Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-26 · Heft 9 (26.2.1915) · p. Seite 108

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 9 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229187--71133-3283455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

108 Literarische Mitteilungen. — Zahrbuchfür jüdische Geschichte it :: b 2 i te r q t u r, Band XVIII, herausgegeben vom Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland. Berlin 1915. Verlag von M. PoPpelauer. Trotz aller Schwierigkeiten, die die Kriegszeit mit sich brachte, ist es der Leitung des Verbandes gelungen, auch den nun vorliegenden achtzehnten Band seiner jährlichen Publikation in Inhalt und Form so auszustatten, daß er den vorangegangenen in keiner Weise n-ach>- steht und als eine Lektüre von literarischem Wert begrüßt zu werden verdient. Tie Reihe der dargebotenen Abhandlungen eröffnet, wie immer bisher, Martin Philippson mit einem trefflichen Ueberblick auf das verflossene religiöse Jahr (5674), „das an seiner Wende ausschließlich von dem igewaltigen, erschütternden Ereignisse, dem beispiellosen Kriege, den wir mit erleben und durchfechton, beherrscht wird". Dem grausigen Krieg und seinen traurigen Begleiterscheinungen sind auch in der Hauptsache seine ebenso interessanten wie beachtenswerten Ausführungen gewidmet, aus denen der überzeugungstreue Jude nicht minder als der begeisterte deutsche Patriot in warmherziigier Weise zu uns spricht. Der nächstfolgende Aufsatz ist der von S. Bernfeld: Literarische Iahresrevue. Auch hier sind die Gedanken über den Krieg vorherrschend. „Die Erforschung des Indenbums" — bemerkte er einleitend — „wurde durch den Krieg gehemmt und unterbrochen." Dessen ungeachtet bemüht er sich, soweit es ihm unter den obwaltenden anormalen Verhältnissen möglich war, uns mit den Neuerscheinungen auf dem Gebiete des jüdischen Schrifttums vertraut zu machell und widmet einigen Publikationen von besonderer Bedeutung, wie namentlich der kürzlich zur Ausgabe gelangten Arbeit von B. Keller mann: Die Kämpfe Gottes von Levi ben Gerson (liebersetzung und Erklärung des Handschriftlichen Textes) eine längere Würdigung, was gegenüber seiner bisherigen Gepflogenheit, selbst beachtenswerte Neuerscheinungen nrit einigen nichtssaigenden Worten abzutun, ein wesentlicher Fortschritt ist. Einen umfangreichen Raum des Jahrbuches nimmt der Beitrag von Hermann Cohen ein: Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum. Es ist, was nicht erst betont zu werden braucht, eine tiefgründige Studie, die an den Intellekt des Lesers gelvisse Forderungen stellt, aber bei einiger Vertiefung in die Materie findet an dem philosophischen Inhalt auch der Laie Gefallen und, was die Hauptsache ist, reichliche Belehrung. Ob Spinoza wirklich, wie der gelehrte Verfasser zum Schluß behauptet, „für die neuere Geschichte des Judentums das schwerste Hemmnis und daher ein großes Mißgeschick bildet", wollen wir hingestellt sein lassen. Ohne weiteres aber können wir seiner Folgerung zustimmen: „Wer die Propheten ausschließlich nur nach Christus verstehen frnm, der kann Mose nicht in und an sich verstanden haben. Und wer Mose und die Propheten nicht in ihrer Eigenart verstanden hat, für den muß auch in seiner ferneren Geschichte das Judentum ein Rätsel bleiben", usw. In das Gebiet der schönen Literatur führt uns L u d w i g G e i g e r mit seiner ebenso populären wie lehrreichen Skizze über Heinrich Laube und die Juden. Er zeigt nns den Dramatiker in seiner wahren Gestalt -und bezeugt mit seiner Darlegung, die reich! an wissenswerten und bisher unbekannten Momenten ist, „wie ein hervorragender deutscher Schriftsteller zeitlebens mit dem Iudenproblem rang, daß er zwar viele schiefe Urteile fällte, gegen Einzelne und das Judentum ungerecht wurde, daß er aber einigen Juden volle Gerechtigkeit widerfahren ließ und selbständig über eine große weltgeschichtliche Erscheinung zu denken bemüht war". Ein besonderes Lob für Heinrich Laube ist das nicht, soll es wahrscheinlich auch nicht sein. Selbständiges Denken über weltgeschichtliche Erscheinungen verlangen wir von jedem denkenden Menschen und von einem Dichter erst recht. Einen würdiger: Abschluß des wissenschaftlichen Teiles bildet der Allssatz vor: FelixPerles über den im vorigen Jahre verstorbenen Wilhelm Bacher, von dem er zum Schluß mit Recht bemerkt: Nicht bloß diejenigen, die das Glück hatten, zu seinen Füßen zu sitzen, sondern alle heutigen jüdischen Gelehrten fühlen sich ihn: verschuldet und müssen bekennen: „Deine Schüler sind wir und aus deinen Quellen trinken wir." Unter den von Perles aufgesührten Schriften des Verstorbenerr sei hier rwch sein letztes Werk „Tradition und Tradenten in den Schulen Palästinas und Babyloniens" genannt, das Perles wahrscheinlich aus dem Grunde nicht mit angegeben hat, weil es erst nach der Drucklegung seiner biographischen Skizze zur Ausgabe gelangt ist. Als ein ansprechendes, vorzüglich gelungenes Kulturbild möchten wir die sich anschließende Erzählung von Ulla Wolfs (Ulrich Frank) „Die Eisenbergers" bezeichnen, die sich den in den früheren Jahrgängen erschienenen Novellen der geistreichen Verfasserin würdig unrecht. Aus dem sonstigen Inhalt des Jahrbuches 1915 erwähnen wir noch zum Schluß das Kalendarium, das sich als eine praktische Zugabe bewährt hat, und die Mitteilungen aus dem Verband der Literaturvereine, deren Zahl gegenwärtig 217 beträgt. Der Bericht schließt mit dem Wunsche, daß das kommende Jahr die blutigen Wunden, die das vergangene geschlagen, heilen upd den von der ganzen gebildeten Welt heißersehnten Frieden bringen n:öge, zum Glück und Segen der Menschheit, an deren Kulturarbeit das Judentum von jeher großen Anteil genommen und, so Gott null, auch ferner teilnehmen wird. A—tz. Sprrchlasl. Schwedt a. O., 15. Februar 1915. Hochverehrter Herr Geheimrat! Zu der Aeutzerung des Herrn Sally Guggenheim in den: Artikel „Weizenmehl und Mazzot" in Nummer 7 Ihres geschätzten Blattes gestatte ich mir folgendes zu bemerken: 1. Herr G. hat vergessen, daß für die minderbemittelte Bevölkerung es noch einen anderen Ersatz für Mazzot als Fleisch und Eier gibt, nämlich Kartoffel, die in vielfacher Zubereitung, besonders in Kartoffelmehl, sehr gut das Brot ersetzen können. 2. Irrt Herr G. sehr, wenn er meint, das Verbot des Mazzotgenusses vor Pessach solle bloß denen gepredigt werden, die das überlieferte Judentum abgestreift haben. Der religiöse Brauch verbietet den Genuß der Mazzot lediglich am Erev-Pessach, aber nicht vorher. Die Beobachtung könnte Herrn G. belehren, daß das Bestreben, die Mazzot an: Sederabend zun: erstenmal zu genießen, welches Herr G. bei jedem gesetzestreuen Juden voraussetzt, in Wirklichkeit selbst bei den orthodoxesten Rabbinen nicht zu finden ist. 3. Daß das Chomezverbot während des ganzen Pessachfestes fortbesteht, hat weder Herr Dr. Eschelbacher noch ich „vollständig außer acht gelassen", es findet sich auch kein Wort in unseren Aeußerungen, welches darauf hindenten könnte. D r. I a m p e l. Zu der Frage, ob zur Herstellung der Mazzot ein Zusatz von Kartoffelmehl rituell zulässig sei, möge mir folgende Bemerkung gestattet sein: 1. Herr Dr. Em. Schwartz hat gewiß mit seinem Hinweis aus Pessachim 35a recht, auch trifft die Bezugnahme auf Orach Chajim 3 5 3,1 zu. Nur hat er leider die folgende Ziffer desselben Paragraphen übersehen. In: Orach Chajim 4 5 3,2 wird auf Grund einer Mischna in Chalah 3,7 das Vorhergehende dahin eingeschränkt, daß die Beimischung einer anderen Mehlgattung unter der Voraussetzung zu gestatten sei, daß der ursprüngliche Weizen¬ oder Roggengeschmack nicht durch den Zusatz verdeckt werde. Zieht man nun in Erwägung, was die maßgebenden halachischen Kapazitäten zu dieser Materie bemerken — besonders das, was Chok Jakow dazu gibt —, so dürfte in unserer bedrängten Zeit zur Herstellung der Mazzot ein geringer Zusatz von Kartoffelmehl ohne Bedenken zu gestatten sein. Der Meinung des Herrn Dr. Eschelbacher wäre darum zuzustimmen. 2, Doch scheint das, was Herr Dr. Eschelbacher gegen Herrn Dr. Em. Schwartz anführt: „Die Beimengung eines Quantums Kartoffelzu Weizen- oder Roggenmehl nimmt diesem seine Gärungsfähigkeit nicht und steigert sie nicht", nicht zutreffend halachisch. Bei den: Zusatz einer anderen Mehlgattung fragt es sich nicht, ob durch diese die Gärungsfähigkeit des Grundmehils beeinflußt, sondern ob dessen Geschmack verdeckt werden könnte. Hier fragt es sich nicht ißb ^L^X DX, sondern hier handelt es sich um das Prinzip KIT^IX'"! Waldenburg i. Schl. Jacob Bähr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.