Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
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Zeichen der Frömmigkeit zu schenken? Achtet unsere Religion gar nicht auf das Herz, auf die Gesinnung? Keine geringere Autorität in rcligionsgesetzlicheu Fragen als der große Maimvnides spricht es linumwunden aus, daß alle religiösen Formen und Handlungen nur dann irgendwelche Bedeutimg, irgendwelchen Wert haben, wenn uns bei ihrer Ausübung zum Bewußtsein kommt, daß sie der Ausdruck unseres religiösen Empfindens sind, daß sie aber als leere Handlllngen nutzlos und nichtig bleiben. Und den gleichen Standpunkt vertritt das Religionsgesetzbuch der ganzen Judenheit, der Schulchan Aruch, uu'im er lehrt: „Besser ist es, wenig zu beten — aber mit Andacht, als viel und ohne Andacht."-') Wir sehen also überall das biblische.Verlangen vorherrschend, Gott zu lieben, „mit unserem ganzen Herzen, mit unserer ganzen Seele, mit unserem ganzen Können"/') das heißt, mit unserem Innersten und nicht nur uüt dem, was andere sehen. Und ist es ein Zeichen von Gefühlsarmut, wenn die heilige Schrift selbst das Gebot aufftellt: „Freuen sollst du dich an dem Ewigen, deinem Gott"?') Hier wird die Freude an Gott, die Lust an allem Guten und Edlen zur religiösen Vorschrift erhoben. Zn der Art und Weise, wie sich jemand seinen Gott vorstellt, wie er ihn empfindet, spiegelt sich seine eigene Lebensstimmung wider. Wie denkt sich die jüdischeReligion ihren Gott? Ist er — um ein bei den Christen beliebtes Wort zu gebrauchen - uns wirklich ein „Gott der Rache"? Schauen wir ihn nicht in einen: ganz anderen Licht? Wer das jüdische Gebetbuch mit Fleiß liest, kann au zwei Stellen nicht vorübergehen, ohne in: Nachdenken längere Zeit bei ihnen zu verweilen. Da sagen wir in: täglichen Morgengebct von Gott: „Habaucher bcschiro simro", daß er sich zu seinem Preise den Gesang auserkoren habe. Welch eine heitere Auffassung des Daseins, welch frohe Lebensstinunung enthält die jüdische Religion mit dieser Vorstellung von Gott, tvenn sie ihn einen Gott des Gesanges nennt. Liebt ein von Wut und Rachegelüsten schnaubender Gott Lieder? Bekanntlich schaffen wir uns den philosophischen — nicht den biblischen - Gott nach unserem Ebcnbilde, das heißt, wir malen ihn uns so aus, wie wir Menschen sind oder besser, wie wir sein sollen. Und — „böse Menschen haben keine Lieder". Das andere Beispiel spricht ebenso deutlich. Alle religiösen Feste - die öffentlichen und die privaten - - werden mit einen: Segenssprilch über den Wein eingeleitet. Und in diesen: preisen wir Gott als den Schöpfer der Rebe. Mit den Worten „Baure pri hagofen" danken wir ihm für diese herrliche Gabe. So denkt nicht von Gott eine Religion, die sich durch seine Gesetze eingeengt fühlt. Einen Gott des Gesanges und einen Spender des Weins besingt nur d i e Religion, die gefühlsreich ist. Eine schöne alt-jüdische Erzählung vernichtet am besten das Märchen von: „Gott der Rache". In dieser lesen wir, daß die Engelchöre nach dem Durchzug der Kinder Israel durch das Rote Meer ein Lied zum Lobe des Allerhöchsten anstimmen wollten. Da habe ihnen Gott zugerufen: „Schweiget, singet nicht, denn die Aegypter, die a>:ch meine Kinder sind, kamen im Roten Meer um." Zu jeder Zeit gab es in Israels Mitte sehr viele, die nicht das Gesetz in seinem strengen Sinn erfüllten, die ihm eine freiere Auslegung, ja manchmal nur die Bedeutung eines poetischen Bildes gaben. Aber niemals hat darum unsere Religion diese sogenannten Freigeister aus ihren: Bereich gestoßen, niemals hat sie ihnen deshalb auch nur ein einziges Recht genommen oder ihnen gar die Zugehörigkeit zum Judentum abgesprochen. Hiermit ist sie nicht nur eine Religion der Liebe und Duldung 'I Lchulchaii Aruch, Lrach bhaim. 5. B. M. Kap. 6 Vers 5: '> 5. B. M. Kap. ü> Vers 2. geworden, sondern zur Verkünderin der Tatsache, daß sie keinen ihrer Bekenner ablehnt, der ihre Gesetze nicht in der vorgeschriebenen Weise ausübt, sondern in der Art, wie er sie empfindet und seelisch auslebt. Dir Woche. Berlin, den 2. März 1915. olle sieben Monate währt nun der fürchterliche Krieg. Die Kriegslage hat sich seit der vorigen Uebersicht wenig geändert. In Südostgalizien finden täglich heftige Kämpfe statt, die zugunsten unfern Verbündeten zu verlaufen scheinen; in Polen bereiten sich große Ereignisse vor, über die wir einstweilen nichts Näheres erfahren. Der Seekrieg gegen England wird fortgesetzt; er hat den unmittelbaren Erfolg, daß täglich ein englisches Handelsschiff torpediert wird, manchmal mehrere, den mittelbaren, daß die Seeverbindung von und nach England unterbunden wird, dergestalt, daß holländische, schwedische und andere Schiffe sich scheuen, die gefahrvolle Fahrt nach England zu unternehmen. Im Westen finden häufige Kämpfe, Angriffe der Verbündeten gegen die Deutschen an vielen Stellen, namentlich in der Champagne, statt; ihr Erfolg ist gering, von einem wirklichen Durchbruch der deutschen Linien nirgends die Rede; im Gegenteil, die deutschen Truppen haben mit bewundernswertem Mute die Angriffe abgewiesen und schölle Resultate erzielt. Amerika scheint allmählich eine günstigere Stellung zu uns, eine ungünstigere gegen England und Frankreich anzunehmen; es sieht so aus, als wenn es sich allmählich der Pflichten wirklicher Neutralität zu erinnern ansängt. Bei dieser Sachlage, die für uns eine überaus günstige ist - die Zahl der in Deutschland und Oesterreich gefangenen Feinde hat bereits eine Million überschritten, während die der gefangenen Deutschen noch lange nicht zweihunderttausend beträgt, also noch lange nicht den fünften Teil bei der Tatsache, daß der Krieg fast nirgends mehr auf deutschem Boden sich abspielt, sondern der größte Teil Belgiens, ein Sechstel Frankreichs und ein großes Stück Polens von deutschen Truppen besetzt sind, bei der ferneren, daß die heftigen Angriffe der Gegner nirgends einen ersichtlichen Erfolg aufweifen, ist ihre Ueberhebung schwer zu begreifen. Ein höchst auffälliges Zeichen dieser durch nichts gerechtfertigten Ueberhebung ist folgender Artikel, den wir der „Vosfischen Zeitung" entnehmen: K r i st i a n t a, 26. Februar. „Astenposteil" meldet aus London: Der frühere französische Arbeitsminister Dves Guyot habe gestern abend in London einen öffentlichen Vortrag über die F r i ed e n s b ed i ng u n ge n de r Alliierten gehalten. Er erklärte, man müsse dem Beispiele folgen, das Napoleons Gegner gaben, als sie 1815 sich weigerten, über den Frieden zu verhandeln, bevor nicht Napoleon sich in ihre Hände gegeben habe. Die Alliierten müßten sich bestimmt weigern, mit den Hohenzollern zu verhandeln. Das sei die erste Bedingung. Alsdann müßte Preußen die N Heinproprinz und Westfalen abtreten, damit sie ein eigenes Reich bildeten. Alles was Preußen 1815 erhalten habe, müsse zurückgegeben werden. Die Annektion von Schleswi g-Holste i n müsse aufgehoben und Frankreich Elsaß-Lothringen zurückfordern und jenes Territorium, das - Frankreich 1815 an Preußen abgetreten hat. Mehr dürfe Frankreich in Europa nicht -verlangen, Belgien dürfe sein Landgebiet nicht erweitern; davon könne gar feine Rede sein. Der Kieler Kanal müsse neutral, das Königreich Polen wieder errichtet und Rußland der. Bes i tz e r K o u st a n tinopels werden. Die deutschen Kolonien würden unter England, Frankreich und Japan verteilt werden. D i e nentra l e n M ä ch t e hätten an den Friedensverhandlungen n i ch t t e i l z u n e h m e n.