Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-12 · Heft 11 (12.3.1915) · p. Seite 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229189--71161-3283485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

126 viermal das schwierige Amt eines Dekans. Seiner Feder entsprang das Buch „Vorträge über Glauben und Geschichte des Christentums", welches vom Geiste der Milde und des theologischen Freisinns erfüllt ist. Wer irgend das Glück hatte, näher mit ihm zu verkehren, der mußte überrascht sein über die Toleranz und den Idealismus seiner Anschauungen. Es war daher nur eine natürliche Folge der Ereignisse, daß, als der Antisemitismus sich wie eine geistige Pest ausbreitete, dies seinen tiefsten Abscheu erregte, den er sofort in die Tat umsetzte, indem er in die Leitung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus eintrat, dessen Präsidium er 1907 übernahm. Viele der Vereinsmitglieder werden sich noch mit Freuden der gehaltvollen Ansprachen oder der Dankesworte an die Vortragenden des damals Vierundachtzigjährigen erinnern, die, stets auf einen weihevollen Ton gestimmt, sofort den gewiegten Kanzelredner verrieten. Insbesondere unvergessen sei ihm die Leitung der am 18. März 1908 stattgehabten und vom genannten Verein veranlaßten allgemeinen öffentlichen Versammlung im Sofiensaale, worin nach einem Referat des Rechtsanwalts. Dr. F. Elbvgen Protest eingelegt wurde gegen das an Leop. Hilsner begangene Justizverbrechen. In geradezu jugendlichem Erglühen richtete er an die Versammelten, an jeden einzelnen — nach dem Hinweis auf den analogen Fall einer demoralisierten Justiz, jenen von C a l a s in Frankreich 1762 — die Mahnung, zu leben für etwas Allgemeines, Ewiges, Ideales, denn nur dadurch werde die Menschheit gefördert, Und nur in der Menschlichkeit offenbare sich das Göttliche, die alles tragende, alles aufopfernde Liebe. Des Heimgegangenen Zuneigung zum Judentume, zunächst entsprungen aus dem Studium der alten Schriften, war eine echte, aufrichtige, die wiederholt zum Ausdruck gelangte. Die „Allianz" wie auch die israelitische Kultusgemeinde von Wien sandten denn auch anläßlich des Ablebens überaus warm gehaltene Beileidsschreiben. Getreu seinem im obigen Appell enthaltenen Lebensprogramm war auch sein Familienleben ein geradezu ideales. Ehre seinem Andenken! Lin?eltgkmähks Lwirgesprach Bo» B e r » h n r t> P etuchowski, Berlin. ^^>er Pessimist klagt: Nein, ich kann dem Leben, in das ich J&uJ ungewollt hineingestellt bin, keine Freude abgewinnen, wenn ich Rückschau halte auf das, was es mir bisher gebracht hat. - Von Jugend auf bis ins sechzehnte Jahr ward mir täglich Religion und Moral gelehrt mit dem Endziele, daß alle Menschen Brüder seien,, daß einer den anderen lieben solle wie sich selbst, und als ich mich später durch Prüfung des Inhalts anderer Religionen weiterbildete, sah ich allenthalben sowohl in der christlichen, in der mosaischen wie auch in der mohammedanischen die gleichen Begriffe von Menschenliebe als das höchste zu erstrebende Ziel wiederkehren. Was erlebe ich nun in Wirklichkeit?-Daß am Anfang des erleuchteten zwanzigsten Jahrhunderts gerade d i e Nationen, welche sich mit der Religion ganz besonders identifizieren, Länder, in denen man die Blüte der Kultur zu erblicken vermeinte, in einem entsetzlichen gegenseitigen Ringen und Töten sich befinden, daß alle Begriffe von Moral und Ethik verbannt zu sein scheinen und selbst das Privateigentum, welches schon vor der Entstehung der heutigen Kultur als heilig betrachtet wurde, nicht mehr existieren solle, indem es, vielfach bei Androhung hoher Strafen, den Staatsangehörigen verboten wird, ihren Verpflichtungen anderen Menschen gegenüber nachzukommen. Frühmorgens wandere ich zur Stelle meiner Tätigkeit, eine Stunde währet mein Weg, aber mein Auge erblickt nur hohe Häusermafsen und Gebilde aus Stein und Holz, ich sehe kaum das Grün eines Baumes oder Strauches, neben mir rattern Fahrzeuge aller Art aus totem Metall, unter mir höre ich das Donnergepolter der Untergrundbahn, und selbst oben an des Himmels Firmament, wo ich früher ab und zu einen lebendigen Vogel seine Fittiche ausbreiten sah, erblicke ich solche nur aus Draht und Stahl, kurz, wohin ich sehe, wird die Natur zurückgedrängt, alles verwandelt sich zu Automaten und zu mechanischen Erzeugnissen, selbst das frohe Lachen scheint verstummt zu sein, und die größte Freude sehe ich dann ausgelöst, wenn die Zeitungen und Extrablätter eine möglichst hohe Zahl von Menschen als getötet oder verwundet zu verkünden wissen. Der tägliche Kamps ums Dasein ist bei aller angeblichen Kultur immer schärfer geworden, die Ruhelosigkeit und die Hast der Menschen wird immer größer, und die Furcht, den Nachwuchs nicht genügend ernähren zu können, veranlaßt nicht nur den Unbemittelten, sondern auch die wohlhabenden Kreise, sich von Nachkommenschaft frei zu halten und somit die heiligsten Gebote der Erhaltung ihrer Art mit Füßen zu treten, kurz, wohin ich blicke, sehe ich Unnatur als die Begleiterscheinung der sogenannten Kultur. Auch sehe ich nicht die vielgepriesenen Fortschritte in der Hygiene, denn Leiden, die man vorher wenig kannte, Hysterie, Influenza, Nervenzerrüttung, haben den Menschen im hohen Maße ergriffen, und die Krebskrankheit, welche alljährlich so viel Menschen im blühenden Alter dahinrafft, ist in der Zunahme begriffen, — nein, dieses Leben vermag mich nicht froh und hofsnungsfreudig zu stimmen, und ich wünschte nur, daß mich ein sanfter Tod von ihm erlösen möge. Der Optimist antwortet: Die Tatsachen, über welche du klagst, mögen an und für sich leider zutrefsen, aber die Bewertung, die du ihnen für die Entwicklung des Großen und Ganzen zuerkennst, ist eine durchaus irrige. In der Urzeit vergingen Jahrtausende, da der Mensch, dem Raubtiere gleich, in täglichem Kampfe gegen seine eigenen Brüder sich befand, ohne jegliches Gefühl der Sicherheit für seine Existenz und Zukunft. Bedenke, daß es nicht lange her ist — in der Weltgeschichte bedeutet ein Jahrhundert mehr oder weniger nur eine kurze Spanne —, daß die Menschheit Kriege erlebte, welche viele, viele Jahre, selbst drei Jahrzehnte, ununterbrochen anhielten, so daß die damaligen Geschlechter in dem dauernden Töten und Morden nur den normalen Zustand zu erblicken gewohnt waren, wohingegen in den jetzigen Zeitläuften ein Krieg wohl ein halbes oder gar ein ganzes Jahr dauern mag, dann aber, wie wir es ja nach 1870 erlebten, viele Jahrzehnte der friedlichen Entwicklung folgten, in denen die Fortschritte auf allen Gebieten der Kultur in einem einzigen Jahre gewaltiger und größer waren als in früherer Zeit in Jahrhunderten. Bedenke weiter, wie vordem unzählige Krankheiten, wie Pest, Cholera, Pocken, Aussatz, eine ständige Geißel der Menschheit waren, durch die oft in wenigen Monaten mehr Leben dahingerasft wurden als gegenwärtig durch einen noch so furchtbaren Krieg, und während noch vor zwanzig Jahren die Tuberkulose allein in Deutschland an 110 000 Opfer verschlang, hat sich diese Volkskrankheit alljährlich bis auf 60 000 vermindert. Demnach dürste unser gegenwärtiger Krieg bei weitem nicht so viel an Opfern mit sich bringen, als in vergangenen Zeiten alljährlich durch Krankheiten in den betreffenden Gebietsteilen im Frieden in wenigen Jahren dahingerafft wurde. Welch unendliche Zahl von Menschen fielen vordem dem Verbrechen des Totschlages und des Mordes zum Opfer, ohne daß, einige Meilen davon entfernt, überhaupt jemand davon erfuhr, wie viele gingen durch den Blitz, durch Ueberschwemmungen, durch Hungersnot und dergleichen zugrunde! Ganze Provinzen und Länderstriche wurden häufig

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.