Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 11 Berlin, 12. März 1915 Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wüchentlich. A bonnements-Preis-, durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße -6-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Dem Gedächtnis Herman Veit Simons. Von Dr. Alphons LßNKJUtL. c*. Sußnitzki. — Die Woche. — Iustizrat Hugo Neumann. — Dr. Ioh. Mich. Szeberiny. — Ein zeitgemäßes Zwiegespräch. Von Bernhard Petuchowski, Berlin. — Hilsswerke der Israelitischen Allianz zu Wien für die Opfer des Krieges. Von A. K—a. — „Die Sieger" von Felix Philippi. Von Ludwig Geiger. — Der Volkserziehungsplan eines Hamburger Juden. Don Dr. P aul Rieger. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencsäni. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. — Büchereinlauf. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Thorn, Breslau, Hamburg, Lübbecke, Cassel, Sennheim (Oberelsaß), New Jork. — Von Nah und Fern. Dem Gedächtnis herman Veit Simons. Eine Trauer- und Gedenkfeier in der Lehra n st a l t für die Wisse n s ch a f t des I u d e u t u in s. Von Dr. Alphons I. Snsrnitzki. an sollte die Bestimmung treffen, das; die Errichtung Vvn Denkmälern nicht eher als fünfzig Jahre, die Veranstaltung von Trauerfeiern frühestens ein halbes Jahr nach dem Tode erfolgen dürfe. Dies würde in unserem Verhalten, das wesentlich durch unser egozentrisches Empfinden bedingt wird, zu einer Art Auslese führen. Wir würden uns sozusagen objektivieren und ans der Einseitigkeit des Gefühlslebens in die abgeklärte Welt der Erkenntnis emporrttcken. •! Mancher Ueberschwang würde sich dann legen und unsere Wertung weit reiner und in sich begründeter in die Erscheinung treten. Auf diesen (für viele ja sehr ketzerischen) Gedanken bin ich unwillkürlich gekommen, als ich an der von der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zum Andenken an ihren verstorbenen Kuratoriumsvorsitzenden, Herrn Geheimen gustizrat Dr. Herman Veit Simon, veranstalteten Trauerfeier teilnahm. Er ist am 16. Juli 1914 gestorben. Plötzlich, unerwartet ist er heimgegangen; gewaltsam, jäh seiner Familie und seinen Verwandten, seinen Freunden und seinen Bekannten, seinem Berufe und seinem sozialen Wirkungskreise entrissen worden. Doch während diese vielen, die chm seelisch so nahe standen, in innerer Erschütterung noch um einen Ausdruck des Schmerzes rangen, brach der Weltkrieg aus, der allen nach außen hervorbrechenden Kummer verstummen ließ und allem lauten Klagen Schweigen gebot. So war es gekommen, daß die längst geplante Trauerfeier erst aus den 21. Februar angesetzt werden konnte. Allein gerade diese unvermeidlich gewordene Terminverschiebung zeigte so recht, wie unvermindert stark die Verehrung für die Person des Verewigten geblieben und wie selbst in weitesten Kreisen noch immer das tiefste Bedauern über feinen frühen Heimgang zu finden ist. Nur leiser tönten die Klagen, gedämpfter wirkten die Schmerzen, verklärt und gemildert durch die resignierte Erkenntnis der unabwendbaren Schicksalsfügung. Es war etwas von jener Stimmung der stillen Nachtlandschast, über die der Mond sein blasses Licht ausgegossen und in die der melancholische Schlag der Nachtigall aus weiter Ferne leise hineinzittert... * Harmoniuinspiel und Chorgesang leiteten stimmungsvoll die Feier ein. Dann betrat Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Her m a n n C o h e n das ganz in Grün getauchte Rednerpult, um namens des Kuratoriums dem Schmerze wegen des schweren Verlustes, der die Lehranstalt betroffen hat, Ausdruck zu verleihen. Geheimrat Cohen begann mit einigen persönlichen Reminiszenzen. An eigene Erlebnisse anknüpfen, heißt notwendig, mehr oder weniger sich selbst mit in den Kreis der Betrachtungen ziehen. Und mau sah es dein Redner ordentlich an, wie er mit dem Ausdrucke rang, als wenn er befürchtete, von sich zu viel zu sagen und damit seine Person zu sehr in den Vordergrund zu schieben. Dabei schilderte er mit größter Bescheidenheit, wie der Verstorbene ihn für die Lehranstalt „entdeckt" und seitdem seine Arbeitskraft der Wissenschaft des Judentums nutzbar zu machen stets getrachtet hat. Sv etwas zu tun, war dem Entschlafenen ein inneres Bedürfnis, das Gebot seines tiefen religiösen Empfindens wie seines starken wissenschaftlichen Triebes. Und mit feiner Einfühlung suchte Geheimrat Cohen dein Wesen des Verstorbenen uachzugehen, dessen Kulturperfönlichkeit, wie er meinte, sich am reinsten als Ausfluß der Wahrheitspersönlichkeit offenbarte. Ich sah das herrliche, von Liebermann gemalte Bild an, das schon in seiner einfachen, schlicht und doch zugleich großzügig wirkenden Farbengebung überaus vortrefflich.das Wesen Veit Simons traf, und ein feines Lächeln schien um seine Lippen zu spielen, als wenn er sagen wollte: „Aber, verehrter Herr Geheimrat, wenn ich auch die mir zugesprochene „Entdeckerrolle" nicht gelten lassen kann, so bleibt mein Verdienst doch immer noch genug, Ihre bewährte Kraft der Lehranstalt und der Wissenschaft des Judentums gesichert zu haben." Und gleichsam die liebenswürdige Abwehr quittierend, teilte Geheimrat Cohen mit, daß das Kuratorium beschlossen habe, bei der nächsten Generalversammlung die Verleihung der immerwährenden Ehrenmitgliedschaft für Geheimrat Veit Simon zu beantragen. Für die eigentliche offizielle Rede war Herr Dr. E l b o g e n ausersehen, der dem Lehrerkollegium angehört und viele Jahre hindurch dem Kuratoriumsvorsitzenden nahestand. Er begann damit, daß er eine Charakteristik des Verstorbenen zu geben versuchte. In scharf geschlissenen Sätzen und überaus fein Pointierten Ausführungen entwarf er eine Schilderung vom Wesen des gefeierten Toten. Blutvoll und lebenswarm