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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-26 · Heft 9 (26.2.1915) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 9 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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ganz besonders in unliebsamen Borgängen unter den Mitgliedern der Bürgermiliz zutage. Die liberalen Parteien, hauptsächlich die Kadetten und ihre Organe „Rjetsch" und „Rußkoje Slowo", sind die Dolmetscher der jüdischen Wünsche. Erst vor kurzem brachte die „Rjetsch" einen Artikel über die derzeitige Lage der Juden. Seit Ausbruch des Krieges sei nichts geschehen, um ihr Los zu erleichtern, mit Ausnahme eines Erlasses, daß Verschickungen von Juden einstweilen nicht stattfinden sollen. Eine jüdische Mutter dürfe ihren verwundeten Sohn nicht sehen, der irgendwo todkrank im Lazarett liege. Den jüdischen Verwundeten werden Anträge, in Petersburg einen Kuraufenthalt zu nehmen, abgeschlagen. Die Aufhebung der Pässe solle für Juden nicht gelten, usw. Zwei Prinkte der polnisch-jüdischen Frage bilden hauptsächlich das Streitobjekt der Presse: ob die Einmischung der Russen in polnisch-jüdische Angelegenheiten berechtigt oder ob die jüdische Frage als innere Angelegenheit der Polen zu betrachten ist. Der „Utro Rossij", das heißt zu deutsch „Der russische Morgen", erklärt, die Judenfrage in Polen sei vor allem ein Teil der allrussischen Nationalitätenfrage. Tie „Rjetsch" betrachtet die Juden in Polen als selbständige zweite Nation, die dieselben Rechte genießen müsse wie die Polen selbst. Daß unter der jüdischen Bevölkerung noch sehr viel zur Hebung der Bildung notwendig ist, ist den Juden selbst wohlbekannt. Ihr Wissensdrang bricht sich jetzt vielleicht in dem noch unklaren Empfinden, daß — so oder so — andere Zeiten über ihr Heimatland kommen könnten, Bahn. In erster Linie ist man bestrebt, dem Analphabetismus zu steuern. Wie ein Lodzer Blatt meldet, hat nach Beendigung des Elementarkursus ein jüdischer Arbeiter den charakteristischen Ausruf getan: „Gott sei Dank! Eigentlich war es recht leicht, das Schreiben und Lesen, aber 30 Jahre lang habe ich gewartet, bis ich das erfuhr!" * Herzzerreißend klingen Berichte aus jüdisch-amerikanischen Zeitungen, die in der „Voss. Ztg " mitgeteilt werden. Einige Proben mögen hier folgen: Petri kau, 7. Januar. Nach der Schlacht bei Warschau erlaubte der Kommandeur, die Juden für sich zu begraben und die Christen für sich. Die Warschauer Gemeinde schickte Leute hinaus, um die gefallenen Juden aufzulesen. Und so wurden sechshundert Juden aufgelesen und je zu zehn in einem Grab begraben. Denke also, wenn man sechshundert Juden begraben hat, wie viele Christen erst gefallen sind! Tie Felder waren bedeckt mit Leichen, tausende, tausende Tote. So eine Trauer herrscht jetzt überall und die größte Trauer in Polen. Ich kann Dir sagen, daß am meisten von allen die Juden leiden. Und schuld daran sind die Polen. Sie verleumden die Juden und verursachen Metzeleien, und jüdisches Blut fließt in den Gassen. Genug schon von dem Leid zu schreiben. Wenn der Krieg sich beruhigen wird, dann werden wir erst sehen, wie es um uns steht; vorläufig ist es schlimm. Alan sagt, daß nach dem Kriege die Juden es noch schlechter haben werden wie vor dem Krieg. Und das Schlimme dürfen wir immer glauben. . . . Bjelostok, 11. Januar. Grajewo ist ein ödes Feld geworden und Gott weiß, was mit uns sein wird. Bis jetzt stehen wir mitten im Feuer, und jetzt sind für 10 Tage die Bahnen gesperrt, weil man neue Soldaten bringen muß, und man führt uns nichts zu. Man kriegt kein Mehl. Petroleum haben wir auch nicht, und wer eins hat, berechnet das Pfund um zehn und zwanzig Kopeken teurer. Die Teuerung ist sehr groß. Gott mag uns helfen, daß wir alles glücklich überstehen und mit. dem Leben davonkommen. Wir wollen nichts mehr, denn an ein trauriges Leben sind wir ja gewöhnt, Gott sei Dank! Und das Leid meidet uns nicht! Ein B r i e f a u s C h o l m, 24. Januar. Freitag, den 28. September, um 7 Uhr morgens sahen wir von der Pokriwker Seite Militär zurückkommen ohne Mützen und barfuß. Mit ihnen einige Trains — zerbrochen und zerschlagen. Es war ein Graus, die Soldaten anzusehen. Sie waren alle schwarz vor Staub. Man merkte bald, daß sie irgendwo hatten Zurückgehen nrüssen. Stell Dir vor, wie einem zumute ist, wenn man so etwas sieht. Man fing bald an, aus allen Häusern Tee und Erfrischungen herauszutragen und es den Soldaten zu geben. : Derweil kamen einige Polen und begannen zu agitieren, daß daran die Juden schuld seien, weil die Samostjer Juden dies alles angerichtet haben, und daß die dortigen Juden die deutschen Soldaten mit Brot und Salz empfangen haben. Diese Agitation wurde von den Polen schon eine ganze Woche lang betrieben. Natürlich haben die Samostjer Juden dies sch: teuer bezahlt. Man hat sechs Juden erschossen, weil man gesagt hat, sn hätten auf russisches Militär geschossen. Man hatte schon 100 Mann zun Erschießen hinausgeführt. Sie standen schon in einer Reihe, die Hände hoch. Da kam ein General und fragte, wofür man sie erschießen wolle und man sagte ihm, daß sie auf russisches Militär geschossen haben. Dl ließ er sie nach Hause gehen. Die Juden aus Samostje sind alle geflüchtet so daß die Frauen ihre Männer suchten, die Männer ihre Frauen unk Kinder. Nach Cholm karnen ganze Trupps Fußwanderer. Schmuck und Geld was sie bei sich hatten, wurde ihnen abgenommen. Sie kamen an entblöß: mit) barfuß. Und während die Polen am Freitag herumstanden und agitierter: kamen die Kosaken und begannen zu plündern. Aus den Häusern unk Lüden haben sie alles weggenommen. Die Polen führten sie und halse: ihnen Pogrome machen. Wo man einen Juden erblickte, schlug man ihn Und was man nicht plünderte, zerschlug man. Es gab Schwerverwundet? die ins Spital gebracht werden mußten. Stell Dir vor, lieber Bruder, was man in dieser Zeit durchzumacher hat. Beständig das Laufen der Soldaten in unserem Gäßchen, die Schrei: der Verfolgten, und dazu rufen die Polen in einem fort, man müsse all: Juden totschlagen. In „The Wahrheit" vom 1. Januar erzählt ein Augenzeuge, de: aus der Bukowina zurückgekehrt ist, wo er den letzten Sommer zu Besuch weilte: Jüdische Mütter in der Bukowina verkleideten ihre Töchter iu Männerkleider, sobald sie hörten, daß Russen in der Rahe sind. Biete von den Müttern selbst, welche glaubten, daß ihr Alter sie vor bcc „Aufmerksamkeit" der Russen schützen werde, haben sich bitterlich geirrt. Jedesmal, wenn die Kosakerl in die Nähe eines Städtchens kan len fingen sie einen Juden, zogen ihm eine Kosalkenunisorm an, setzten ihn auf ein Pferd und hießen ihn reiten in diie Richtung de? Städtchens. Wurde der Jude erschossen, dann hatten sie ein Zeichen daß in dem Städtchen Oesterreicher waren-. In vielen Städten der Bukowina ließen sich die Kosaken Kontributionen zahlen — Brot, Vieh, Pferde usw. Wenn die Juden das Geforderte ins russische Lager brachten, nahm man es nicht an. „Euer Brot :st vergiftet" pflegte der Kommandant bei solchen Gelegen- Heiken zu sagen. Das galt als Ausrede, um dann später das Städtchen zu plündern und es in Rauch und Flammen ausgehen zu lassen. In einem jüdischen Städtchen in Galizien hat das russische Militär zehn der angesehensten Bürger verhaftet. Es verlautete, daß -man sie erschießen würde. Aber plötzlich schlugen die russischen Offiziere ein Tauschgeschäft vor: sie werden die Männer befreien, rnan soll ifymen Frauen bringen. Die Stadt verhandelte. Fromme galizische Juden brachten Mädchen, welche für Geld zu den Offizieren gehen wollten. Die Offiziere aber fanden, daß sie nicht schön genug waren, und verlangten die wahre jüdische Schönheit. Die „Stadt" verhandelte weiter, und schließlich gingen drei Töchter von den Verhafteten hin. Tie Väter wollten das keinesfalls; sie wollten sich lieber töten lassen, als die Ehre ihrer Töchter zu opfern. Die Töchter, gingen aber doch zu den AMtärbefehlshabern. Diese hielten Wort. Die Väter gaben sie frei, aber die frrei jungen Mädchen vergifteten sich daraus. Die Leute, die dies dem Korrespondenten erzählten, verschwiegen ihm den Namen der Stadt nicht, baten ihn aber, ihn nicht zu drucken, uuc die Frauen dieser Stadt vor Schmach zu bewahren. Aus Ungarn schreibt eine geflüchtete galizische Frau: 11. Januar Vielgeliebter und teuerster Mann Leiser Jacobi! Ich -lasse Dick wissen, daß wir Gott sei Dank gesund sind: mögen wir voneinander Gutes hören. Wenn ich Dir beschreiben wollte, was die Russen in unseren Städten alles tun, da reichen meine Kräfte nicht. Sie verüben, du größten Schändlichkeiten an den Frauen. Viele jüdische Frauen liegen jetzt krank in den Spitälern. Me größten Greuel häblen die Russen ihnen angetan um W. herum auf dem Wege nach R. Die Kosaken kamen auch zum Onkel: sie stürzten sich auf seine Schwiegertochter: der Onkel wollte es nicht zulassen, und die Kosaken haben ihn ernwrdet und begraben. Die Schwiegertochter ist kaum mit dem Leben davongekommen. Die Tante ist in den Bach gesprungen, weil die Kosaken ihr nachjagten.

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