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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-26 · Heft 9 (26.2.1915) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 9 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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107 „Wollen Sie einen Skandal?" „Ich will gar nichts. Ich schütze meine Ehre. Ich will nicht an Ihrer Schurkerei beteiligt sein. Auch ich bin Unternehmer. Ich habe wahrlich keine Scheu vor dem erlaubten Nutzen, aber! ich verübe keine Schurkenstreiche." „Ah, so steht es also mit uns?" „Ja, so steht es." Kollar drückte sich zur Tür hinaus wie ein geprügelter Hund. Auf der Schwelle blieb er stehen, hob die geballte Faust! drohend gegen Littauer und sprach: „So steht es mit uns? Na, wir werdend schon sehen, Herr Littauer. Verstehen Sie? Wir werden schon sehen, wer der ■ Stärkere ist." XVI. Pater Luzian war einer von jenen Leuten, die weder ' Launen, noch Liebhabereien, sondern bloß Leidenschaften haben. Stille, sanfte Wünsche kannte er nicht. Wenn sich in ihm eine Sehnsucht nach irgend etwas regte, so verlangte er es gleich! leidenschaftlich. Liebte er etwas oder haßte er etwas, so liebte , er es leidenschaftlich oder haßte es leidenschaftlich. Jene Gej fühlsoffenbarungen, welche bei anderen Leuten nichts mehr als! stille Gemütsbewegungen verursachen, peitschten in ihm wahre Stürme auf. So war bei ihm auch das Interesse für die Basilika zur unruhigen Leidenschaft geworden. Seitdem man diese großartige Kirche baute, war er kaum fähig, sich für andere Sachen 51t interessieren. Seine freie Zeit verbrachte er bei dem Bau. Stundenlang trieb er sich dort herum, watete in dem Miste unter den Gerüsten und beobachtete mit brennenden Augen, wie man eine Steinreihe auf die andere türmte. Von der Baukunst verstand er herzlich wenig, dafür aber besaß er eine so lebhafte Phantasie, daß, wenn er die Augen schloß, oder seine Blicke in die Ferne schweifen ließ, ihm dieselbe Türme, Kuppeln und Kirchen von feenhafter Pracht vorzauberte. Wie wird die Basilika aussehen? Diese Frage beschäftigte ihn immerfort. Wird sie so schön sein wie die Grauer, wie die Wiener oder wie die Milanoer Basilika? Sicherlich wird sie so schön sein. Und bei dem Gedanken, daß er in dieser herrlichen Kirche dem Bischof bei der ersten Messe assistieren darf, wurde ihm heiß vor freudiger Erregung. Seine glücklichsten Augenblicke waren cs, wenn der Bischof mit ihm über die Basilika sprach. „Du hast sie gesehen, Luziau?" fragte der Bischof mit unendlicher Weichheit. „Ich habe sie gesehen," erwiderte Luzian schwärmerisch wie ein Verliebter. „Wird sie schön sein?" „Unsagbar schön." „Nicht wahr, eine große Schöpfung, Gottes würdig?" „Ja, Eminenz, Gottes und der Heiligen würdig." „O, Luzian, wenn ich ihre Einweihung nicht erleben sollte." Vor diesem Gedanken erschrak auch Luzian. Das wäre furchtbar. Das würde dieser alte Mann, dieser heilige Mann nicht verdienen. Aber warum sollte er sie nicht erleben! Jetzt , schreiten doch die Arbeiten schön vorwärts. „Ich habe schlimme Ahnungen, Luzian," sagte der Bischof traurig. In Luzian kochte es schon. Der Bischof sprach nur von Ahnungen, aber er sah schon die Schwierigkeiten und Hindernisse vor sich, als würden dieselben in Wirklichkeit bestehen. Und er ballte die Fäuste und dachte mit verzehrendem Hasse an die Ursache derselben. Aber wer sind diejenigen, welche der Fertigstellung der Kirche Hindernisse entgegensetzen? Wer kann ein Interesse daran haben, es zu verzögern, daß die göttliche Schöpfung unter Dach kommen soll? Keiner, nur der Satan, der Antichrist, der mit dem Juden im Bunde ist. „Ich habe Eurer Eminenz gesagt," brach es leidenschaftlich aus ihm hervor, „daß Sie nicht geruhen mögen, den Bau einem Juden anzuvertrauen." Der Bischof beschwichtigte ihn, aber in Lnzians Herzen konnte man den einmal erwachten Argwohn nicht so leicht ersticken. Sobald es ihm möglich war, eilte er zur Basilika, um zu sehen, ob man große Fortschritte macht. „Nun, wie geht die Arbeit?" fragte er Kollar, der finster dreinblickend, unter den Gerüsten auf und ab ging. „Gar nicht," lautete die mürrische Antwort. „Wann wird das Kreuz angebracht?" „Vielleicht niemals." Pater Luzian wurde betroffen. Siehe, die Ahnung des Bischofs. „Was sagen Sie da?" fuhr er Kollar an. „Ich sage, daß es vielleicht nie geschehen wird. Jener schurkische Jude widerseht sich." Siehe, jetzt verwirklicht sich auch seine Ahnung. Der Satan, der Antichrist will es verhindern, daß die Kirche unter Dach komme. Kollar hatte diese Begegnung mit Pater Luzian absichtlich herbeigeführt. Er wußte, daß dieser seine freien Stunden hier zu verbringen pflegte, und deshalb lauerte er ihm schon seit frühmorgens auf. Im Kampfe gegen Littauer mußte er sich ihn zum Verbündeten gewinnen. Er kannte diesen jungen Pfaffen sehr gut und wußte mit ihm umzugehen. „Hei!" schrie er mit dröhnender Stimme den Leuten zu, die auf dem Kuppelgerüst standen. „Jnnehalten! Hört ihr's nicht? Herunter vom Gerüst!" Ein Arbeiter stellte sich an die Brustwehr des Gerüstes und schrie zurück: „Nun, was wollen Sie?" „Ihr sollet herunterkommen. Heute wird nicht gearbeitet." Mürrisch packten die Leute ihr Werkzeug zusammen und stiegen herab. „Was soll das bedeuten?" fragte Pater Luzian mit entsetzten Mienen. „Das bedeutet, Hochwürden, daß nur nicht arbeiten. Nicht einmal dem Herrgott lasse ich westerarbeiten. Ich lasse meinen ehrlichen Namen nicht durch den Kot schleifen. Nein, bei allen Heiligen, nicht. Ich bin ein ehrlicher Christ, mich soll der elende Jude nicht verdächtigen." Nur schwer gelang es Pater Luzian die Ursache seiner Erbitterung zu erfahren. Endlich erfuhr er sie doch. Jener Böfewicht von Littauer hat den armen Kollar damit verdächtigt, daß er sein Vertrauen mißbrauche. Daß er nicht seine, sondern des Bischofs Interessen schütze. Daß er anstatt wohlfeilen Materials teueres nehme, nur, um dem Bischof gefällig zu sein. Der Jude will eine Million verdienen, eine runde Million, und weil von der Million ein paar Hunderttausende fehlen werden, bringt er ihn in Verdacht. „Hochwürden, ich fordere eine Kommission. Bitte den Bau durch eine Konunissivn von Sachverständigen untersuchen zu lassen und bitte festzustellen, ob ich vom Vertrage und von den Bauplänen abgewichen bin, oder, ob ich meine Aufgabe ehrlich erfüllt habe. Bevor ich von der Kommission keine Genugtuung bekommen habe, lasse ich keinen einzigen Ziegelstein rühren." Pater Luzian lief zum Großprobst, zu den Domherren, zum Bischof und erzählte ihnen, was sich der Jude unterfing und was der ehrenwerte Kollar fordere. „Dieser Kollar ist ein hochachtbarer Mann," sagten die Domherren und sich als Fachkommission forinierend, gingen sie auf Geheiß des Bischofs hin, mir den Bau zu untersuchen. (Fortsetzung folgt.)

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