Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ja," sprach kopfnickend Pater Luzian und freute sich, - einen Beweis seiner theologischen Kenntniffe erbringen zu können, „am neunten Ab wurde der Tempel von Jerusalem zerstört. Tische-be^aw. Und die Juden fasten an diesem Tage. „Auch ich habe es so gehört. Ein dummer und gottloser Brauch, den man in einem christlichen Staate nicht dulden sollte, aber, wenn wir ihn dulden, müssen wir mit ihm rechnen. Littauer ist doch schließlich ein Jude." Pater Luzian blickte Kollar mit großen Augen an. „Was sagen Sie?" fragte er voll Ingrimm, wobei sich seine Lippen bläulich färbten. Kollar tat so, als wenn er den drohenden Zorn des Paters gar nicht währgenvmmen hätte. Ruhig und salbungsvoll fuhr er fort: „Ich finde es natürlich, daß Littauer durch tiefe, unaus- ' löschliche Pietät mit den Erinnerungen dieses Tages verknüpft ist. Finden Sic nicht, Hochwürden, daß es unsererseits un- | geziemend, ja sogar unzart wäre, ihn gewaltsam aus der; elegischen Stimmung dieses Tages herauszureißen und ihn : zu zwingen, ein Kreuz einzuweihen? Finden Sie dies nicht, hochwürdiger Herr?" > Pater Luzians schönes, weißes Gesicht wurde rot, wie die i gebrannten Ziegel. Am Halse und an den Schläfen schwollen! ihm die Adern.! „Was sind das für kalvinische Reden?" fuhr er ihn zornig an.! „Bitte sehr," sprach Ludwig Kolär im Tone beleidigten Selbstgefühls, „das sind keine kalvinischen Reden, das sind die Reden eines guten Römisch-Katholiken. Und wenn Hochwürden noch so böse auf mich sind, ist es meine Ansicht, daß nur Katholiken es nicht übel aufnehmen können, wenn Littauer seine alten Erinnerungen und Gefühle nicht, gleich abgenütztem Trödelkram, wegwerfen kann und seine Religion auch jetzt noch ebenso liebt, wie wir die unsere lieben. Wenn es uns glücklich macht, daß wir unserem Herrn Jesus eine Kirche errichten können, kann es ihn unglücklich machen, daß sein Tempel zerstört wurde. Und daß er die Vollendung dieser christlichen Kirche just an demselben Tage feiern soll, wo er dem Herzen nach um die Zerstörung des jüdischen Tempels trauert, nun, Hvchwürden, das ist ein Wunsch, der . . . ." „Ter uns nichts angeht," fiel ihm Pater Luzian ins Wort. Jetzt erhob auch Kollar seine Stiinme. „Ob es uns angeht oder nicht, ist Littauer nicht der Mann, \ welcher seine religiöse Pietät dem Christentum opfern würde.! Ich wiederhole, hochwürdiger Herr, daß wir uns nicht an den! Termin vom vierundzwanzigsten Juli binden sollen, denn ich! bin fest davon überzeugt, daß Littauer im Notfälle auch mit Gewalt die Feier verhindern wird. Sie denken doch nicht etwa", setzte er höhnisch hinzu, „daß er uns an seinem Fasttage einen; Festtag machen wird?" „Nun, ich will ihm zeigein" sprach der Pater zähneknirschend, ,.daß wir die Feier jetzt schon direkt deshalb an dem Tage abhalten werden." Kollar hatte ans geschickte Art das Gift in die empfängliche Seele des Paters geträufelt. Dieser ging geradenwegs zum Bischof. „Wissen Eure Eminenz schon, welches Attentat der Jude im Sinne hat? Er hat gesagt, daß er nicht dulden wird, daß man am vierundzwanzigsten Juli das Kreuz einweihe, weil er an diesem Tage wegen der Zerstörung des Tempels von Jerusalem trauert." Ter alte Bischof bedauerte von Herzen den irregegangenen Littauer. „Ei, ei! Hat der christliche Glaube erst so schwache Wurzeln in ihm gefaßt? Also trauert er auch jetzt noch um den jüdischen Tempel?"! „Sei unbesorgt, mein Sohn," sprach er tröstend zu dem jungen Priester, „ich werde ihm eine schwere Pönitenz auferlegen. O, o, welche Verirrung." „Jetzt ist von keiner Pönitenz die Rede," klärte Pater Luzian den Bischof auf, „sondern davon, daß der Jude die Anbringung des Kreuzes verhindern will." „Nun, sende ihn nur zu mir, ich werde schon mit ihm reden." Pater Luzian wäre fast aus der Haut gefahren. Dieses unerschütterliche Wohlwollen des Bischofs brachte ihn zur Verzweiflung. Aber nicht umsonst war er ein Jesuitenzögling, es gelang ihm schließlich doch, dem Bischof einzureden, daß man mit dem Juden gar nicht verhandeln dürfe. Er möge einfach den Befehl erteilen, daß an dem betreffenden Tage die Kreuzeinweihung stattfinden solle. Der Bischof erteilte den Befehl, und die Domherren billigten dies, weil Pater Luzian auch ihnen erzählt hatte, aus welchem Grunde Littauer gegen den Termin protestiere. Kollar aber sagte, so oft er dem Pater begegnete, zu diesem: „Sie werden sehen, hochwürdiger Herr, daß der Jnde doch recht behalten wird. Littauer ist nicht der Mann, welcher der christlichen Kirche zuliebe seiner nationalen Trauer entsagen wird." Diese ewigen Sticheleien steigerten Pater Luzians Halsstarrigkeit zu grimmiger Wut. Nun, wir werden schon sehen, wer stärker sein wird. Kollar hatte eine hohe Meinung von der Energie des Paters, immerhin dachte er, daß es besser sein würde, sich nicht allein auf diese zu stützen. Littauer war ein gefährlicher Gegner. Deshalb ging er unter das Volk, um die Schauermär zu verbreiten. Natürlich glaubte auch das Volk daran. Das Volk begriff zwar nicht, worin die böse Absicht Littauers eigentlich bestehe, doch wenn man dies heimlich verbreitete, mußte es eine sehr wichtige Sache sein. Ungefähr so etwas, wie das Schlachten von Christenkindern. „Ihr sollet an Ort und Stelle sein," schloß Kollar seine Hetzreden, und diejenigen, die er als Agenten und Helfershelfer gedrungen hatte, um gegen Littauer Stimmung zu machen, sprachen ebenso zum Volke. „Wir werden dort sein," sagten die Bauern, wobei es in ihren Augen drohend aufblitzte. Selbstverständlich kam das Märchen auch den Juden zu Ohren, und auch diese glaubten es. „So soll ich leben, wie er ein großartiger Mensch ist!" meinte Bernhard Troger, dem Littauers Anhänglichkeit an den jüdischen Glauben so wohl tat wie eine persönliche Schmeichelei. „A Jid is a Jid," sagte Buchsbaum. Auch der Klügste unter ihnen war dieser Ansicht. Umsonst, der Jude verleugnet sich nicht. Das Taufwasser fließt voni Menschen ab, aber das Blut bleibt in ihm. Und das jüdische Blut hat seinesgleichen nicht in der ganzen Welt. Es ist rebellisch, aber nie ganz untreu. Mojsche Essigsieder konnte nur nicht begreifen, warum dieser Littauer gerade jetzt fasten wollte, wo er als Jude nie an Tischebviv gefastet hatte. „Nü, hern'se Reb Mojsche, dus is ajchet a Kasche? Jetzüm wollt e' nischt Tajnes haltn, zi t Hot de grojße Newere getin?"1) Dieses Argument war so einleuchtend, daß man nicht widersprechen konnte. Früher war es anders. Früher hatte er nicht gefastet, weil er damals noch Jude war. Aber jetzt, nachdem er sich getauft hat, muß er doch fasten. Wie soll er für seine Sünde Buße tun, wenn nicht mit dem Fasten? Auch in das Littauersche Herrenhaus drang das Gerücht. Littauer wußte gleich, woher der Wind wehte. Das Ganze war ') Nu», ist das auch eine Frage? Fetzt svll er nicht fasten, wo er die große Sunde begangen hat?