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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-12 · Heft 11 (12.3.1915) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 erschien Herman Veit Simon vor aller Augen wieder, als in! hübsch geformten antithetischen Wendungen der Redner von dem Manne sprach „mit den festen Zügen und dm: weichen j Herzen, mit dem ernsten Ausdruck und den: heiteren Gemüt, j mit der starken Willenskraft und dem feinen Zartsinn, mit | der Strenge gegen sich selbst und der Freundlichkeit gegen! andere, mit dem bescheidenen Zurückstellen des eigenen Ver- - dienstes und der warmen Anerkennung für die Leistungen! anderer". Auch sonst schlossen scheinbare Gegensätze sich in 1 seinem Wesen zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Er i war ein Mann von ausgeprägter Eigenart und dabei doch bej fähigt, sich in die Gesamtheit einzuordnen: ein Mann von : starkem Freiheitsdrang, der aber trotzdem die Kraft und die : Berechtigung der Autorität nicht verkannte; Erbe und Mehrer; einer alten Kultur, behielt er nichtsdestoweniger den Sinn l offen für das Leben der Gegenwart und dessen Bedürfnisse, und ein Bürger der großen Welt von ausgebreitetster Bilj düng und voller Empfänglichkeit für alles Schöne in Natur und Kunst, blieb er dennoch fest wurzelnd in der geliebten! Heimat mit ihrer anspruchslosen, biederen, bisweilen selbst i spröden Art. Es war eben die starke Kulturpersönlichkeit, in der diese j Vielheit ihren Nährboden hatte und aus ihr wieder zu einer! Einheit und Abgerundetheit emporwuchs. Darin liegt der Wert der Tradition, der Familie, des „Jichus", wenn richtig verstanden und nicht überschätzt. Herman Veit Simon gehörte einer alteingebürgerten, angesehenen, in vielfacher Hinsicht bedeutsam hervorgetretenen Familie an: und er fühlte sich auch als Angehöriger einer solchen. „Ein Zug der Verklärung ging über sein Angesicht, wenn er vom Hause seiner Eltern oder Großeltern erzählte, und mit Liebe folgte er den Spuren seiner Ahnen in einer vielhundertjährigen Geschichte." Das Patrizische der Herkunft galt ihm jedoch nicht als ein Vorrecht, sondern als der Adel, der verpflichtet. Wenn er Wohltätigkeit in großem Maßstabe übte, wenn er dem kommunalen Leben und der sozialen Fürsorge sich mit Eifer hingab und unermüdlich allem Edlen und Guten nachging, so geschah es nicht absichtslos im Sinne der Schillerschen „schönen Seele", sondern er tat es aus dem vollen Bewußtsein heraus und in der Erkenntnis, damit auf ihn überkommene Pflichten zu erfüllen. Daß er handelte, war gewiß bedingt durch eine angeborene Gemütsstimmung; allein die Richtung seines Handelns war ihm von dein in der Familie herrschenden Geiste gewiesen. Pflegte er doch die Pietät als eine der edelsten menschlichen Tugenden zu preisen. Daraus ergab sich auch das Interesse, das er, ungeachtet seiner starken Inanspruchnahme auf den mannigfachsten Gebieten, für jüdische Fragen und namentlich für die Wissenschaft des Judentums stets mit Vorliebe an den Tag legte. Der Wissenschaft des Judentums stand er dank der engen Beziehungen seiner Fainilie zu bedeutenden Gelehrten schon von Jugend auf nahe; dazu gesellte sich ein tiefes religiöses Empsinden, das ihm die Beschäftigung mit jüdischen Dingen zur Herzenssache machte. Er war der festen Ucberzeugung, daß die Zukunft der jüdischen Glaubensgemeinschaft nur dann gesichert werden könnte, wenn ihre Lehre im Feuer der Wissenschaft geprüft und geläutert und in unparteiischer Forschung, die kein anderes Ziel kennt als die Ermittelung der Wahrheit, gewonnen würde, und wenn ferner diese Lehre allein von Führern und Lehrern verkündet würde, die über das volle Rüstzeug zeitgenössischer Bildung und wissenschaftlicher Schulung verfügten. „Die wahre Frömmigkeit", äußerte er einmal, „kann nur auf dem bewußten Streben nach Wahrheit beruhen. Unser Glaube ruht auf Vernunft, unsere Vernunft lehrt uns glauben." Darin zeigte sich das wahrhaft konstitutive Element in seinem Ingenium, das unbeschadet allen Strebens nach Fortschritt und Entwicklung von einem Ängrifs auf den Glauben selbst niemals etwas wissen wollte. Das wiederum führte ihn dazu, seine Tatkraft in den Dienst der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu stellen. Auch da konnte er gewissermaßen an Tradition anknüpfen. Carl Bcrthold Simon, sein Vater, gehörte seih Begründung der Lehranstalt dem Kuratorium an, blieb dauernd einer ihrer treuesten Freunde und ließ ihr ein Menschenalter hindurch, bis zu seinem Tode, seine volle Kraft und werktätige Unterstützung angedeihen. 1904 trat Herman Veit Simon h> das Kuratorium ein, wurde bald zum stellvertretenden Vor sitzenden gewählt und übernahm im Jahre 1906 als Nachfolger Salvmon Neumanns den Vorsitz. Ein völliger Umschwung ein immerwährender Aufstieg markieren die nun folgende Zeit, die wir als eine Blüteperiode in der Geschichte der Hochschule bezeichnen dürfen. In treuer, aufopfernder Hingebung waltete der Verstorbene seines Amtes. Bei der übervollen Laß seiner Berusspflichten mußte er die Zeit für die ehrenamtliche Tätigkeit sich mit Gewalt abringen. Nichtsdestoweniger war er für die Lehranstalt stets zri haben. Selbst wenn er draußen weilte, hörte er nicht auf, für sie zu wirken, und in den kurzen Erholungspausen, die er sich gönnte, trug er die Sorgen um ihr Wohlergehen mit sich. Als etwas Heiliges faßte er die selbstgewühlte Pflicht auf, und es war, als wenn er in ihrer Erfüllung selbst Erholung fände. In großen Linien entrollte der Redner ein Bild von der Entwicklung der Lehranstalt während der letzten zehn Jahre. So vernahmen wir von den vielen Lehrstühlen und Vorlesungen, die unter Simons Leitung zur Einführung gelang: nnd den mannigfachen Disziplinen jüdischer Wissenschaft zu gute gekommen sind, wie der Bibclexegese und hebräischer Sprachwissenschaft, der jüdischen Geschichte, der Rechtsgeschichte der Juden, der vergleichenden Religionsgeschichte, der Methodil des jüdischen Religionsunterrichts und nicht zuletzt der Religionsphilosvphie. Wir erfuhren außerdem, daß neben dem wissenschaftlichen Studium auch der vorbereitende Unterricht im Hebräischen, der den Studierenden den Zugang zu der Quellen erschließen soll, systematisch ansgebaut und erweitert ivorden ist. Und dann war es der Gedanke, einen würdigen Rahmen zir schaffen und der Wissenschaft des Judentums eine Wohnstätte, wo sie sich so recht einnisten konnte, zu bereiten, der ihn unablässig beschäftigte. Auch hierin vermochte er dank seiner starken Initiative und seines großen Organisationstalentes einen ansehnlichen Erfolg zu erzielen. Denn das Heim der Lehranstalt — für die erforderlichen Zwecke dar schönste und besteingerichtete seiner Art in der ganzen Welt - ist im wesentlichen sein Werk. Die Hochschule wurde bodenständig, hatte endlich ihren Platz an der Sonne und zog in zu nehmendem Maße die allgemeine Aufmerksamkeit aus sich Damit war ein wichtiger Schritt zur Verwirklichung de: schönsten Ideals Veit Simons getan: der Schaffung ei n e r jü d i s ch en V o lks h ochs chul e. Was jedoch am Wirken des Heimgegangenen besonders an genehm berührte und die Arbeit mit ihm zu einem wahre: Genuß inachte, war das tiefe Geniüt, aus dem alles bei ihn hervorquoll. Wie ein Patriarch der Vorzeit wirkte er nich nur mit den reichen Mitteln seines Verstandes, sondern auä mit den großen Gaben seines Herzens. Das machte, daß seiin Pläne von der Phantasie beschwingt, seine Handlungen stet: von einem warmen Gefühl belebt waren. Auch hier schwebt - ihm ein hohes Ziel vor Augen und beseelte sein ganzes Tun Es war das Bestreben, die Anstalt zu einenr anerkannte: Mittelpunkt der wissenschaftlichen Forschung zu machen und damit eine Quelle des Segens für das Judentum und seiner Fortschritt zu schaffen. Noch ist es freilich nicht so weit. Allein der Weg, der dahin führt, ist gewiesen. Nun gilt es fortzu-

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