Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
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114 Kriegserklärung, ohne Parlaments-, bloß auf Ministerbeschluß; ohne jede Warnung nahmen die Engländer 400 preußische Schiffe mit etwa 20 Millionen Mark Waren weg und fügten der Schiffahrt Preußens weiteren derartigen Schaden zu, daß die preußische Flagge fast von den Meeren verschwand". Nach der Schlacht von Jena ließ England den Aaren vergeblich bitten, eine Landung in Holland zu unternehmen, um dem unglücklichen Preußen Lust zu machen. Es versagte dem mit Preußen Verbündeten Rußland 4807 eine Anleihe, so daß Rußland nicht in der Lage war, den Krieg sortzusetzen. 1813 gewährte dasselbe England Schweden und dessen Verbündeten 40 Millionen Mark, Rußland 37 Millionen Mark; Preußen dagegen, das mehr Truppen aufbrachte als Rußland und Schweden zusammen, gewährte es nur ,131- Millionen. In ähnlicher Weise unterstützte es Rußland und andere Staaten mit 90 000 Gewehren, ließ sich aber nur dazu herbei, den 120 000 Mann preußischer Landwehr, die in Ermangelung der richtigen Waffen mit Piken exerzieren mußten, 5000 Gewehre zu schicken. Und in der Zahlung dieser verhältnismäßig niedrigen Suminen zeigte es den kleinlichsten Krämergeist, verzögerte die Zahlungen in unverantwortlicher Weise und leistete seine Verbindlichkeiten in Wechseln, statt in barem Gelbe. England war es dann, das dahin wirkte, daß Preußen bei dem Friedensschluß 1815 für seine unsäglichen Mühen und Leiden nicht nach Gebühr entschädigt wurde, England war es, das Napoleon von Elba entwischen ließ, England likP Bülvw bei Ligny im Stich nnd fand wenig Dank dafür, daßbei Waterloo Wellington von den Preußen herausgßhHueü lyurde.' Und auch später bewies es dieselbe FeindschäfMWd dieselbe Treulosigkeit. Es erhob gegen den Zollverein alle möglichen Schwierigkeiten. Wenn es aber im Verlauf der Zeiten für die Befreiung anderer Staaten eintrat: Griechenlands von den Türken, Belgiens von Holland, Südamerikas vast, Spanien, so geschah dies niemals aus Humanität, sondern aus dem Streben, sich Vasallenstaaten zu schassen. .,Es selbst riskiert"' - wie Stoll richtig ausführt — „bei seiner JnseAage nnd der Stärke seiner Flotte nie etwas, profitiert vmn Frieden, tzrssitiert vom Kriege, bindet sich an kein Prinzip, und verkündet heute, die Nichtintervention, um morgen die Intervention zu üben, täuscht die Welt und die öffentliche Meinung durch Phrasen von Gleichheit und Gleichgewicht und greift, wo Ueberredung, List und Drohung nicht verfangen, unbedenklich zur Gewalt, wenn auch nur dem Schwachen gegenüber. Es gibt nur einen einzigen Leitstern der britischen Politik: den Nutzen. Es läßt andere für sich die Kastanien aus dem Feuer holen, wie 1840 die Ostmächte bei der Demütigung Aegyptens; rs läßt andere für sich arbeiten, zum Beispiel die Franzosen den Kanal von Suez bauen, und bringt ihn dann mitsamt Aegypten in seine eigene Hand. Es spielt beim Streite anderer den tertius gsuäon«, wie wenn es nach dem letzten russischtürkischen Krieg, ohne eine Patrone zu verschießen, Zypern gewinnt." . 1854 suchte es Preußen -- freilich vergeblich — in den Krieg zu hetzen, 1864 machte es uns Schwierigkeiten bei dem dänischen Kriege, 1870 beneidete es uns um die großen Erfolge, hatte aber freilich nicht Machtmittel genug, um die Wirkungen dieser Erfolge zu verhindern. Sv ist England nie der Freund, stets der Feind Preußens und Deutschlands gewesen, und die Frage: „Sind wir England Dank schuldig?" muß man mit einem lauten Nein beantworten. Tie Schändlichkeit nnd Verlogenheit, die es bei Anfang dieses Weltkrieges übte, ist in aller Erinnerung. England, das der Gegensatz zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien 1 nicht das mindeste anging, gab vor, den Friedensvermittler zu spielen und hetzte zum Kriege. Es hatte den traurigen Mut,; wegen der Neutralitätsverletzung in Belgien Deutschland den! Krieg zu erklären, obgleich es längst durch Verträge enti schlossen war, die Neutralität Belgiens seinerseits nicht zu respektieren. England — das sogenannte Kulturland — schickt Inder lind Australier gegen die Deutschen ins Feld. Es schont seine Flotte und vermag nur, nachdem es von deutschen kleinen Krell,zern und tapferen Unterseebooten die schlimmsten Schlappen erlitten hatte, mit einer ungeheuren Uebermacht ein paar Krelizer der deutschen Flotte zu vernichten. Wahrlich. Dank sind wir diesem Lande nicht schuldig. Wir müssen alles daran setzen, um seine Weltherrschaft zu brechen. Heiß lind mühevoll ist das Ringen. Kein Vernünftiger wünscht Englands Vernichtung, wohl aber sehnt jeder seine Demütigung herbei. Es muß zur Erkenntnis gebracht werden, daß es nicht allein Weltbeherrscherin ist, sondern die Verpflichtung hat, auch anderen den Platz an der Sonne zu gewähren. II. Der vorstehende Allfsatz war für ein großes politisches Blatt bestimmt. Bei nicht weniger als vier Zeitungen versuchte ich mein Glück, ohne daß ich ihn unterbringen konnte. Die höfliche Antwort, die ich erhielt, war stets die gleiche: „Wir haben Derartiges schon häufig gebracht." Nun kann ich bei einigen Blättern positiv versichern, daß dieses nicht der Fall war, und ich vermlite, daß bei allenr Haß gegen das gegenwärtige England an der Abweisung der leidige Respekt schuldig ist, den man in vielen Kreisen noch immer dem England der Vorzeit zollt. Ich nehme daher den Artikel in meine Zeitung auf, weil ich wünsche, daß diese Ansichten laut werden. i Daß „Wir" in dem ersten Artikel sind lvir Deutsche. Betrachtet man aber die Sache vour jüdischen Standpunkte, so steht sie ellpas anders. Wir Juden müssen in mancher Weise bekennen/ daß wir England Dank schuldig sind. Gewiß "ist es den Juden in England häufig nicht nach Wunsch gegangen, Verfolgung nnd Bedrückungen fehlten nicht, aber seit 2^ Jahrhunderten erfreuen sich die Jllden -Englands der größten Freiheit. Mehrfach sind sie Minister gewesen, die Stelle des Lordmayors von London, also etwa der eines Oberbürgermeisters von Berlin zu vergleichen,, war sicherlich einmal einem Juden verliehen. Mit mannigfachen hohen Aemtern hat man vielfach Juden betraut. Während man es unserem Kaiser höchst ungerechter Weise zum Vorwurf macht, daß er in behaglicher.Tafelrunde häufig hervorragende Juden um sich versammelt, so galt und gilt es in England als etwas Selbstverständliches, daß zu den Intimen des Herrschers die Juden gehören. Auch in Englands Kolonien ist den Juden freie Bahn ge-! öffnet. An den Universitäten in Indien, in den Staatsämtern; Australiens haben Juden wichtige Posten eingenommen, der Einwanderung russischer Juden nach Kanada ist kein Hindernis entgegengesetzt worden. . So scheint es, daß, wenn man die Frage „Wir England Dank schuldig?" auf die Juden bezieht, man die Pflicht hätte, mit einein freudigen Ja antworten zu müssen. Und doch muß nran dagegen mancherlei bemerken. Die Zahl der Inden in England ist verhältnismäßig gering, daher ist die Konkurrenz, die sie gegen andere Bewohner üben, schwach; Wurzel und Grund des Antisemitismus sind also lange nicht so stark wie etwa in Deutschland. Wir wollen die freie Grundlage englischer Verfassung keineswegs gering bewerten, wollen der weitverbreiteten, 31t einem wirklichen Lebenselement gewordenen Hochschätzung verfassungsmäßiger Zustände die große Bedeutung gewähren, die ihr wirklich znkommt, aber man muß dabei stets in Erwägung ziehen, daß der Konkurrenzneid, das Hauptmotiv der gegen die Juden herrschenden ungünstigen Stimmung, in England nicht vorhanden ist und deshalb nicht von Wirkung sein kann. Und ferner wird man den Dank für diese theoretische und praktische Freiheit beschränken müssen. Der Antisemitismus