Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 117 (sequence 9)
- Language
- German
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117 Keiner festlich Hellen Stuben Siebenarmig Kerzenschimmern — lieber Scherben, Schutt und Trümmern Raufen sich zerlumpte Buben. In den weihedunklen Schulen Stampfen die Kosakenrosse, Rach dem Lied der letzten Posse Walzen zwei betrunkne Buhlen. Unter der Granaten Pochen, Die den Friedhof gut getroffen — Alle Gräber gähnen offen —, Speit die Erde T o t e n k n o ch e n.*) Darum keine Siegeslieder, Darum keine Freudenkerzell Beugt euch mit zerrißnen Herzen Zur entweihten Erde nieder! In die harten Hände pressen Sollt ihr fest zwei Erdenbrocken! Meine Rechte werde trocken, Könnt' ich deiner je vergessen! Deiner Seufzer, deiner Tränen, Deiner Schwären, deiner Schande! -Judenvolk im Polenlandc, In dem Rachen der Hyänen! — Wer ein gutes Schwert kann schwingen. Wer noch kann die Büchse tragen. Wer da kann die Trommel schlagen, Soll den Arm zum Opfer bringen. Wer die Berge kann bezwingen, Wen ein flinkes Roß getragen. Wer sich auf den Mast will wagen, Soll die Beine uns verdingen. Eure Künste, euer Streben, Eure festen Daseinsplätzc, Eure Häuser, eure Schätze Heischen wir: und euer Leben! Euer Leben, das; nicht sterbe Väterart und Bätcrcrbe. Der neue Lhrilt. Roman von Peter Ujväri. tlebersetzt von Rosa Trencsäni. (Fortsetzung.) icherlich sind Domherren vorzügliche Baufachmänncr, und keiner ist wohl besser berufen, zu beurteilen, ob ein Gebäude gut oder schlecht gemacht sei, als eben sie. Es war eine Freude zu sehen, wie behende und mit welchem Eifer sic mit ihren feisten'Bäuchlein den steilen Brettersteg emporstiegen. Nur der letzte Nachzügler bekreuzigte sich fortwährend, alle übrigen legten den gefährlichen Weg mit heldenhafter Entschlvsseirheit zurück. Sie gelangten auch glücklich bis zum ersten Stockwerk. Du lieber Gott, welche:; weiten Weg hatte sie noch bis zur Kuppel. Und wieviel Arbeit erwartete sie noch. Kollar ließ sie bei jeder Ecke Halt machen und nötigte sie, die Steilic zu beklopfen. Nicht wahr, daß im Vertrage just solche Steine bedungei; wurden? Durfte er also schlechtere geben? Nicht wahr, daß er es nicht durste? Dann ist diese Säule da. Wäre es keine Gotteslästerung von ihm gewesen, wenn er der Kuppel eine Stütze minderer Qualität gegeben hätte? Und *) Geschehen am alten jüdischen Friedhof in Radymno.; auf diese Art ging es weiter. Die Domherren waren entzückt, und als sie nach zwei Stunden der Mühsal endlich wieder die süße Muttererde unter den Füßen spürten, verfaßten sie : das Protokoll. Es enthielt die Erklärung, daß sie, die Domherren des Kapitels, als sachverständige Baukommission am heutigen Tage mit Gottes Hilfe die im Bau begriffene Basilika untersucht und dabei festgestellt hätten, daß die Bauunternehmer treu und pünktlich alle Vertragsbedingungen erfüllt! hätten. Das Material entspreche ganz den Vorschriften, und an der Bauarbeit sei auch nichts auszusetzen. „Na, mein Freund," sagte Pater Luzian händereibend, als sich die Domherren entfernt hatten, „jetzt werden wir doch das Fest der Kreuzanbringung begehen können." Kollar sah weiter als Pater Luzian und ihm genügte das ' amtliche Protokoll nicht. Littauer ist ein halsstarriger Mensch, der auch Verstand besitzt. Ihn wird dieses erlistete Protokoll nicht irreführen, und er wird noch hartnäckiger bei seinem Willen beharren. Man mußte ihm noch auf andere Art beikommen. Und Kollar hatte bald herausgefunden, wie dies zu bewerkstelligen sei. „Gewiß werden wir die heilige Feier abhalten können", sprach er vergnügt zu Pater Luzian. „Glauben Sie mir, Hochwürden, mich erfüllen die süßen und heiligen Schauer der Seelenreinigung, wenn ich bedenke, daß'unser Herr Jesus mich armen Sünder für würdig erachtet hat, dieses rühmliche Werk zum Preise Gottes zu vollenden. Wenn auf dieser herrlichen Kuppel einmal das heilige Kreuz erstrahlt, dann wird es mir sein, als ob das Glaubensbekenntnis meiner Ehristusanbetung zun; Himmel emporstreben würde." „Diese schönen Gefühle gereichen Ihnen zur Ehre, Herr Kollar. Ich wollte, daß jeder Unternehmer solche Gesinnungen hätte." „Ich," erwiderte Kollar stolz, „bin in erster Linie Ehrist und dann erst Unternehmer." Dann, als wenn er nach dem Eigenlob nichts anderes sagen könnte, fuhr er in dem natürlichsten Tone der Welt fort: „Sie sehen, hochwürdigcr Herr, daß wir jetzt schon in Ordnung wären." „Ich glaube, daß wir in Ordnung sind." „Wir könnten das Kreuz anbringen." „Wir werden es anbringen, Herr Kollar." „Gewiß werden wir es, hochwürdiger Herr, doch sollten wir uils vielleicht nicht an den Termin binden. Es wäre nur nicht lieb, wenn eine Disharmonie das Fest stören würde." „Ich verstehe Sic nicht." „Nun, sehen Sie, Hochwürden, jeder Mensch hat seine heiligen Gefühle, und diese soll man respektieren, wenn man sie auch nicht teilt. Wie ich weiß, würde es Littauer nicht gern sehen, wenn die Feier am 24. Juli wäre." „Littauer zählt nicht, lieber Herr Kollar. Seine Eminenz wird dann sein Priesterjubiläun; feiern, deshalb wünscht er. daß an diesen; Tage das Kreuz auf die Kuppel gesetzt werde." „Aber Littauer ..." „Was Littauer! Ich habe Ihnen gesagt, daß der Jude nicht zählt." „Man muß doch auf ihn bedacht sein. Und er wird auf diesen Termin nicht eingehen." „Und was Hütte er gegen diesen Termin einzuwenden?"' „Der hochwürdigc Herr wird cs sicherlich würdigen; haben doch nur wenige so viel Anerkennung für das wahre religiöse i Empfinden wie eben Euer Hochwürden. Also, belieben zu wisien — wie könnte cs Ihnen, den; größten Theologen der Diözese, unbekannt sein —, daß der Ab-Monat der Juden heuer j mit den; Juli der christlichen Zeitrechnung zusammenfällt und i der vierundzwanzigste Juli mit dem neunten Ab, den; größten i Trauertage der Juden."