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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-26 · Heft 9 (26.2.1915) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 9 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 sie nichts. Sie vertieften sich in den Gegenstand, als ob in der Welt alles aufgehört hätte unb nichts anderes bestehen würde, nur diese Kirche. „Gestern warst du drüben, nicht wahr?" fragte Littauer. „Nun, war ich nicht drüben?" „Geht die Arbeit vorwärts?" „Nun, geht sie vorwärts?" Immer brachte Samuel nur diese Nachricht. Irgendein Fluch lastete auf jenem Bau. Als man die Grundmauern legte, hatte sich der Erdboden unter den Arbeitern geradezu aufgebäumt wie ein störrisches Rost, das seinen Reiter abwerfen will. Nnr mühsam konnten sie ihm Zügel anlcgen. Das Bauen auf dem sandigen Grunde kostete ein Heidengeld. Dem Sinken konnte man nur dadurch Einhalt tun, das; man der Kirche ein Betonfnndament unterbaute. Aber auch nachher hörten die Uebelstände nicht auf. Immer fand sich etwas, ivas die Arbeit in die Länge zog. Man baute schon all der Kuppel, als die Arbeiter die Wahrnehmung »lachten, das; das Gerüst unter ihnen schlvanktc wie die Kettenbrücke. „Dieses Gerüst wackelt," sagten die Arbeiter zum Baupolier. „Euer Verstand wackelt," schimpfte der Polier. „Nun ja, cs wackelt," wiederholten sie. „Dann bindet es besser!" „Wir haben es gebunden, besser geht es nicht. Da muß ein Fehler sein." Man suchte nach dem Fehler, fand ihn aber nicht. Als man Kollar darüber Meldung erstattete, gab er zornig den Befehl, die Arbeit sortzusetzen. Die Arbeit lvurde fortgesetzt. Der Bischof war nngedlildig und wollte den Ball ja früher vollendet sehen. Er wollte lveuigstens noch die Kreuzanbringung erleben. Kollar beruhigte ihn, das; er auch noch die Einweihung erleben würde. Dann gab es feine Unterbrechung mehr. Die Arbeit ging rasch vorwärts, lind sechzehn Monate nach der Grundsteinlegung konnte Kollar den Tag bezeichnen, an dem das Kreuz befestigt werden sollte. „Herr Spitz, das ivird ein großes Fest sein," sprach er zu diesem, indem er sich die Hände rieb. „Für den wohlgeborenen Herrn wird es ein großes Fest sein, für mich nicht. Wir werden Tischebow haben. Sie wissen es ja." Kollar ivarf Samuel einen lvütendcn Blick zu, weil er sich unterstanden hatte, eine Anspielung auf seinen Ursprung zu machen. In der bischöflichen Aula sagte man: es gibt doch im ganzen Lande keinen so tüchtigen Baumeister wie diesen Ludwig Kollar. Ein Glück, daß ihn der Jude zu Hilfe genommen hat. Besonders Pater Luzian lobte Kollars christlichen Eifer. Eines Tages aber ließ sich bei Littauer ein Arbeiter melden und trug ihm ein Anliegen vor. Er hätte kommen müssen, weil der wohlgeborene Herr Kollar nicht auf ihn hören wollte. „Ich meine, gnädiger Herr, daß es gut wäre, das Aufsetzen des Kreuzes noch hinauszuschieben. Ich habe schon manche Kuppel gebaut, aber keine war so wackelig wie diese. Entweder ist die Grundlage schlecht oder die Kuppel. Aber soviel ist heilig und sicher, das; die Klippel hinunter will." Littauer lvurde von Entsetzen erfaßt. Er lies; Kollar herbeirufen und zog ihn zur Berantwortung. Dieser erwiderte, daß alles in Ordnung sei. „Die Arbeiter sagen anders aus." „Die Arbeiter sind Schufte." „Mich ängstigt dieses Sinken." „Was befürchten Sie?" „Es wäre schrecklich, wenn unseren Leuten ein Unglück zustoßen würde." „Das ängstigt Sie? Na, ich gebe Ihnen die Versicherung, daß die Kuppel sehr lange auf ihrem Platze bleiben wird. Auch zehn Jahre lang." Littauer erbebte: „Was sagten Sie? Zehn Jahre?" „Ja, ja," entgegnete Kollar zynisch. „Eine lange Zeit, was?" „Und nach zehn Jahren?" fragte Littauer totenbleich. „Was kümmern Sie sich um das, was nach zehn Jahren sein wird? Wir werden nach der Einweihung abrechnen, bekommen unser Geld und das übrige geht uns nichts an." Littauer hatte seines leidenden Zustandes gänzlich vergessen. Er erhob sich aus dem Krankenstuhle und blickte Kollar hart und fest in die Augen: „Aber mich geht es an, Herr Kollar, mich geht es an." Kollar machte eine geringschätzende Handbewegung. „Aber, ich bitte Sie. Gern habe ich es, wenn ein Unternehmer den Empfindlichen spielt. Um sechsmalhunderttausend Gulden darf man sich etwas erlauben." „Und was haben Sie sich erlaubt, Herr Kollar?" fragte Littauer mit steigendem Entsetzen. Kollär lachte wieder: „Als ob Sie es nicht wüßten. Sie wisien es vielleicht gar nicht, was? Sie waren vielleicht nicht deshalb krank? Sie haben sich nicht deswegen beiseite gestellt?" Littauer wurde von einem solchen Schwindel erfaßt, wie wenn sich ein Abgrund vor ihm geöffnet hätte. Nie hatte er Vertrauen zu diesem Menschen gehabt, doch jetzt empfand er ein förmliches Grauen vor ihm. Noch nie hatte Kollar so unverhohlen seinen Zynismus gezeigt. Dieser Mensch war zu den schmählichsten Dingen fähig. „Aber, was haben Sie um Gottes willen getan?" fragte er und harrte mit Bangen der Antwort. „Tun Sie nur nicht so überrascht. Sie wissen doch ganz gut, daß ich schon bei der Fundamentierung beiläufig fünfzigtausend Gulden erspart habe." „Bei der Fundamentierung?" fragte Littauer fast außer sich vor Schrecken. „Nun ja. Anstatt Beton ließ ich Zement legen." Littauer sank in den Stuhl zurück: „Deswegen senkt es sich! Großer Gott, deswegen senkt es sich." „Deswegen kann es sich nicht senken. Dieses Fundament erträgt das Gebäude. Die Kuppel habe ich auf ein dünneres Eisengerippe bauen lassen. So ist sie schöner, leichter, graziöser." „Eine Machs-Kuppel." „Bitte sehr, es ist eine ehrliche Eisenkuppel und ebenfalls um fünfzigtausend Gulden billiger, als sie geplant war." Littauer konnte nicht länger an sich halten. Von Zorn und Ekel erfüllt, rief er ihm zu: „Schurke!" Kollar spielt den Beleidigten: „Herr Littauer!" Littauer wurde noch erregter: „Sie haben mich zugrunde gerichtet! Sie haben mich entehrt! Also dazu haben Sie meine Krankheit benützt? Doch das darf nicht so bleiben, Herr Kollar! So nicht! Da wird kein Kreuz aufgesetzt werden. Ich lasse die Arbeit einstellen." Sein Gesicht glühte, aus seinen Augen sprühte die Energie mit unverlöschbarer Kraft. Er stand vor Kollar, als ob er niemals krank gewesen wäre. Kollar erschrak: „Ist das Ihr Ernst?" „Ich lasse die Arbeit einstellen." „Im letzten Augenblick?" „Im letzten Augenblick. Jetzt ist es noch nicht zu spät."

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