Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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iit England äußert sich nicht laut, aber er ist latent vorhanden. Als jüngst von dem Hinzudrängen junger Leute zu dem neu zu bildenden englischen Heere die Rede war, wurde von englischer Seite erklärt, daß viele namentlich den vornehmeren Klassen angehörige Engländer sich weigerten, mit Juden zusammen zu dienen, und der Gedanke wurde ernsthaft erwogen, ja, ist vielleicht schon ausgeführt worden, jüdische Regimenter zu bilden. Nach unserem Begriff der allgeureinen Wehrpflicht ist ein solcher Gedanke und dessen Ausführung geradezu entehrend. Ein jüdisches Regiment würde eine so furchtbare Herabsetzung des jüdischen Elements bedeuten, wie sie selbst in den Köpfen der reaktionärsten Deutschen niemals entstanden oder wenn etwa von solchen ausgeheckt, von der Regierung niemals gebilligt worden wäre. Weit schlimmer indessen als diese Kränkungder englischen Juden ist das unwürdige Verfahren Englands den russischen Juden gegenüber. Gewiß: Geld haben sie auch für die Unglücklichen gespendet, cs muß auch zugestau-den werden, daß eine große Hilfsorganisation I. E. A. — „The Jewish Kolonisation Association" englischen Ursprungs ist, wie sie auch jetzt noch den englischen Namen trägt; aber was ist auf diplomatischem Wege von seiten Englands für die Juden in Rußland geschehen? Die englischen Juden sind demselben unwürdigen Paßzwang unterworfen wie die deutschen und die amerikanischen. Amerika hat oft genug laut und energisch gegen diese Zurücksetzung seiner jüdischen Bürger protestiert, es hat bei der Erneuerung der Handelsverträge immer wieder für die Juden (zunächst natürlich für die amerikanischen) Gleichstellung gefordert. England hat nie etwas Aehnliches getan. Nicht einmal freundschaftliche Mahnungen hat es an die verbündete Macht ergehen lassen. Politik und Geschäft sind ihm auch hier über die Grundsätze der Humanität und des Rechts gegangen. Den Gipfel der Schande erklomm England bei. dem Beginne des Krieges. Zu den vielen Lügen, die England ausstreute, gehört auch die, daß es sich dafür einsetzte, Rußland würde nicht mehr gegen die Juden auftreten, daß es behauptete, eine neue Aera würde für die russischen Juden beginnen. Das war nur ein Lockruf für die Juden in England und besonders -auch für die in Amerika. Die Verbindung mit Rußland gegen Deutschland, die bei den Juden und bei vielen Engländern unpopulär war, sollte durch solche Vorspiegelung beliebt gemacht werden. Israel Zangwill, der Träumer, ist wirklich auf diese unwahren Verheißungen hereingefallen; Englands Staatsmänner, bei ihrer intimen Kenntnis der Verrohtheit ihrer russischen Kollegen und des ganzen russischen Volkes, inußten überzeugt sein, daß der Zar, trotz seines Aufrufes an die Juden, gar nicht daran denke, die Juden anders zu behandeln, als es bisher geschehen war. Die Ereignisse, die sich vor unseren Augen vollzogen haben, sind noch schlimmer, als man befürchtete. Verfolgungen und Bedrückungen der Juden in Rußland haben nicht aufgehört, und die wütende Soldateska hat in Polen und Galizien unter den Augen, mit Düldung, vielleicht geradezu auf Aufstachelung ihrer Offiziere gerade gegen die unglückseligen Juden unmenschlich gehaust. An solchen Greueln trägt - das soll man vor aller Welt laut bekunden England d ie moralische Mitschuld. Es wäre seit Jahren, ja seit Jahrzehnten in der Lage gewesen, als Preis für sein Bündnis eine menschliche Behandlung der Juden zu erzwingen; es hat keinen Schritt getan, weil ihin die Unterwerfung des sogenannten deutschen Militarismus wichtiger schien als die Menschlichwerdung Rußlands. Das -humane England, das sich als Kulturträger gerierte, führte aber damit nur große Worte im Munde. In Wirklichkeit war es nur Deutschlands Größe und Deutschlands Macht, die es beneidete. Wennwir Juden bedenken, daß wir zu dieser deutschen -Handelsgröße sehr vieles beigetragenhaben, so dürfen wir, obgleich wir im einzelnen keine Benachteiligung von.England, erfahren haben, und obgleich wir die Verdienste Englands für die Freiheit und speziell für die Gleichstellung der Juden in vergangener Zeit nicht schmälern wollen, doch laut und vernehmlich die Frage: „Wir England Dank schuldig?" auch von jüdischem Standpunkte verneinen. Lmn küntzigjährisen Jubiläum brr deutschen Frauenbewegung Äm 7. M8r? 1915. Von Regina N c i ß c r. s war am Abend des 7. März 1865, als Auguste Schmidt in Leipzig in einem zündenden Vorträge „Leben ist Streben" die deutsche -Frauenbewegung einläutete, die sich bald über ganz Deutschland ergießen sollte. Schon vorher hatte Luise Otto-Peters „Arbeit als Pflicht und Recht gleichermaßen für Mann und Frau" gefordert, während ihre ebenbürtige : Mitstreiterin, Luise Büchner, eine der bedeutendsten und be-! gabtesten Vorkämpferinnen der deutschen Frauenbewegung, ihren Mitschwestern zurief: „Feder und Wort sind euch gegeben, so gut wie den: Manne! Schreibet, redet, erziehet im Dienste der Menschheit! Vergesset es nicht, daß selbst euer kleinstes und bescheidenstes Wirken ein der Menschheit geleisteter Tribut ist!" Diese Worte fanden begeisterten Widerhall in den Herzen ihrer Geistes- und Gesinnungsgenossimieii. allen voran dreier Jüdinnen: Frau Dr. Henriette Goldschmidt, Leipzig, die einzige des großen und glänzenden Kreises der Begründerinnen der deutschen Frauenbewegung, die noch unter den Lebenden weilt und der es vergönnt ist, in harmonischer Frische von Körper und Geist auf jenen denkwürdigen Abend vor fünfzig Jahren znrückzublicken, Lina Morgenstern und Jenny Hirsch gesegneten Andenkens. Die erste Jüdin, die schon Jahrzehnte zuvor für die Ausbildung der Kräfte und Fähigkeiten dos weiblichen Geschlechtes eintrat, war Rahel Varnhagen. Sie erstrebte, ihre Mitschwestern zum Selbstprüfen, Selbstdenken, zu ungehinderter Selbstbestimmung zu erziehen. Johanna Goldschmidt in Hamburg trat schon in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als pädagogische Schriftstellerin in die Oeffentlichkeit. Es war in jener Zeit der Gärung, die dem sturmbewegten Jahre 1848 in politischer, sozialer und religiöser Beziehung voranging, als die Tendenzschrift „Amalia und Rebecca", Briefwechsel einer christlichen Adligen mit einer Israelitin über Zeit- und Lebensfragen 1847 erschien und wie ein zündender Funke wirkte. In einem Briese gab Frau Goldschmidt die Anregung zu einem Verein, der aus die sittliche Hebung des weiblichen Geschlechtes wirken und die begüterten, gebildeten Frauen bestimmen sollte, für die Minderbemittelten und Arbeitenden einzutreten und der weiblichen Jugend eine bessere Bildung angedeihen zu lassen. Die Folge davon war, daß eine christliche Dmue, Frau Amalie Westendarp, Frau Goldschmidts Bekanntschaft suchte und mit ihr gemeinsam 1848 in Hamburg den „Franeuverein zur Bekämpfung religiöser Vorurteile" ins Leben rief. Dieser Verein hat der Gleichstellung der Juden tüchtig vorgearbeitet. In demselben Jahre lernte Frau Goldschmidt Friedrich Fröbel kennen. Seine Vorträge und Lehren erfüllten sie mit hoher Begeisterung, und mit Charlotte Paulsen und Emilie Wüstenfeld gehörte sie zu den Pionieren, welche der Lehre des großen Kinder- und Menschenfreundes in der alten Hansastadt Eingang und Verbreitung verschafften. Damals hatte Frau Goldschmidt ein neues Buch beendet: „Mutterfreuden und Muttersorgen." Worte der Liebe und des Ernstes für.Mütter