine große Anzahl jüdischer Emigranten aus Rußland und Rumänien, welche kurz vor dem Kriege sich aus die Reise begeben hatten und entweder in Wien Schiffskarten von ihren Verwandten erwarteten oder bereits im Besitze derselben mit Unterstützung der Allianz nach den Hafenstädten befördert werden sollten, der Möglichkeit beraubt, die Reise nach den überseeischen Ländern fortzusetzen, und es mußte für den Unterhalt dieser Familien für mehrere Monate, zum Teil während der ganzen Dauer des Krieges Vorsorge getroffen werden. Bald trat jedoch diese Fürsorge, sowie die für internierte jüdische Ausländer und Kriegsgefangene, vor der unvergleichlich größeren Aufgabe zurück, den g a l i z i s ch e n Flüchtlingen Hilfe zu bieten. Anfangs September wurde die Israelitische Allianz vom k. k. Kriegsfürsorgeamt verständigt, daß in den nächsten Tagen einige tausend Flüchtlinge einlangen würden, welche nach Mähren dirigiert würden, und die Allianz wurde dringend ersucht, bei der Aktion, die von Staats wegen zugunsten der Flüchtlinge eingeleitet wurde, soweit es sich um Juden handelt, mitzuwirken. Es konnte damals nicht vorausgesehen werden, welchen Umfang diese Aktion annehmen würde. Am 5. September erhielt die Israelitische Allianz von Sr. Exzellenz dem Statthalter Freiherrn von Bleyleben in Brünn ein Telegramm: „Werde in den allernächsten Tagen über 6000 arme jüdische Flüchtlinge aus Rußland und Galizien in der Jsraelitengemeinde Nikolsburg provisorisch und sehr notdürftig unterbringen müssen, zu welchem Zwecke ich zunächst die Erbauung heizbarer Baracken angeordnet habe. Da die staatlichen Mittel zu deren menschenwürdigen Bequartierung und Beköstigring keineswegs ausreichen, wende ickr j mich in dankbarer Erinnerung an die tatkräftige Unterstützung j meiner seinerzeitigen Hilfsaktion zum Schutze der rumänischen! Juden in der Bukowina, an die geehrte Allianz mit der Bitte

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