Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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wurde von der Kommandantur die Erlaubnis zur Reise erteilt. Der ältere der Jungen war ein strammer, groß gewachsener Bursche. Als man ihn daher bei der Revision besonders energisch ins Verhör nahm, wurde er förmlich von einem panischen Schrecken ersaßt (er mochte vielleicht geglaubt haben, der berüchtigten russischen Grenzpolizei in die Armee gefallen zu sein), und ich hielt es für angebracht, für den armen Kerl ein gutes Wort einzulegen. Ich machte den Beamten darauf aufmerksam, daß es sich ja gar nicht um einen Russen handelte, sondern nur um einen „Mußrussen". Kein Jude würde seinen Sohn nach Rußland zurückkommen lassen, wenn auch nur im entferntesten die Gefahr bestände, er könnte eines Tages zum Militärdienst herangezogen werden. Solche Opfer zu bringen, haben die russischen Juden keine Veranlassung. Ja, aber der Junge macht den Eindruck, als wenn er schon achtzehn Jahre alt wäre, während doch gerade in Rußland die Juden sehr schwächlich und kränklich aussehen, bemerkte ein Beamter, der offenbar mit den russischen Verhältnissen einigermaßen vertraut war. „Sehen Sie," erwiderte ich, „damit berühren Sie eine der traurigsten Seiten im Leben der Juden Rußlands, die infolge der zaristischen Raübbaupolitik fast gar keinen Mittelstand mehr haben, sondern sich nur noch aus einer schier unübersehbaren Proletariermasse und einigen wenigen ganz Reichen zusammensetzen. Ein Proletarierjunge, der wirklich achtzehn Jahre wäre, würde kaum den Eindruck eines Fünfzehnjährigen machen. Diese Degeneration der Massen brachte es aber notwendig mit sich, daß umgekehrt diejenigen, die es sich leisten können, ihr Aeußerstes daran setzen, sich körperlich gut und kräftig zu entwickeln. Ich wüßte schwerlich allzuviele Fälle anzuführen, wo für das leibliche Wohlergehen ein so großer Aufwand getrieben wird, wie gerade unter den Reichen in Rußland. Es ist schon keine Körperkultur, sondern beinahe ein Körperkult." Damit war der Fall erledigt, und ohne Bedenken wurden die Jungen über die Grenze gelassen. Erheblich später, als zu normalen Zeiten üblich, konnten wir das Schiff besteigen, und mit einer Verspätung von nahezu fünf Stunden langten wir knapp vor Mitternacht in Kopenhagen an. Ich befand mich auf neutralem Boden und hoffte neutrale Luft;u atmen. Wenn man ein halbes Jahr fast von einem einzigen Gedanken, und mag er noch so erhaben sein, beherrscht war, sehnt man sich schließlich nach einer Ausspannung, nach einer Veränderung. Man möchte zunächst an nichts denken, dann an etwas anderes denken. Von einer solchen inneren Wandlung träumte ich während der Fahrt von Berlin nach Kopenhagen. Es kain aber doch ganz anders. Als ich der zusammengewürfelten Gesellschaft, des geschäftigen internationalen Treibens, der hochgespannten Tätigkeit von Presse und Journalistik in der dänischen Hauptstadt gewahr wurde, war es mir, als wenn ich sengend den heißen Hauch des Weltbrandes fühlte. Zum erstenmal kam es mir da zum Bewußtsein, daß ich zwar sehr viel an den Krieg dachte, aber doch eigentlich so gut wie noch nichts vom Krieg spürte. Kein Wunder; ich lebte ja bis jetzt in — Berlin. Wdtkche Studentinnen in Rußland. Von Landrichter Glücksohn in Elberfeld. ie „Kölnische Zeitung" und andere westdeutsche Zeitungen, die mir zu Gesicht kommen, veröffentlichen in dankenswerter Weise Berichte über die Schandtaten, welche russische Regierungsorgane gegen die eigene jüdische Bevölkerung aussinnen. Neuerdings wird eine schon früher bekannte Maßnahme gegen die jüdischen Studentinnen mitgeteilt, an die man unmöglich glauben könnte, wenn es sich nicht eben um Rußland handelte. Da Jüdinnen nur in einer bestimmten Verhältniszahl zur Gesamcheit als Hörerinnen an den Universitäten zugelassen werden, hat die Verwaltung es in der Hand, unter der großen Zahl von Bewerberinnen nach Willkür eine Auswahl zu treffen, und stellt manchen eine Zulassung nur dann in Aussicht, wenn sie sich vorher haben als Prostituierte eintragen lassen, um der Aufsicht der Sittenpolizei unterstellt zu werden. Dieser Bedingung sollen sich, wie der Berichterstatter der „Kölnischen Zeitung" mitteilt, zuweilen Jüdinnen unterwerfen. Er unterläßt es nicht, seine Bewunderung für solche Mädchen auszudrücken, deren Bildungshunger so groß ist, daß sie sich einer so schweren Demütigung unterwerfen, um zil den Stätten der Wissenschaft zugelassen zu werden. Schon der bloße Gedanke, wenn man die Auswahl unter mehreren Bewerberinnen hat, die Wissenschaft vorwiegend an solche Mädchen zu verzapfen, welche erklären, sich den Dirnen von der Straße gleichstellen zu wollen, kann nur in einem russischen Hirn aufkommen. Diese Seite der Angelegenheit soll heute unerörtert bleiben, weil sich das Vorgehen der russischen Verwaltung von selbst richtet. Was mich veranlaßt, zu ihr Stellung zu nehmen, ist die Tatsache, daß das Verhalten der Mädchen, die auf das Ansinnen der Beamten eingehen, Entschuldigung und sogar eine gewisse Bewunderung gefunden hat. Es zeigt so recht die Verwirrung, welche die einseitige Bevorzugung äußeren Wissens in der Erziehung des weiblichen Geschlechts in den letzten Jahren hervorgerufen hat, besonders, wie leider gesagt werden muß, in jüdischen Kreisen. Nach meiner Meinung verdienen solche Mädchen nicht Bewunderung, sondern Verachtung, und gerade als Juden — gleichviel welcher Richtung — die wir wohl alle in erster Linie den Geist des Judentums betonen, haben wir alle Veranlassung, von solchen Vertreterinnen unseres Glaubens recht weit und vernehmlich abzurücken. Was ist denn der Zweck alles Wissens oder meinetwegen der Bildung, wenn man Wissen und Bildung gleichstellt? Die Wissenschaft soll doch ebenso wie die Kunst den Menschen für das Gute und Schöne empfänglich machen, soll ihn befähigen, in höherem Maße als seine weniger glücklichen Mitmenschen zu erkennen, was sittlich recht ist. Gibt es da einen größeren Widersinn als das Verhalten jener russisch-jüdischen Studentinnen? Wenn sie sich die Wissenschaft nur um den Preis ihrer Ehre und Selbstachtung aneignen können, wie sollen sie da sittlich höher gebracht werden, da sie sich zuerst auf die unterste Stufe der Menschheit gestellt haben müssen, ehe sie zu Vorlesungen zugelassen werden. Ich will zu ihrer Ehre annehmen, daß sie nicht aus romantischem Drange heraus die Universität aufsuchen, um dort ein zügelloses Leben führen zu können, daß auch nicht krankhafter Ehrgeiz bei ihnen obwaltet, daß sie vielmehr von ernstem Streben erfüllt sind, ihr Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Ich will auch glauben, daß sie das Dirnengewerbe, zu dem sie sich bekennen, gar nicht praktisch auszuüben gedenken, sondern ihre Einschreibung bei der Sittenpolizei als Formsache ansehen. Muß nicht aber schon diese bloße Form bei jedem Mädchen das Innerste und Tiefste des weiblichen Empfindens erregen? Es ist bekannt, wie selbst wirklich lasterhafte Weiber, wenn sie schließlich der Sittenpolizei verfallen, es schwer ertragen, daß ihnen hierdurch zu Gemüte geführt wird, wie tief sie schon gesunken sind. Mit solchen stellen sich gebildete Mädchen aus anständigen Familien vor aller Welt auf eine Stufe und sorgen noch dazu für urkundlichen Beweis! Immer wieder hört man von der Willkür russischer Polizeibeamter. Wie soll ein solcher Achtung vor einer Jüdin haben, die selbst in alle Welt hinausgerufen hat: Ich bin Dirne! Daß sie nach dem entwürdigenden ersten Schritt weiteren Zumutungen ausgesetzt ist, weiß eine Studentin wohl ohne weiteres.