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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-05 · Heft 10 (5.3.1915) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 10 (5.3.1915)
Date
1915-03-05
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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Guyot hat nur vergessen, seinen Landsleuten den Weg zu zeigen, wie sie zuerst einmal Flandern und die Champagne znrückerobern können. Auch scheint ihn der Erfolg, den Sasanow mit seinen in der Duma geäußerten Wünschen aus Konstantinopel iu Bukarest und Sofia errungen hat, nicht schlafen zu lassen. Es ist aber immer ganz nützlich, wenn die Neutralen rechtzeitig erfahren, was sie von einem Liege des Dreiverbandes zu erwarten hakten. * Leichnkt dir?writr Kriegsanleihe! Die Stunde ist gekommen, da von neuem an das gesamte deutsche Volk der Ruf ergehen muß: Schafft die Mittel herbei, deren das Vaterland zur Rriegführung notwendig bedarf! Von der ersten deutschen Kriegsanleihe hat man gesagt, sie bedeute eine gewonnene Schlacht. Wohlan denn, sorget dafür, daß das Ergebnis der jetzt zur Zeichnung aufgelegten zweiten Kriegsanleihe sich zu einem noch größeren Liege gestalte. Das ist möglich, weil Deutschlands finanzielle Kraft ungebrochen, ja unerschöpflich ist. Das ist nötig, denn Deutschland muß gegen eine Welt von Feinden sein Dasein verteidigen und alles einsetzen, wo alles auf dem Spiele steht. Und schließlich: Es ist nicht nur Pflicht, sondern Ehrensache eines jeden einzelnen, dem Baterlande in dieser großen, über die Zukunft des deutscheil Volkes entscheidenden Zeit mit allen Kräften zu dienell und zu helfen. Unsere Brüder und Söhne draußen im Felde sind täglich und stündlich bereit, ihr Leben für uns alle hinzugeben. Von den Daheimgebliebenen wird Kleineres, aber nicht Unwichtigeres verlangt: ein jeder von ihnen trage nach seinem besten Können und Vermögen zur Beschaffung der Mittel bei, die unsere Helden draußen mit den zum Leben und Kämpfen notwendigen Dingen allsstatten sollen. Darum zeichnet aus die Kriegsanleihe! Helfet die Lauen ausrütteln! Ulld wenn es einen Deutschen geben sollte, der aus Furcht vor finanzieller Einbuße zögert, dem Rufe des Vaterlandes zu folgen, so belehrt ihn, daß er seine eigenen Interessen wahrt, wenn er ein so günstiges Anlagepapier, wie es die Kriegsanleihe ist, erwirbt. Jeder Nluß zum Gelingen des großen Werkes beitragen! * Aus dem Bureau des Herrn Tr. Franz Oppenheimer geht uns folgender Artikel zur Veröffentlichung zu: A n gebl i ch e I u d e n verfolg it n g e it i n P a l ä st i n a. Englische Zeitungen brachten vor kurzenl aus Aegypten Nachrichten über angebliche Judenverfolgungen seitens der Türken und Araber in Palästina. Insbesondere wurde gemeldet, der Zionismus sei von dem Befehlshaber des 4. Armeekorps als eine revolutionäre Bewegung bezeichnet worden, die ausgerottet werden nlüsse. Die jüdischen Ansiedler sollten durch Osmaneu ersetzt werden. Die Anglo- Palästinabank sei unter Umständen liquidiert worden, die eine Zahlungsunfähigkeit als sicher erscheinen lassen und den Ruin der kleinen Siedler zur Folge haben werden. Aus den Gebrauch der jüdischen Nationalsondsmarken sei Todesstrafe gestellt. Die „Kölnische Zeitung" hatte mit Recht schon gleich an die Wiedergabe dieser Nachrichten den Vorbehalt geknüpst, daß sie offenbar bezweckten, bei den Juden in Europa Stimmung gegen die Türken und deren deutsche Verbündete zu erwecken. Nach zuverlässigen Nachrichten sind die gemeldeten Tatsachen teils erfunden, teils übertrieben. Die Anglo- Palästinabank war als ein englisches Unternehmen wie alle anderen ausländischen Banken geschlossen worden. Sie soll aber jetzt mit Rücksicht auf die hierdurch erfolgte Gefährdung der jüdischen Siedlungen wieder geöffnet werden. Es .ist auch eine starke Auswanderung von russischen Juden -aus Palästina erfolgt. Dies war aus folgende Tatsachen zurückzusühren: In Palästina .lebten vor Ausbruch des Krieges 40000 bis 50 000 russische Juden, die wegen der Schwierigkeit der Naturalisation bisher das türkische Staatsbürgerrecht nicht erlangt hatten. In einem Notgesetz, das von dem größten Wohlwollen gegen die jüdische Bevölkerung zeugt, hat die türkische Regierung die sofortige Aufnahme der russischen Juden unter Befreiung der früher erforderlichen Formalitäten gegen eine Kopfsteuer von i 40 Frauken erlaubt. Ein Teil der ärnreren Bevölkerung, der nicht! in der Lage war, diese Kopfsteuer zu entrichten, und auch andere russische Juden, die Repressalien gegen ihre Angehörigen in Rußland befürchteten, zogen es vor, statt die türkische Staatsangehörigkeit zu erwerben, nach Aegypten auszuwandern. Mit Rücksicht auf die Armut der in betracht konnnenden Beölkerung hat späterhin die türkische Regierung sogar die Kopfsteuer erlassen. Es sind demzufolge zirka .15 000 erwachsene russische Juden nebst Familienangehörigen in den türkischen Staatserband ausgenommen worden und etwa 5000 Personen ausgewandert. Daß unter den Auswanderern nach Lage der Dache große Not herrscht, ist einleuchtend, kann aber nach dern oben Gesagten der türkischen Regierung nicht zur Last gelegt werden. Während der übereilten Auswanderung haben sich untergeordnete Beamte Uebergrisse zuschulden kommen lassen. Diese Beamten sind aus Beschwerde durch Verfügung des türkischen Ministerrates abgesetzt worden. Die türkische Regierung hat in Palästina ein so weitgehendes Entgegenkommen gegenüber der Notlage der russischjüdischen Bevölkerung bewiesen wie keine der Ententemächte gegen die Angehörigen der feindlichen Staaten. Von irgendeiner Verfolgung der Zionisten und der jüdischen Ansiedlungen in Palästina kann hieri nach durchaus keine Rede sein. England muß sich schon einen andereil Agitationsstoss suchen, wenn es die Juden der neutralen Länder gegen Deutschland und seine Verbündeten aushetzen will. * Wenn wir uns im allgemeinen in dieser schweren Zeit auch nicht mit Polemik befassen, so geben wir doch einen Artikel aus der „Ungarländischen Jüdischen Zeitung" wieder: „Die B e r l i n e r „A l l g e m e i n e Z ei t u n g d es I ubc u - t u in e s" bringt einen höchst bemerkenswerten Artikel aus der Feder des Dr. Geiger, dessen Konklusion Gegenstand ernster Erörterung werden wird. Geiger sagt bezüglich der russischen Juden: „Gewiß trauern wir darüber, aber werden wir je in der Lage sein oder auch nur den Willen haben, den Glaubensbrüdern tut Osten zu Helsen? Wird uns, wie wir hoffen, der endgültige Sieg beschieden sein, sollen dann wirklich wieder.Millionen nach Rußland fließen, nach dem Feindeslande, nur die Wunden 51t heilen, die Neid und Haß unseren Glaubensbrüdern geschlagen?" Diesen Ausführungen tritt die in Berlin erscheinende „I ü d i s ch e R u u d s ch a u", das Zentralorgan der Zionisten der Zentralmächte, in einem Artikel entgegen, der ein bewundernswertes Gleichmaß von mutiger Prinzipientreue und einen vom Burgfrieden gedämpften polemischen Ton aufweist. Das Blatt beruft sich auf die glänzende Haltung der deutschen Juden in diesem Kriege, \ als Schutz gegen eine mißverständliche Auffassung, wenn es versichern muß, daß es an der Einheit des Judentums festhalte. Ter Wille, beit Glaubensbrüdern in Rußland zu Helsen, werde unter allen kommenden Umstünden bestehen bleiben. So mannhaft unb edel die Ausführungen der „Jüdischen Rundschau" klingen, so soll hier dennoch bemerkt werden, daß die Wahrheit auch hier in der Mitte liegt. Die Pflicht ■ dern Vaterlande gegenüber, die uns heute veranlaßt, dem russischen Glaubensbruder bewaffnet entgegen zu treten, wird uns auch eine Zeitlang nach dem Kriege bemüßigen, unsere Kraft und unsere Leitung innerhalb der Grenzen der Zentralmächte zu betätigen. Nach der Krisis des Krieges wird der Zustand der Rekonvaleszenz folgen, welche eine gleiche, fast ausschließliche Hingabe fürs Vaterland von uns wird fordern müssen, wie wir sie zur Kriegszeit allen voran bewiesen haben. Tie Zionisten, welche die Staatsidee am tiefsten erfassen, werden auch irr der Rekonvaleszenz ihre Pflicht so idealernst erkennen, wie sie es als Soldaten taten. Nicht von einer Spaltung zwischen Ost und West sei die Rede, wohl aber von einer gewissen Arbeitseinteilung. Galizien und Oberuugarn hat als treuer Bundesgenosse Prioritätsrechte an der großen Hilfsaktion, welche die deutschen Juden gewiß nach dem Kriege entwickeln werden. Bedenken wir, welche Mittel sich den russischen Juden in Rußland selbst und aus den Verpflichtungen der Ententeländer sowie aus dem uu-; gehen reu amerikanischen Reservoir erschließen werden. Diese Arbeits- I einteilung ist gleichzeitig ein Gebot objektiver Gerechtigkeit und der mit frischem Blute besiegelten Treue zum Baterlande und wird uns sicher davor behüten, daß diese Harmonie der jüdischen und patriotischen Herzensstimmen durch keinen Mißton der Verkennung unseres ehrlichsten Willens zur Erhaltung der Einheit des Judentums gestört r werden kann."

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