Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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10' Von Lerlin nach Kopenhagen. Ein R e i s ebr i e f in K r i e gs z e i t e n. Von Dr. A l P h o n s I. S u ß n i h k i. ***4 ch mußte plötzlich in dringender Angelegenheit nach \ Kopenhagen. In normalen Zeiten ist ja die Sache sehr einfach. Man packt seine kleine Handtasche, und wenn man Glück hat, den Morgenzug zu erreichen, kann man damit rechnen, noch am Abend als Teilnehmer oder Zuschauer, je nachdem, sich des in goldenem Leichtsinn köstlich dahinflutenden Lebens der entzückenden dänischen Hauptstadt erfreuen zu dürfen. Jetzt freilich ist alles schwieriger und umständlicher. Mein erster Weg war zur Kommandantur, wo ich erfuhr, daß ich dort nichts zu suchen habe. Auf meinem Polizeirevier verwies man mich an das Polizeipräsidium, und hier erhielt ich den Rat, mein Anliegen durch das Konsulat erledigen zu lassen. Nun erst konnte es auch an die üblichen Vorbereitungen gehen. Im Hinblick auf den Ernst der Zeiten ließ ich alles beiseite, was mir nur entbehrlich zu sein schien und bei der Grenzrevision irgendwie zur Verzögerung Anlaß geben konnte. Schon am Bahnhof nahm uns die Obrigkeit in Gestalt eines Schutzmanns in ihre Obhut: jeder, der nach dem Auslände fuhr, wurde nach seinem Paß gefragt. Es geschah nicht zur Kontrolle, sondern nur zur Beratung, damit man später an der Grenze keine unangenehmen Ueberraschungen erlebe. In der Tat entdeckte bald das wachsame Auge des Gesetzes in meinen Papieren einen kleinen Schönheitsfehler, und es war mir durchaus nicht imlieb, nachdem ich die nötigen Aufklärungen gegeben - hatte, einige Ratschläge zu erhalten, wie ich mich erforderlichenfalls zu verhalten hätte. Im übrigen wickelte sich alles glatt ab. Mit gewohnter preußischer Pünktlichkeit konnte der Zug aus die Minute abfahren und auch ohne wesentliche Verspätung in Warnemünde ankommen. Sah man freilich näher zu, merkte man doch den Ernst der Zeit. Verhältnismäßig wenige Passagiere befanden sich in den Wagen, und von der großen Geschäftigkeit, die in Auslandszügen an der Tagesordnung ist, war nicht viel zu spüren. Die durch den Krieg bedingten anormalen Zustände treffen eben die im Krieg verwickelten wie die neutralen Staaten gleicherweise. In Warnemünde wurden wir in eine Holzbaracke geleitet, wo wir Ausstellung nehmen mußten, bis wir nacheinander in eine andere, größere Einlaß fanden, in der die Revision vor¬ Vberteil des sog. schwarzen Obelisken Salmanasiars, mit dem Tribute Jehus von Israel. (In London, British Museum.) genommen wurde. Das Wetter war schlecht und die Stimmung recht trüb. Es ist gerade kein Vergnügen, in engem Raum stundenlang zu stehen, „bombensicher", sich dabei mindestens einen Schnupfen zu holen. Zum Glück siegte die gute Laune und der gesunde deutsche Humor brach sich auch hier durch. „Sagen Sie mal," fragte einer der Wartenden den diensttuenden Landstnrmmann, „könnte ich nicht in der Zwischenzeit noch einen kleinen Sprung nach Hause machen?" — „Wo wohnen Sie denn?" — „In Berlin." — „Zeit dazu hätten Sie wohl schon," antwortete schlagfertig der Landsturmmann, „nur würden Sie dadurch das Recht auf Ihren Parkettplatz im Saale verlieren." Ernster wurde die Unterhaltung, als der brave Soldat einiges aus seinen Kriegserlebnissen mitteilte. Er war in Löwen gewesen und ward das Opfer eines Franktireurübersalles. Er erhielt einen Beinschuß und trug einen Nervenchock davon. Ersteres ist längst geheilt, letzteres machte ihn dauernd sclddienstuntauglich. Nun muß er sich damit begnügen, Garnison- und Grenzdienst zu tun. . . Die Revision selbst war streng, aber durchaus höflich und rücksichtsvoll. Waren die Papiere als in Ordnung befunden, dann wurden die mitgebrachten Gegenstände einer Prüfung unterzogen, woran sich eine Körpervisitation anschloß. Wer vernünftig genug ist, die Notweudigkeit dieser Maßnahmen zu erkennen, wird sich willig drein fügen. Zudem wird zwischen den einzelnen Personen recht weitgehend differenziert. Ich hatte den Vorzug, als erster „Türke" in Warnemünde über die Grenze zu gehen, und wurde daher, wie es Unter solchen Umständen einem „Verbündeten" zukommt, förmlich gefeiert. Bisweilen freilich wurden die Leute weniger sauft angefaßt. Von einem solchen Fall soll auch hier die Diebe sein. Man wird daraus ersehen, wie überall das Streben nach rein sachlicher Behandlung sich geltend macht. Im Zuge befanden sich zwei russische Jungen, der eine im Alter von zwölf, der andere im Alter von fünfzehn Jahren, die zurück nach ihrer Heimat fuhren. Sie waren Kinder reicher Leute, und der ältere der Jungen war zudem der einzige Sohn seiner Eltern. Alan kann es begreifen, daß die Angehörigen, die ihre Kenntnisse aus den Lügenmeldungen der russischen Presse schöpften, sich um ihre Kinder bangten, obschon diese ihnen nicht nur beruhigende Nachrichten zugehen ließen, sondern wiederholt den Wunsch äußerten, in Berlin zu bleiben. Die Eltern bestanden schließlich auf die Rückkehr ihrer Kinder, und da militärischerseits keine Bedenken Vorlagen,