Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229189--71160-3283484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
125 Dr. Neumanns Händen. Die Zeitschrift wurde unter seiner Leitung anerkannterweise gehoben. Die Teilnahme an dem schweren Verlust, den die juristische Welt durch den Tod des hervorragenden Mannes erlitten, war eine allgemeine und bekundete sich bei der Verbrennung seiner Leiche, die am 21. Februar stattfand, in ergreifender Weise. Aus den zahllosen Briefen der hervorragendsten Juristen, die auch das innige Familienleben des Verstorbenen als ein mustergültiges und vorbildliches schilderten, sei wenigstens ein Satz hervorgehoben: „Auch wir Mitglieder der Ständigen Deputation des Juristentags sind uns sicher alle voll bewußt, daß es einen Ersatz für Neumann in unseren Kreisen überhaupt nicht gibt. Seine Klarheit, seine Organisationsgabe, sein tiefes Wissen, sein unermüdlicher Fleiß und zuletzt, aber nicht zumindest seine Herzensgüte, seine freundliche Hilfsbereitschaft und sein nie versagender Humor: alles das werden wir in einem Menschen nie mehr vereint finden. So werden wir ihn dauernd auf das schmerzlichste vermissen und sein Andenken treu und dankbar hoch in Ehren halten." Dr.Ioh.Wch. S?rbrriny. IN 19. Jan. 1915 starb in Wien der Militärsuperintendent d.R., Universitätsprvfessor Dr. S z e b e r i n y, ein seines entgegenkommenden Wesens und ehrenhaften Charakters wegen allgemein hochgeschätzter Greis. Mit dem Alter und der Weisheit der Propheten verband er den Vorzug einer seltenen Güte und Menschenliebe, die in seiner idealen Weltanschauung begründet war. Einer Pastorensamilie entstammend, welche Ungarn mehrere evangelische Pfarrer gegeben hatte, widmete auch er sich frühzeitig der geistlichen Laufbahn, studierte 1845/47 zu Jena und Berlin und lebte von nun an seinem doppelten Berufe als evangelischer Religionslehrer und Seelsorger in treuer Hingebung bis an die Grenze der Leistungsmöglichkeit. Zu Schemnitz in Oberungarn am 16. Februar 1825 geboren, erreichte er somit nahezu das 91. Lebensjahr; gleichwohl erfreute er sich bis an sein seliges Ende fast ganz ungeschmälerter Rüstigkeit, vor allem einer phänomenalen Geistesfrische. Er konnte auf ein sehr reiches Innenleben zurückblicken, welches jedoch keineswegs arm an äußeren Ereignissen gewesen ist. Sein öffentliches Wirken begann 1849 mit dem Posten eines evangelischen Stadtpfarrers in Schemnitz, seiner Vaterstadt, wo er seinen Vater ablöste, und in welcher Stellung er sich große Beliebtheit erwarb, lieber ein Jahrzehnt war er hier beflissen, seiner Gemeinde ein mustergültiger Seelsorger zu sein, was ihm so vorzüglich gelang, daß er bis zur letzten Stunde Beweise der Verehrung aus seiner Heimat erhielt. In jener Periode war die Lage! des Protestantismus in Oesterreich noch eine sehr wenig be- I neidenswerte, ebenso waren die Ungarn sehr godemütigt. Auch der junge Szeberiny ging hart an den Schrecken der damaligen starren Reaktion vorüber: schmachtete doch sein Vater — wenn auch nur kurze Zeit — im Kerker der gefürchteten Festung Komorn. Als der unglücklich verlaufene Krieg von 1859 große Wandlungen hevvorbrachte, da brach auch für den Protestantismus in Oesterreich eine bessere Zeit heran. Es hatte sich nämlich ereignet, daß im Felde die — ungarischen — protestantischen Soldaten ihren Seelentrost bei den französischen Seelsorgern suchen mußten, was Kaiser Napoleon III. zu einer diesbezüglichen Mitteilung an eine hochstehende Persönlichkeit Vevanlaßte, worauf Wandel geschaffen wurde, und zwar indem das Kriegsministerium zunächst zwölf j Posten evangelischer Seelsorger für das Heer systematisierte, 1 deren erster 1861 durch Dr. Szeberiny besetzt wurde unter gleichzeitiger Versetzung nach Wien. Allein noch mangelte es an einem Gotteshanse, und da unternahm es nun Dr. Szeberiny, direkt bei seinem Monarchen darum zu ersuchen, der in seiner bekannten Hochherzigkeit auch sofort dieser Bitte entsprach. Hierfür wurde die Schwarzspanierkirche auserfehe», die, ehemals von dem Bcttlerorden der Schwarzspanier gegründet, nach Aufhebung desselben durch Kaiser Josef II. zumeist leer oder als Militärbettenmagazin in Benutzung stand. So einfach dies in der heutigen Zeit erscheinen mag, so bedeutete dieses Resultat der Bemühung Dr. Szeberinys ein Ereignis, das namentlich in hohen Kreisen das größte Aufsehen hervorrief. Seit 1863 bildete nun diese Kirche die Wirkungsstätte Szeberinys — und seiner Nachfolger —, und es fand auch die Einsegnung seiner sterblichen Hülle am 21. Januar 1915 durch Pfarrer Zimmermann in Anwesenheit zahlreicher Würdenträger sowie vieler Verehrer des Verstorbenen statt. Der vorzügliche Ruf und das gediegene Wissen, das sich der Verblichene zu eigen gemacht hatte, waren nun weiter Ursache des Vertrauens des Kaisers, der dadurch ein sichtbares Zeichen seiner Gnade ausübte, daß er ihn 1869 zum Beirat des KriegSministeriunis unter gleichzeitiger Ernennung zum Superintendenten beförderte. Mittlerweile war auch seine Berufung an die Wiener Universität zur Lehrkanzel für evangelisches Kirchenrecht und praktische Theologie erfolgt, was ihn bei feinem weichen, offenen Gemüte der Studentenschaft sehr nahe brachte; infolgedessen trat er auch in die oberste Leitung des Studentenkrankenvereins ein, einer sehr wichtigen und weitverbreiteten Körperschaft, in der er anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Gedenktages der Gründung, am 27. November 1886, eine vielbemerkte Rede hielt. Während seiner Professur bekleidete er Militärsuperintendent Prof. Dr. I. M. Szeberiny, weiland Präsident des Wiener Vereins zur Abwehr des Antisemitismus.