Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-26 · Heft 9 (26.2.1915) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 9 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229187--71127-3283449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

102 heraus, daß der eine nicht mehr und der andere nicht weniger hatte, jeder hatte nach Bedürfnis seine Nahrung gesammelt. Es konnte auch in verschiedener Form als gebraten, gekocht und geröstet Verwendung finden. Unsere Alten gingen in: Lob des Manna sogar so weit, daß sie sagten, man konnte jeden Geschmack, den man sich dachte, darin finden. Diese Nahrung war durch 40 Jahre ihre ausschließliche. Hoffentlich werden wir so lange nicht auf Kriegsbrot angewiesen sein. Die stattliche Reihe der Verordnungen von verbotenen Speisen sind das beste Mittel, um zur Enthaltsamkeit zu erziehen. üob 7^28 „genießen im Namen Gottes" ist der Ausdruck für Genießen, den unsere Altmeister geprägt haben. Auch im Essen und Trinken sehen sie eine sittliche Tat, wenn diese physische Tätigkeiten nur der Erhaltung der Körperkräfte dienen, um die Berufsarbeit erfüllen zu können. Das Brot soll den Menschen nicht zur Erde niederzwingen, sondern ihn emporheben. Jedes Stückchen Brot sei ihm eine Dividende der großen Gottesaktie, die reich und arm sich erwerben kann. Unsere Reichsregierung hat in der Beschränkung des Getreideverkaufs eine Maß- ::ahme getroffen, die schon Josef in Aeghpte:: den: König Pharao zur Beachtung empföhle:: hatte. Die Getreideernte, die Sorge um das Brot, spielte in Altrsrael eine große Nolle. Der Segen der Ernte war bedingt von der Erfüllung der göttlichen Gebote, und Unsegen und Dürre war angedroht, wenn sie mißachtet werden. Man achtete in der talmudischen Zeit auf die Entwicklung der Saat. Fasttage wurden festgesetzt, wenn der Regen ausblieb, oder .wenn er allzu heftig auftrat. Erzählt doch die Mischnal^) von Ehoni Hamagell) eine eigenartige Begebenheit: Das Volk wandte sich an ihn, weil der Monat Addar ohne Niederschläge schon zum großen Teil vorüber war, um ihn zu veranlassen, daß er um Regen bitten möchte, nachdem die Bitten des Volkes unerhört blieben. Er bildete einen Kreis, stellte sich hinein und betete um Regen. Bald setzte ein feiner Regen ein, er wünschte aber einen anhaltenden und fruchtbaren Regen; auch diese Bitte blieb nicht unerhört. Bald fiel der Regen so stark, daß man sich wegen Ueberflutung auf den Tempelberg retten mußte, und erst durch sein Gebet evwirkte Ehoni wiederum, daß der Regen aufhörte. Wenn der Hohepriester am Versöhnungstage aus dem Allerheiligsten trat und seinen Dienst ohne Störung und ohne Versehen verrichtet hatte, betete er: möge das kommende Jahr reich an Ueberfluß sein. Ein Jahr, reichhaltig an Korn, Most und Del. Ein Jahr, in welchem die Lebensbedürfnisse Belagerung der jüdischen Festung Belief in London, billig seien. Ein Jahr, in welchem die Hitze durch reichliche j Niederschläge gemildert und das Wachstum der Früchte ge^ : fördert werde. Der Feststrauß am Hüttenfeste, nach sechs Richtungen be wegt, soll die schädlichen Winde nnd schädlichen Niederschlägl abhalten. Das herrliche und OVl!-Gebet schließt mit der I Bitte: „Zum Leben und nicht zum Tode, zum Segen und nichi zum Fluche, zur Sättigung und nicht zum Mangel." Nur in der Ertragsfähigkeit des Bodens hat das Judentum aller Zeiten den Wohlstand des Landes erblickt. Zu der Strenge, die in den Maßnahmen der Reichs regierung zur Verhütung des Mangels erblickt werden könnten geht ein Zug altjüdischer Wahrheit parallel, die die Lebens Haltung von hoher sittlicher Warte unter dem Gesichtswinke geistigen -und körperlichen Wohles und Wehes der Gesamt Menschheit betrachtet. So brauchen wir, die wir zur Mäßige keit von jeher erzogen sind, unsere Lebenshaltung nich erst neu einstellen. Sie ist es schon im Sinne der Reichsregierung. Selbst die Verwertung der Speisereste und Abfälle ist ei» echtjüdischer Gedanke, rrrwn b23 ist die For mel, die all Vergehen bezeichnet, wenn nun gennßodei gebrauchsfähige Ob jekle de: Vernichtung anheimfallen läßt Sechsmal im Lauft des Jahres fastet der Jude, ent hält.sich da bei auch bei geringsten Nahrungsaufnahme. Auch dieses ist ein Er ziehungsmittel zur Enthaltsamkeit und Genügsamkeit - np*15£ XJTjynl Kip1#4) lautet eine talmudische Formel Sie lehrt einerseits dem Satten, wie wehe der Hunger tut, und will ihn zugleich veranlassen, den Betrag, welchen er fm Speisen und Getränke am Fasttag erspart, an Bedürftigl abzugeben. Zahlreiche Aussprüche in Bibel und Talmud predigen die Mäßigkeit. Selbst Sabbat und Festtage, an denen besser«! Tafel zur Pflicht gemacht ist, kennen eine Einschränkung. DK "pntSJtn bxl bin "jrQlP nw5). Kriegsbrot ha. Israel wie kein anderes Volk genossen. Mit seinem Eintritt in du Geschichte bis zu dem Tage, an welchem es seine politische Selbständigkeit eingebüßt hat, war es in Kriege verwickelt.! Unterliegen und Siegen wechselten ab. Die späteren Zeiten 1 ließen es gar oft „das Brot des Elends" kosten. So kann es in dieser Zeit, da es damit seinem Vaterlande nützt, ohne : Murren Kriegsbrot genießen. Möge die schwere Zeit sich - bald in Licht, Wonne und Freude wandeln! Lachis durch das Heer Sanheribs. British HtufcitnO *) Taanit 111, 8. -) Kreisdreher. 3) Nichts Verderber:. y Ter Zweck des Fastens ist: Almosenspende. 5) Mache deinen Sabbat zu einem Werktag im Essen und Kleiden nn-d 'habe die Hilfe anderer nicht nötig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.