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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-05 · Heft 10 (5.3.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 10 (5.3.1915)
Date
1915-03-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 5. März 1915 79. Jahrgang Nr. 10 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-pre'is-. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32\. Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, SerUn, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Reduktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße <*6-99, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. 3ff die jüdi'che Religion gefühlsarm? Von Rabbiner jßNLIUTL. Dr. Gelles, Lissa. — Die Woche. — I. H. Weiß. Von L. Wiesner, Wien. — Wir England Dank schuldig? Von Ludwig Gei ger. — Zum fünfzigjährigen Jubiläum der deutschen Frauenbewegung den 7. März 1915. Von Regina Reißer. — Feuilleton: Makkabüergedanken im Felde. Von Dr. Hugo Zuckermann. — Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencseni. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Antonienhülle, Breslau, Aus der Provinz Posen, Rawitsch, Leipzig. Kolberg, Harburg, Köln a. Rh., Mnischek b. Prag, Konstantinopel. — Von Nah und Fern. Ist LieMilchkKeligwn gefühlsarm? Von Rabbiner Dr. Gelles, Lissa. it dem Eintritt der Juden in die abendländische Kultur und Geschichte begann auch das Interesse der Christen für die biblische Literatur der Juden zu erstarken und zu wachsen. Ohne indes den Sinn der religiösen Literatur aus seiner Uebertragung in die Wirklichkeit, aus der Art und Weise, wie er gelebt wird, zu erkennen, ging man sogleich dazu über, der jüdischen Religion ein wenig günstiges und gerechtes Prädikat zu verleihen: Man sprach ihr die Seele ab, nannte sie eine wandelnde Mumie; man machte ihr die Menge der Vorschriften lind Gesetze zum Vorwurf, erblickte darin das Bestreben, den Menschen nur äußerlich religiös zu gestalten und stellte ihr als leuchtendes Vorbild das Christentum, als Religion der Verinnerlichung, gegenüber. Seitdem begegnen wir bis auf den heutigen Tag (vergleiche F. Neumanns „Gotteshilfe") in all den Schriften christlicher Autoren, die das Wesen unserer Religion besprechen, der Anschauung, die jüdische Religion verlange nur von ihren Bekennern ein starres Befolgen der Gebote, rufe ihnen nur zu „du mußt", „du sollst", „du darfst nicht", ohne dem einzelnen zu gestatten, nach seiner Art die Religion seelisch zu erleben, innerlich zu verarbeiten. Ist dein in Wirklichkeit so? Ist unsere Religion gefühlsarm? Ganz und gar nicht! Eine jede Religion hat ihren Ursprung und Sitz im Gefühl, entspringt aus dem natürlichen Verlangen des Menschen zu wissen, wohin er in dieser Welt gehört, wie er sich am besten in ihr zurechtfindet, zu erkennen, welcher Art die Beziehungen sind, die gerade ihn mit der ihn umgebenden Welt verknüpfen. Aus der Tatsache also, daß alle Religionen ans dieser gleichen Quelle fließen, ergibt sich mit Notwendigkeit, daß man von keiner positiven Religion schlechthin sagen könne, sie entbehre der gefühlsmäßigen Momente. Aber nicht nur aus diesem allgemeinen Grunde steht die jüdische Religion auf dem Boden des Gefühls, insbesondere vielmehr aus der nämlichen Ursache, der zufolge sich die christliche Religion, die Struktur einer Gefühlsreligion gegeben hat. Wer wird denn Mose, dem Verkünder des Gesetzes, entgegengestellt? Jesus. Und obwohl er selber gesagt haben soll: „Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen", so ist doch sein Name das Signal für die Ablehnung des bisherigen Gesetzes oder richtiger der bisherigen Lehre. Aber das Christentum basiert ja gar nicht auf der Abschaffung der Lehre, sondern auf der Persönlichkeit seines Begründers. Es erblickt in ihm den Erlöser der Menschheit, der mit seinem Tod den seelischen Nöten all derer ein sicheres Ende bereitet, die sich zu ihm bekennen. Er ist der Messias, der angeblich die Zeit des ewigen Gottesfriedens ans Erden gebracht. Hat-aber die messianische Idee — und darauf kommt cs vor allen Dingen an — im Christentum ihre Wurzeln? Weit gefehlt! Sie ist eine Geburt der jüdischen Religion und hat in den Propheten ihre Verkünder gefunden. Wie aber ist sie entstanden? Ist sie das Phantasiegebilde eines Schwärmers? In den politisch unglücklichen Zeiten Alt-Israels war es eine Frage, die die Gemüter aller gefangennehmen mußte: „Wie kommt es, daß gerade wir, das Volk Gottes, ein wenig glückliches Staatsleben führen? Wo ist der Gott, der uns seinen Schutz und Beistand gegen alle unsere Feinde versprochen hat? Wird er sich gar nicht zeigen? Wird niemals zur Wahrheit werden, was seine Lehre predigt, daß er der einzige Gott sei, und daß demzufolge alle Völker sich zu ihm bekennen und deshalb einst mit Israel selbst sich verbrüdern werden? Aus solchen Fragen der geängstigten Seele entsprang die Gewißheit, daß Gott nicht dauerndes Unrecht dulden könne, daß einst kommen müsse die Zeit, in welcher Not und Elend schwinden, in welcher sich bewähren werde der Glaube daran, daß eine gute Handlung auch den gerechten Lohn verdiene. Als Antworten auf solche Fragen müssen wir die prophetischen Verkündungen eines Jesaja und Micha begreifen. Aber nicht nur das Entstehen der messianischen Idee beweist, daß innerhalb der jüdischen Religion den Forderungen des Gemütes in weitestem Maße Rechnung getragen wurde. Indem wir den Glauben an diese Verheißung des Sehers zum Glaubenssatz, zur Stütze der jüdischen Religion erheben und die messianische Verwirklichung erst an das „Ende der Zeiten"') verlegt haben — im Gegensatz zu allen anderen Völkern, die bekanntlich ihr goldenes Zeitalter im Anfang ihrer Geschichte erblicken —, haben wir einem jeden Geschlecht, einer jeden Zeit die frohe Hoffnung geschenkt, ihren Teil mitzuarbeiten an der Herbeiführung jener ewig-heiteren Tage. Die Pflicht, an das messianische Ideal zu glauben, ist also gleichbedeutend mit der Anfsordernng, seinen Einzug in die Wirklichkeit vorzubereiten und einzüleiten. Eine Religion des Optimismus ist darum die jüdische Religion durch die Verkündigung der messianischen Idee geworden, sie vertröstet nicht auf das „Himmelreich", sondern bejaht das Leben. Sie bewahrt uns vor dem Skeptizismus und bindet es uns auf die Seele, auf glückliche, ja auf glücklichste Zeiten noch in diesem Leben zu hoffen. Wer wollte da wohl noch behaupten, die jüdische Religion enge uns durch ihre Vorschriften die Seele ein? Und wie steht es mit diesen Vorschriften selbst? Genügt ihre bloße Erfüllung, um uns im Sinne unserer Religion das ') Micha IV.

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