Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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101 Meine Hände zittern, wenn ich mich an all diese Schrecken erinnere und an alles Leid. Ich schließe mein Schverben und wünsche, daß wir ms gesund Wiedersehen, dann werden wir uns jahrelang, zu erzählen liaben. Leb wohl, von mir Deine treue Frau. Giblilchr Lildrr. Von S. Aschner. (Hierzu die Abbildungen aus Seite 102 und 103.) ie gern versenkt sich unsere Phantasie in die Zeit der Reiche Juda und Israel, da der Tempel noch stand und von der unvergänglichen Wirksamkeit der Propheten jener jöhere geistige Tempel errichtet wurde, der uns heute und mmerdar umschließt! Durch die jüngsten Funde sind wir nun licht mehr auf das Bibelwort und unsere Phantasie allein angewiesen. Wir sehen jetzt auf zeitgenössischen Bildwerken unsere iltehrwürdigen Vorfahren selbst vor uns, wie sie leibten und ebten, ein Anblick, der uns mit Ergriffenheit und Rührung erüllen muß. Auf dem Obelisken Salmanassars II., 860—825, erscheint in der zweiten Reliefreihe die Gesandtschaft König Zehus von Israel vor dem Großkönig. Von zwei Hofbeamten .angeführt, ist der bärtige Würdenträger zur -posv-Wjcstc zu messen Füßen niedergesunken, Tribut und Vasallentreue verheißend, es sei denn, daß seine beiden Begleiter Israeliten, keine Assyrier sind, wie einige deuten. Gewiß ward diese unterwürfigste Form der Verneigung nicht nur dem irdischen, sondern noch viel demütiger dem himmlischen Großherrn darzebracht, wofür viele Zeugnisse, z. B. 2. Chron. 29, v. 29—30, prechen, auch die mni? des Versöhnungstages. In Erscheinung und Tracht gleicht der Israelit durchaus seinen arabischen und syrischen Kollegen, die der Denkstein in derselben Funktion begriffen darstellt. An seiner Ausländerei, den Götzen, Litten und Unsitten der Fremden nachbuhlend, ist ja auch das Iteich Ephrajim gescheitert. Die „phrygische" Mütze, die er auf- ,at, läßt sich in langer, wechselvoller Geschichte bis zur franösischen Revolution verfolgen, und sein langer Leibrock, vom Mrtel in der Mitte zusammengerafft, unten zierlich gefranst, wird im Grunde noch jetzt von den Arabern und nicht viel Inders auch von den polnischen Inden getragen. Es fällt auf, )aß er den Kopf bedeckt hat, was auch heute in der Synagoge ils Zeichen der Ehrfurcht gilt, während alle Höflinge außer dem Großkönig selbst barhäuptig auftreten. Das assyrische Zeremoniell wird es so erfordert haben. Salmanassar stand mit Jehu „aus dem Hause Omri" im testen Einvernehmen. Weniger der Respekt vor Omris Heldentum ist aus diesem Titel wohl herauszulesen, als die offizielle Anerkennung des israelitischen Usurpators. Das Haus Omri hatte, besonders unter Ahab, stets eine entschieden assyrierfeindliche Politik befolgt, ne übrigens als solche für das staatsmännische Geschick neser fähigen Fürsten spricht. Jehus Putsch, von einer inneren, mrch die Prophetenpartei geschürten Krise begünstigt, kam den Assyriern daher wie gerufen. Und dazu kam noch ein zweites: salmanassar gedachte gerade um diese Zeit, im Jahre 842, mit em unbequemen Shrierstaat Damaskus abzurechnen, zu dem 'lhäb treu gehalten hatte. Jetzt aber war nach dem Grundsatz livide et impera Israel für die assyrische Sache gewonnen und vermochte den Syrier in Flanke und Rücken zu bedrohen, basael von Damaskus widerstand jedoch dem Angriff Salmalassars nicht nur, sondern es gelang ihm sogar, auch mit Jehu ertig zu werden (vgl. 2. Kön. 10, 33). Unser zweites Bild zeigt, wie Sancherib Anno 701 die üdiiche Festung Lachisch berennt. Das trotzt als feste Burg mit seinen Mauern NVN, die mit Zinnen und Kasematten bewehrt sind, und in gleichem Abstand angeordneten Türmen deren Hiskia nach 2. Chron. 32, 5—6 viele im Lande erbaut hat. Ein Kranz von größeren und kleinen Forts ist vorgeschoben. Schützen und Schleuderer, nach assyrischem Vorbild uniformiert und gedrillt, überschütten die zum Generalsturm vordringenden Angreifer mit einem Geschoßhagel, schweren Steinen und Brandfackeln. Aber diese verstehen ihr Handwerk. Sie rücken den Juden mit rollenden Sturmblöcken, sebupu genannt, zu Leibe. Von da schütten ihre Feuerwehrmänner aus langen Löffeln Wasser gegen die Fackeln. Hinterdrein ziehen ihre schweren?.üü-8Chepa-Truppen, von leichten Tirailleurs und Schleuderern wirksam unterstützt, die etwa den Dienst der modernen Artillerie beim Sturm zu vertreten haben. Der Widerstand der tapferen Juden erlahmt bereits. Vorn aus dem Turme kommen entwaffnete Gefangene. Drei nackte Männer sind gepfählt. Nach assyrischem Brauch, den auch die Engländer der Rosenkriege befolgten, wurden nämlich gefangene Vornehme, Beamte, Würdenträger getötet und zum warnenden Exempel gepfählt, Bürger gefangen sortgeführt, nicht am Leben gekränkt. Unfreie ließ man, weil unschädlich, laufen. Nach dem Königsbuch, 2. Kön. 18, 14, finden wir Sancherib schon zu im Hauptquartier. Hierher sandte Hiskia erschreckt seine Parlamentäre. Die Gefahr ging aber diesmal wunderbar vorüber. (Vgl. Bibel und Herodot.) Beide Bilder sind aus Lamers köstlichem Bändchen „Altorientalische Kultur im Bilde", 1912, das in Bildern und Text gleich vortreffliche Belehrung bietet, besonders aber für das jüdische Altertum, weshalb es hiermit allen Lesern der „A. Z. d. I." herzlich empfohlen fei. Das Lnegsbrot. Von M. Schweitzer, Glogau. er Aushungerungsplan englischer Perfidie hat Maßnahmen nötig gemacht, die ängstliche Gemüter und genußfreudige Menschen mit banger Sorge erfüllen können. In friedlichen Zeiten ist heute im Zeichen des Weltverkehrs der Begriff Hungersnot ein ganz unbekannter geworden. Der Austausch der zum Leben nötigen Produkte sorgt dafür, daß der Ueberfluß des einen Landes dem Mangel eines anderen zugute kommt. Mt einem Schlage nun ist der Begriff Hungersnot wieder erstanden. Unsere weise Regierung hat aber zur rechten Zeit auch die rechten Mittel gefunden, um einem großen Mangel an Lebensmitteln vorzubeugen: Einschränkung des gewöhnlichen Verbrauchs und sparsames Wirtschaften auf der einen Seite, Enthaltsamkeit auf der anderen Seite. Es ist wunderbar, wie schnell die Statistik über die vorhandenen Vorräte gearbeitet hat und für jeden einzelnen des 70 - Millionenreiches die Tagesration festlegen konnte. Das Umgewöhnen vom Satten zum Mäßigen, vom Feinschmeckenden zum Gewöhnlichen mag vielen recht schwer werden. Der Uebergang vom Phäaken zum Spartaner ist nicht leicht. Doch ohne Murren, da es dem Wohl des Ganzen gilt, werden sich auch unsere Gourmands damit abzusinden wissen. In jüdischen Kreisen dürfte diese Maßregel gar keine Schwierigkeiten bieten. Seit dem Auszug aus Aegypten, dem einstigen Lande des Ueberflusses, und dem Gang durch die Wüste, „wo nichts gesät und nichts geerntet wird," sind wir zur Genügsamkeit und Enthaltsamkeit herangebildet worden. Die neue Verordnung von Brot- und Mehlmarken Haben unsere Ahnen schon in der Wüste kennen gelernt. Als ihnen das Manna täglich frisch dort gespendet wurde, war löiy, ein Maß für jeden Kopf zur Pflicht gemacht worden, s mpn "ifK*? V'X, jeder so viel, als er Personen in seinem Zelte hatte, und wenn sie das Gesammelte nachmaßen, dann stellte es sich