Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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iiä t Jj. Älkih. Zum hundertsten Geburtstage (Samstag, den 13. Februar 1915). Von L. W i e s n e r , Wien. m Samstag, den 13. FebruarMeses Jahres, jährte sich zum hundertsten Male der Geburtstag I. H. Weiß'. Die Ereignisse entschuldigen es, daß diesem Tage nicht durch Veranstaltung entsprechender Gedenkfeierlichkeiten Rechnung getragen wurde. Wir können es uns aber auch uüter den obwaltenden Umständen nicht versagen, im folgenden einen Abriß des Lebens- und Werdeganges dieses großen Gelehrten und Lehrers zu geben?) I. H. Weiß wurde am Vorabend des Neumondes Adar im Jahre 5575 (1815) in Großmeseritsch in Mähren geboren. Seine Eltern Meir und Rebekka entstammten angesehenen, durch Gelehrsamkeit und Frömmigkeit ausgezeichneten Familien. Der Vater gehörte dem Kaufmannsstande an. Das Schulwesen jener Zeit stand noch auf einer tiefen Stufe, doch war darin schon ein kräftiger Hauch des Mendelssohnschen Geistes zu verspüren. Man fing bereits an, die Jugend nach der deutschen Bibelübersetzung zu unterrichten und mit den Regeln der hebräischen Grammatik bekannt zu machen. Es wurden allmählich auch außcrreligiöse Stoffe in den Kreis der Unterrichtsgegenstände gezogen. Den ersten Unterricht erhielt Weiß im Cheder, in welchem er bis zu seinem vollendeten achten Lebensjahre verblieb. Ueber Anraten des Ortsrabbiners R. Tobias Levit brachten ihn seine Eltern in die von M. A. Tichler gegründete Schule, welche er nach fünf Jahren mit grundlegenden talmudifchen Kenntniffen verließ. Mit großer Dankbarkeit gedenkt Weiß noch als Achtzigjähriger des ausgezeichneten Lehrers dieser Schule, der, ein früherer Kaufmann, ohne Pädagogische Vorbildung, in dem von ihm notgedrungen ergriffenen Lehrberufe große Geschicklichkeit bekundete und glänzende Erfolge erzielte. Neben Talmud wurden Bibel mit Mendelsohnscher Uebersetzung, hebräische Grammatik nach Bensew eifrig gelernt und auch etwas Mathematik, namentlich zur Kenntnis des jüdischen Kalender- Wesens, betrieben. In den profanen Fächern wurde er täglich durch zwei Stunden von einem besonderen Lehrer unterwiesen, ohne merkliche Fortschritte zu machen. Um die Fähigkeiten des hoffnungsvollen Knaben zur vollen Entwicklung zu bringen, beschlossen die Eltern, einen Lehrer ins Haus zu nehmen, mit der Aufgabe, sich ausschließlich ihrem Kinde zu widmen, und fanden einen solchen in der Person des vielseitig gebildeten Wolf Mühlrad. Der Unterricht dieses Mannes vermachte jedoch nicht den Knaben zu fesseln, hauptsächlich deshalb, weil er mehr auf ein gedächtnismäßiges Aneignen von Meinungen der Dezisoren als auf eine scharfsinnige Behandlung des talmudifchen Materials gerichtet war und an ihn, den Schüler, zu hohe Anforderungen stellte. Ueberdies wurde in dem Knaben, mit der Erlangung der erforderlichen Reife, der Wunsch rege, eine der Jeschiboth, deren cs in Mähren fast in jeder jüdischen Gemeinde eine gab, zu beziehen. Die besuchtesten Jeschiboth jener Zeit waren die von Eibenschitz, Boskowitz und Trebitsch. Da sich die Eltern nicht entschließen konnten, den zarten Knaben in die Fremde ziehen zu lassen, überredeten sie ihn, zunächst die Jeschibah der Heimatgemeinde, an deren Spitze der scharfsinnige Rabbiner Joses Feilbogen stand, zu besuchen. Aber schon nach einigen Monaten begab sich der junge Bachur mit Zustimmung der Eltern nach Trebitsch, wo er im Hause des erst seit kurzer h Die Taten sind den eigenen Aufzeichnungen Weiß' in seinen Memoiren (vnJVüT) und einem aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstages von Svkolow im „Haassis" (Ua^n) ,1886 erschienenen Artikel entnommen. Zeit dort fungierenden Rabbiners Ghajim Josef Pollak ein zweites Vaterhaus fand. Mit großer Fürsorge überwachte dieser Mann, der in den Schriften des Cicero und Senecca ebenso Bescheid wußte wie im Kodex der Sabbatvorschriften, die Studien seines Zöglings und bestrebte sich, ihn in jeder Hinsicht zu fördern. So mußte der Knabe dreimal wöchentlich in Gegenwart des Lehrers hebräische Stilübungen sowohl in Prosa als auch in Poesie anfertigen und eignete sich mit der Zeit eine sornrvollendete Ausdrncksweise seiner Gedanken in hebräischer Sprache an. Entgegen der damals im Schwünge stehenden pilpulistischen Methode weckte der Lehrer in dem Schüler den Sinn für das gerade und nüchterne Erfassen des Talmuds. Mit Wehmut verzeichnet es Weiß im hohen Alter, daß er nicht länger im Hause dieses seines Freundes und Lehrers blieb, dem er so vielfache Belehrung und Anregung verdankt. Im Alter von 15 Jahren ging Weiß nach Eisenstadt, Ivo sich um den aus Mähren stammenden Rabbi Jizchak Mosche Perls eine zahlreiche Jüngerschar, zumeist aus Ungarn, gesammelt hatte. Die Verpönung jedes profanen Wissens und der PilPulistische Geist unter den Bachurim waren für Weiß Erscheinungen, mit welchen er sich nicht befreunden konnte. Wiewohl seine Studien durch den Rabbiner, der hinsichtlich der pilpulistischen Lehrweise von den Rabbinern Ungarns eine Ausnahme bildete und auch weit davon entfernt war, ein Feind profanen Wissens zu sein, günstig beeinflußt wurden, sah er sich dennoch durch das Beispiel mehrerer Kollegen veranlaßt, Eisenstadt zu verlassen. Der weithin gedrungene Ruf der Jeschibah zu Nikolsburg unter der Leitung des Rabbi Nachum Trebitsch zog ihn an, und so begab er sich mit leeren Taschen, aber voller Ideale dahin, ohne seinen Eltern davon Mitteilung zu machen. Dem Aufenthalte in Nikolsburg verdankt Weiß die wertvolle Anregung, sich mit dem jerusälemitischen Talmud eingehender zu befassen, wobei er dessen Bedeutung für die kritische Betrachtung des babylonischen Talmuds würdigen lernte. Nach zweijährigem Aufenthalte in Nikolsburg zwang ihn ein Kopfleiden, das er sich infolge geistiger Ueberanstrengung zugezogen hatte, zur Rückkehr ins Elternhaus. Von da an wurden, wie er sich ausdrückt, die Bücher seine Lehrer. Mit großem Eifer studierte er die Werke Rapaports, Krochmals und Zunz', die nunmehr seine Richtung bestimmten. Talmudische Studien füllten den größten Teil seiner Zeit aus, die übrige Zeit widmete er anderen Wissenzweigen. Allmählich begann er sich schriftstellerisch zu betätigen und trat mit den größten Gelehrten dieser Zeit, so mit Josef Saul Nathanson, Rabbiner in Lemberg, in brieflichen Verkehr, der durch mehrere Jahre anhielt. Durch drei Jahre (1827—1830) stand er selbst in seiner Heimatgemeinde einer Jeschibah vor, die später, wie auch andere in Mähren, einging. Im Jahre 1858 kam Weiß nach Wien und fand in der großen Druckerei Samarski und Ditmarsch als Korrektor Anstellung. Nach etwa einem Jahre wurde er in der von Dr. Jellinek gegründeten Beth-Hamidrasch als Lektor berufen, womit eine lange Periode seiner segensreichen Lehrtätigkeit begann. Eine beträchtliche Zahl hervorragender Rabbiner und Prediger großer Gemeinden zählt zu seinen Schülern. In der Behandlungsweise des Talmud schlägt Weiß die freie kritische Methode ein und schrickt zuweilen nicht davor zurück, eine Lesart als unrichtig zu erklären. Im allgemeinen warnt er davor, talmudische Aussprüche mit modernen Begriffen und Anschauungen zu interpretieren und in ihnen etwas zu suchen, was der Denkart der Alten ferne lag. Ein Feind jeder schroffen und rücksichtslosen Polemik, schonte er seine Gegner auch dann, wenn er ihren Ansichten entgegentreten zu müssen glaubte. „Es gibt kein Buch", pflegte er zu sagen, „aus dem wir nicht auch etwas Gutes lernen