Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 lieber die Z u ft ä n d e d e r I u d e n i n R u ft l a n d entlehmen wir dem „Berliner Tageblatt", der „Berliner Bölkseitung" und der „Kölnischen Volkszeitung" folgende Notizen: Sas 0 n 0 w u n d di e I u d e n P o g r o m e. Bon der Tribüne der Neichsdnma herab hat Rußlands -luftenitiniftet die „Gerüchte" (!) über die Judenpogrome als „unßst'mstige Erfindung der Deutschen" bezeichnet und diese „Verleumdung kategorisch dementiert". Herrn Sasonows kühnes Dementi pricht dafür, daß es in der Neichsdnma eben keinen Abgeordneten leben muß, der ihn darüber aufzn klären vermag, wo die „feindliche vegend" liegt, deren jüdische Bevölkerung gelitten hat. Vielleicht rsüllt diesen Ausklürungszweck sowohl für Herrn Sasonow als mch für die von ihm — wissentlich oder unwissentlich — angelogene leutrale Welt der nachstehende Feldpostbrief eines jüdischen Soldaten des russischen Feldheeres, der mit starken Zensurstrichen jüngst in „No-wy Woschod" erschienen ist: „Durch Liebe zu der ihnen allen gemeinsamen Heimat geeint, ogen sämtliche Völker Rußlands geschlossen ins Feld. Aus unerem ersten Siegestaumel in Preußen warf uns das Geschick hinüber nach Polen, wo wir, noch ehe wir die Weichsel zu sehen beamen, bereits das Geheul arglistiger Schakale vernahmen . . . iSh vernahmen phantastische Erzählungen über jüdische Spionage, oir vernahmen den offenen Ausruf zum Pogrom. Und was gechah aus den Straßen Warschaus? . . . Die Eindrücke, die ich?ort gewonnen, waren so schwer, daß ich geschworen habe, nie vieder diese Residenz des stolzen, „ritterlichen" Landes zu sehen . . . schritt für Schritt führte uns unser Weg an den Spuren von Veronstungen vorbei, die für alle Zeit den blutigen Abdruck rächender bände tragen, denen das Meer vergossenen Blutes kein Ansporn iewesen ist zum Vergessen alter Fehde . . . Kann man den noch?inen Menschen nennen, den: Leid, allgemeines Unglück und heiliges Shit leere Begriffe sind? . . . Doch genug von den Fremden; ehren wir zurück zu unserem alten, gemarterten Volk. Es leert ucht die Neige seines Leidenskelches . . . Das ist unser, der armen ftlden Los. . . Soweit der veröffentlichte Teil des Feldpostbriefes. Auch die wn der Zensur zur Veröffentlichung nicht zugelassenen Zeilen verden sicher alles andere erbringen als eineu Beweis für Herrn sasonows Behauptung von der „mißgünstigen Erfindung der deutschen". V ä t c r chens P a r a d i e s. Peters b u r g, 14. Februmr. Die „Rjetsch" enthält einen heftigen Artikel über das schwere?os der Juden in Rußland. Seit Ausbruch des Krieges ist nichts zetan worden, um das Los der Juden zu erleichtern, mit Auslahme eines Zirkulars, daß Verschickungen von Juden einstweilen licht stattsinden sollen. Im übrigen ist nichts geändert. Eine indische Mutter kann ihren verwundeten Sohn nicht sehen, der rgendwo totkrank im Lazarett liegt. Den jüdischen Verwundeten oerden Anträge auf Aufenthalt in Petersburg zur Kur abgechlagen. Die geplante Aufhebung der Pässe soll für die Juden licht gelten. Die Juden werden also nach wie vor rechtlos belandelt. Russische I u d e n f r e u n d l i ch k e i t. Den russischen Demokraten, die den polnisch-jüdischen Streit im önigreiche Polen, bei dem der grundsätzliche Nassenfanatismus, >er die Judenpolitik Rußlands immer beherrschte, nicht in Frage wmmt, gerade auch jetzt immer wieder dazu benutzen möchten, sich m den Juden lieb Kind zu machen und gleichzeitig gegen die Polen zu Hetzen, gibt W. Rzymowski in einem Artikel der Warschauer „Prawda" u. a. folgendes zur Antlvort: Niemals werden wir daran glauben, daß es den russischen Demokraten um die Ausrottung des Antisemitismus gu tun ist, olange sie felbst'dieses Unkraut pflegen und es nicht mit der Wurzel aus der Erde reißen. Wenn sie die Judeufresserei bekämpfen wollten, müßten sie das bei sich selbst tun. Wer pflegt denn Ideale nur, um einen Ausfuhrartikel daraus zu machen, anstatt bei sich 'elbst sie zu verwirklichen? Tie russische Gesellschaft hat sich durch die Ansiedelungsgrenze von den Juden abgeschlossen, aber hinter dieser Mauer her verkündigt sie laut die feierliche Parole der allgemeinen Menschenliebe. Sie hält in ihrer Hand die Liebe zu den Juden, läßt aber die Juden nicht zu sich. Ist das nicht eine phari- > fälsche Liebe? Die Demokraten antworten, daß das Verbot, das den! Juden den Aufenthalt in Rußland untersagt, ein Werk der russischen! Konservativen sei. Das ist allerdings so, aber hat sich auch nur ein Demokrat gesunden, der im Kampfe gegen dieses Verbot Gut und Leben geopfert hätte? 9!ach Berichten jüdischer Blätter, die bedingungslos Ela leben sindeir, wenn es sich um eine Herabsetzung der Polen handelt, ist vor einem Monat in Rostow am Don einem aus dem Gouvernement Kali sch stammenden jüdischen Soldaten ein FnH abgenommen und ihm dann befohlen worden, die Stadt zu verlassen, weil Rostow außerhalb des Ansiedelungsgebietes für die Inden liegt. Diese Grenze wird also auch durch in gemeinsamem! Kampfe vergossenes Blut nicht weggewischt! Die Chronik schweigt! darüber, ob man dem Opfer der Amputation auch aufgetragen, den abgenommenen Fuß mitzunehmen. Sollte man für ihn eine Ausnahme gemacht haben, so wäre das der einzige jüdische Fuß, dem i man den Aufenthalt aus rnssischeln Boden gestattet hätte -- ohne! Privileg! Was sagt dazu die russische Demokratie? Sie schweigt,! aber um dieses Schweigen auf anderem Gebiete wettzumachcn, j donnert sie gegen den Antfteiuitismns in Polen. i * Das „Berl. Tagebl." bringt folgenden iutereffantcn Bericht: D e r Krieg und die I u d e u f r a g e i n R u s s i s ch -Pole n. ^L o dz, Biitte Februar. Daß der Krieg die Judeufrage in Russisch-Polen, die nie verstmnmt war, erneut zur Debatte stellen würde, war von vornherein anzunehiiien, da die jüdische Bevölkerung des Landes von den Folgen des Krieges offenbar eine Besserung ihrer Lage erhofft. Man kann diese wichtige soziale und wirtschaftliche Angelegenheit, die jetzt die Gemüter noch mehr beschäftigt als zur Friedenszeit, hier natürlich nur flüchtig streifen. In Polen gibt es 1 688 900 Juden. In Lodz selbst leben etwa 180 000, lvie mir der Oberrabbiner Leizor Leib Trejstmauu, den ich aufsuchte, erzählte — ein würdiger, feingeistiaer und überaus liebenswürdiger Herr, der jedoch von vornherein „wegen der Unsicherheit der ganzen Situation" jede Erörterung politischer Fragen aölehute. Ich bedauerte es aufrichtig, konnte es ihm aber nicht Verdenken. Der weitaus größte Teil der Lodzer Juden spricht Deutsch. Biele von ihnen sind als Fabrikanten zu Wohlstand und Ansehen gelaugt. Etwa 20 Prozent sind Grundstücksbesitzer und über 30 000, zumeist Verheiratete, arbeiten in Fabriken. Die anderen! haben kleinere Geschäfte. Wenn es hier auch mehrere Synagogen, vielfach j Privatstiftungeu, darunter eine der sreidenkendeu Gemeinde gehörige, gibt, ' so hält die Blasse der jüdischen Bevölkerung doch sehr zusammen. Blau , zieht sie wohl zu allen Lasten heran, gibt ihnen aber fein Recht, mitzu- | reden in wichtigen Fragen der Regierung und der Verwaltung.! Die Not ist zurzeit sehr groß. Nach der Statistik der jüdischen Koloni-! satiousgesellschast erhalten zum Passahsest beständig Unterstützungen: im j Gouvernement Warschau 12,5 Prozent aller Familien, Siedler 18,5 Pro- : zent, Petri kau 20,9 Prozent, Lublin 22 Prozent, Radom 21,7 Prozent, j Kielce 22,7 Prozent. Dieser traurigen Lage entsprechen die Berdieuste der j jüdischen Handwerker, deren Zahl sich auf rund 120 000 stellt. Allein selbständige Meister, also Arbeitgeber, gibt es etwa 64 000. Etwa 33 Prozent der Handwerker haben ein jährliches Einnahmebudget von weniger als 250 Rubel, 47 Prozent zwischen 250 und 300, und nur 20 Prozent können mit mehr als 300 Rubel Jahreseinkommen rechnen. Im südlichsten Kreise des jetzt völlig zerstörten Kalisch sowie in einigen Kreisen des Gouvernements Suwalki finden sich Ortschaften, in denen 10 Prozent der jüdischen Handwerker nicht 100 Rubel Jahreseinnahmen haben. (Siehe „Die Zukunft Polens". Verlag Fr. Will). Grunow, Leipzig.)! Der Krieg hat natürlich die Not noch erheblich gesteigert, aber es i geschieht unendlich viel, nur sie zu heben, besonders in der jüdischen Ge-! meinde in Lodz. Zahlreiche und tüchtige Verwaltnngsmitglieder des! jüdischen Wohltätigkeitsvcreins sind leider bei Annäherung der russischen Truppen aus der Stadt gesloheu. Infolgedessen gestaltet sich bei der fortwährend wachsenden Not die Vereinsarbeit schwieriger, besonders hinsichtlich der Schaffung neuer Einnahmequellen, da gerade die wohlhabendsten Juden noch nicht den Mut zur Rückkehr gesunden haben. Wir Kriegsberichterstatter sind — um nur ein. Beispiel von Tausenden anzuführen —; in einem sehr geräumigen, dreistöckigen Hause einguartiert. Alle Bewohner sind fort. Nur im Erdgeschoß ist ein jugendliches Ehepaar zurückgeblieben. Während anderswo die allen gemeinsame Not des Krieges politische! und konfessionelle Unterschiede ansgleicht, verschärft sich hierzulande der! Gegensatz zwischen Polen und Inden immer mehr. In Lodz trat dies