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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-12 · Heft 11 (12.3.1915) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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fahren und unverdrossen im Geiste des Verewigten weiter z» wirken. Gesang und Musik beschlossen die Feier; und als sie verklungen, klangen sie weiter in der Seele aller, die an der Veranstaltung teilgenormnen. Nicht resigniert, erhebend und ermunternd wirkte das Ganze und löste sänftigend eine Stimmung aus wie der Morgenstern, der in trüber Nacht den nahenden Tag kündet. Und auch das war durchaus im Sinne des Gefeierten ... Sie Wache. Berlin, den 9. März 1915. ie Kriegslage hat sich kaum geändert, im Westen und Osten sind mannigfach kleine Erfolge davongetragen worden. Die Beschießung der Dardanellen durch feindliche Schiffe dauert fort, hat aber bisher kein Restlltat ergeben. Ueber die Tätigkeit unserer Unterseeboote erfahren wir von amtlicher Seite nichts; aus englischer Quelle wurde berichtet, daß ein deutsches Unterseeboot zerstört worden ist. Die Verhandlungen im griechischen und italienischen Parlamente dauern fort; bisher ist eine Aenderung in der Neutralität beider Länder nicht zu konstatieren. Die neutralen Seemächte erkennen mehr und mehr, wie sehr sie durch die englischen Maßnahmen geschädigt werden; trotzdem ist es bisher nicht weiter als zu mehr oder minder entrüsteten Erklärungen gekommen. * Die folgende Schilderung sendet uns Herr A. R o t h s ch i l d in Achim-Bremen: Ein K r i eg s f r e i w i l l i g e r über den! F e l d g o t t e s d i e n st.! Unser Held ist erst 17 Jahre alt und liegt schon seit drei Monaten im Schützengraben. Im August bestand er mit ausgezeichnetem Erfolge das Abitur am Gymnasium. Er, als einziger Jude, meldete sich mit den übrigen 16 Abiturienten! freiwillig, wurde aber zu seinem größten Leidwesen wegen! allgemeiner Körperschwäche zurückgewiesen. Er meldete sich j aber immer und immer wieder, bis man ihn schließlich einj stellte. Unser Kriegsfreiwilliger stammt aus einem Hause, das! dem Judentum ziemlich sernsteht. Er schreibt mir über den i Gottesdienst, der am 6. Februar in Longwh in einer fran-! Mischen Schule durch den Feldgeistlichen, Rabbiner Dr. Baeck, abgehalten wurde, folgendes: Longwy ist ungefähr eine Stunde > von unserer Ruhestellung entfernt. Alle in der Nähe liegenden jüdischen Soldaten waren zu dem Gottesdienst erschienen — etwa 50 —, vom Offizierstellvertreter bis zum gemeinen Manne alle Chargen. Ein Unterarzt war auch zugegen. Auch mehrere mit dem Eisernen Kreuz Geschmückte bemerkte man unter den Andächtigen. Ich ging mit meinem Gruppenführer,! Unteroffizier M . . . . aus Hamburg, der auch ein Jude ist. j Er ist als Reservist eingetreten, wurde bald zum Gefreiten und z schließlich zum Unteroffizier befördert. Seine Brust ziert auch! das Eiserne Kreuz. Wir find die beiden einzigen Juden in! unserer Kompagnie. In der neunten Kompagnie ist auch ein Unteroffizier mit dem Eisernen Kreuz. Und nun zum Gottesdienst. Er war sehr schön. Ich hätte nicht geglaubt, daß er mich, der ich doch so ganz freireligiös erzogen bin, so packen könnte. Herr Dr. Baeck erschien mir wie ein Prophet. Der Einleitungsgesang klappte nicht besonders, viel mehr sprach die eindrucksvolle Rede des Rabbiners, die alle Teilnehmer des Gottesdienstes sehr zu befriedigen schien. Er sprach so ernst, so zuversichtlich, so warm väterlich, so rein menschlich, kürz direkt göttlich. Seine Worte trafen unser Herz. Jetzt erst habe ich empfunden, was Religion ist und was Religion heißt. Zum Schluß sprach der Rabbiner ein deutsches Gebet, und wir sangen das niederländische Dankgebet, das besser klappte. Nach dem Gottesdienst ließ der Rabbiner, der uns jetzt wie ein Engel erschien, einen Sack mit Liebesgaben herbeiholen, die er an uns verteilte. Jeder bekam, was er wollte. Hier hatten wir den Geistlichen und den Menschen in einer Person. Hoffentlich haben wir bald wieder solchen Gottesdienst. Ich liege jetzt wieder in ineinem Schützengraben. Vor meiner Seele erscheint immer wieder die'patriarchalische Gestalt des Rabbiners Dr. Baeck. A. B.. . * Nachstehender Trostbries an eine in Gotha lebende Dame wird uns von befreundeter Seite zur Verfügung gestellt: Sehr geehrte gnädige Frau! Selbst tief erschüttert durch den Tod Ihres Sohnes, unseres lieben Kameraden Weinberg, drängt es mich. Ihnen aus tiefstem Herzen meine innige Teilnahme auszusprechen. Aus so manchem, was Ihr lieber Sohn mir erzählte, aus der Wärme, mit der er von seiner Mutter sprach, und aus der Freude, mit der er jeden Liebesgruß von Ihnen begrüßte, weiß ich sehr wohl, wie sehr er an Ihnen hing und welch inniges Band zwischen Mutter und Sohn dieser traurige Krieg grausam zerrissen hat. Auch ich trauere aus ganzem Herzen mit Ihnen, haben wir doch alle sehr rasch Ihren Herrn Sohn schätzen und lieben gelernt. Immer zeigte er sich von einer weit über dieKameradfchaftspflicht hinausgehenden Gefälligkeit und unermüdlichen Bereitwilligkeit, zu helfen, wo es nur irgend ging. In der ganzen Kompagnie erfreute er sich der größten Beliebtheit, weil er ununterbrochen für das Wohl der Mannschaft sorgte und alles tat, um ihr die Beschwerden des Krieges zu erleichtern. Dazu kam seine große persönliche Liebenswürdigkeit und Herzenssröhlichkeit. Ueber alles aber möchte ich seine große Pflichttreue und seine ernste Gewissenhaftigkeit stellen. Schon im Gefecht am 25. August hat er so viel Umsicht, Energie, Ruhe und persönliche Tapferkeit bewiesen, daß ich ihn kurz darauf zur Beförderung zum Offizier vorgeschlagen habe. Und in all den folgenden Tagen hat er in allen bedrohlichen Lagen, in die die Kompagnie geriet, durch seine Ruhe und Besonnenheit stets ein schönes Beispiel männlicher Tapferkeit gegeben. Wie er in der Nacht vom 4. auf 5. September gefallen ist, kann ich Ihnen leider nicht schildern, da ich nicht in seiner unmittelbaren Nähe weilte, doch höre ich wenigstens allgemein, daß der Arme nicht zu leiden hatte, sondern rasch und schmerzlos den Heldentod fürs Vaterland gestorben ist. Da ich um die gleiche Zeit selbst verwundet zurückgetragen wurde, kann ich Ihnen leider auch nicht angeben, wo Ihr lieber Sohn seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Ich werde mich aber bemühen, hierüber Näheres zu erfahren, und werde es Ihnen mitteilen, wenn ich etwas weiß. Und nun tröste Sie Gott in Ihrem großen Schmerz, und seien Sie überzeugt, daß das Andenken Ihres lieben Sohnes bei allen Vorgesetzten, Kameraden und Untergebenen stets hoch in Ehren gehalten werden wird. Mit vorzüglicher Hochachtung . Ihr stets ergebener B e ck h, Major. * Den folgenden Artikel entnehmen wir der „Germania". Wegen der Quelle, aus der er stammt, ist er -um so beachtenswerter: Wie die Russen die „lieben Juden" behandeln. Wien, Ende Februar. Der österreichische Abgeordnete Reizes hat in einem offenen Brief an den Minister Sasonow, der diesen allerdings kaum erreichen wird, und wenn doch, von ihm sicher nicht beantwortet werden wird, die Niederträchtigkeiten und Gewalttaten vorgehalten,' die sein«

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