Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 8 Berlin, 19. Februar 1915 Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung des IudentumK". SorrrlpouLrn?m unv Kachrichtm. LeutlchlsnL. <r/D Berlin, 16. Februar. Jüdischen Lehrern, die ein über die Bedürfnisse des Elementarunterrichts hinausgehendes Wissen ans dem Gebiete der Religionswissenschaften Nachweisen wollen, ist Gelegenheit geboten, vor einer vom Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde eingesetzten Kommission durch Ablegung einer Prüfung den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die Prüfung, die jährlich im März und September statMndet, erstreckt sich auf folgende Gebiete: Methodik, biblische Geschichte, Hebräisch, jüdische Geschichte, Religionslehre, Religionsphilosophie und Einleitungswissenschaft.! Gesuche um Zulassung zur Prüfung sind zu richten an den Schul- und Talmud-Thora-Vorstand der jüdischen Gemeinde, Berlin di 24, , Oranienburger Straße 29. Interessenten wird auf Ersuchen Abdruck des Prüfungsreglements verabfolgt. E. S. Berlin, 16. Februar. Die vierte der von der Lehr- , anstatt für die Wissenschaft des Judentums verj anstalteten M ontagsvo r l e s u n g e u hielt am 8. dieses Monats! Landtagsabgeordneter D. theol. Gottfried Tra u b aus Dortmund - über „Krieg und Kultur". Der Vortragende, ein recht temperament-! voller Redner, bemerkte einleitend, daß seit der Kriegszeit auch die j Volksmassen für die schlichte, klare und starke Art der klassischen Musik i reis geworden seien, und betonte den Unterschied zwischen Sachen-,; Menschen- und Seelenkultur. Gar viel von den Bäumen bis zu alten Kunstwerken hat der Krieg vernichtet, aber glückj licherweise mindern sich nach dem Urteil Sachverständiger immer ■ mehr die Zahl und der Wert der zerstörten Werke. Größer j aber als das Kunstwerk steht der Mensch. In der langen Friedens- > zeit hat die Aesthetik viele Menschen zermürbt. Gehört denn wirkj lich der Kunstsinn zum Wesen des großen Mannes? Wenn ja, dann! schrumpft die Größe Bismarcks und gar vieler Feldherren zusammen. j Nicht nur das verwöhnte Muttersöhnchen im Kriegslager, auch die! vielen, vielen hinter der Front müssen entbehren lernen. Nicht die j Geschichte, die Konjunktur machen den Menschen, sondern umgekehrt. j Wie ist in der Kriegszeit der Mensch in die Höhe gestiegen — auch j die seither so wellig beachtete namenlose Masse. Aber nicht die Zahl, > der Geist, die Technik überwiegen im Krieg. So ist nur die eiserne j Disziplin verständlich. Starke Unterschiede beginnen allmählich! abzunehmen, und das Kriegslager schasst kameradschaftliche! Verhältnisse. Unsere alte Kultur, durch bid Blut ge- I düngt, ist nun ernstlich bedroht, wird aber durch ein hochstehendes, > tapferes Volk gerettet werden. Kultur und Militarismus sind keine; Gegensätze. Friedrich der Große war doch der verkörperte Militaris-! mus und geistig doch eine verkürzte Ausgabe der Kultur des 18. Jahrhunderts. Zu viel hat man seither einzelne gewertet und im „Jahr- ' Hundert des Kindes" zu wenig Kinder erzeugt. Soll ein sittlicher Aufschwung kommen, dann fort mit denr Geburtenrückgang und dem - Wohnungselend, einer seiner wesentlichen Ursachen. Man kann warmer Friedensfreund sein und in der Kriegszeit doch seinen Mann stellen. Solange die Ländermassen unseres Planeten noch nicht gerecht aufgeteilt sind, wird es noch Kriege geben. Die meisten Schlachtendichter haben keine erlebt. Die Kriegsdichtung unserer Zeit überragt bedeutend diejenige von 1870/71. Ist denn der Friede das einzig Richtige? Seither hat man sich die Lösung der Probleme zu leicht ge-; macht. War es denn vor dem Kriege so friedvoll bei uns? Streiks, konfessioneller und Parteihader, das Werk der Frauenbewegung und; ihrer Gegner usw. waren doch keine Friedensschalmeien. Sind denn die geistigen Waffen immer „geistig" gewesen? Unser seitherhiger Seelenschwung ist vielfach zerbröckelt. Wird denn auf dem Schlachtfeld oft nicht mehr Friedensliebe geübt als hinter der Front? Der Krieg als solcher verroht nicht. Nicht soll man gehässig sein, aber solange es Menschen gibt, werden große Liebe und großer Haß unzertrennlich sein. Nach Grillparzer liegt das Göttliche oft so nahe; beim Tierischen. Die 43 Jahre Friedenszeit sollen nun zeigen, was! lvir können, was wir zu opfern vermögen. Natur- und Willenskraft : müssen sich mit dem Willen zum Siege vereinigen. — Den schwung- I vollen, geistessp ruhenden Worten des Redners folgte reicher Beifall. Berlin, 16. Februar. Der Iüdi s ch e F r a u e n b u n d E. B. hielt am 24. v. M. seine 19. Vorstandssitzung ab, die von der Vorsitzenden, Fräulein Bertha Pappenheim, Frankfurt a. M., mit etwa folgenden Worten eröffnet wurde: Unser heutiges Zusammensein bietet den Beweis, daß lebhaftes, sachliches und, wie ich auch überzeugt bin, warmes persönliches Interesse uns bindet, vor allem aber, daß wir alle den Willen haben, in dieser Zeit, die jedem Schweres bringt, unfern Weg als jüdische Frauen nicht zu verlieren. Als deutsche Frauen wollen wir an unserer Stelle unsere Schuldigkeit tun, so wie die jüdischen Männer freudig Gut und Blut fürs Vaterland opfern — als dem Laude der Bundesgenossenschaft Zugehörig, fühle ich mich eins mit Ihnen - - aber auch unsere jüdischen Gemeinschaftsaufgäben dürfen wir nicht vergessen. Zu dem Protokoll der letzten Sitzung wurde bemerkt, daß das Korrespondenzblatt nicht mehr erscheint, es mußte durch die Zeitläufte eiugehen. Auch die Herausgabe des „Jüdischen Frauenbuch" ist ausgehoben. Als Vorsitzende der Jugendkommission berichtet Si d o n i e Werner, Hamburg, daß dort schon eine jüdische Jugendpflege bestand und nun noch ein Mädchenklub dazu gekommen sei, ebenso wie inzwischen in Mannheim ein solcher entstand. Auch in Leipzig ist nach Frau L e v y s Bericht endlich ein Mädchenklub zustandegekommen, und zwar getrennt vom Jugendverein. Der Klub tagt einmal in der Woche und hatte am ersten Abend gleich 60 Teilnehmer. In lebhafter Debatte ergibt sich der Wunsch nach Zusammenberufung der Delegierten der Jugendvereine und Mädchenklubs des I. F. B. unter dem Vorsitz der Jugendkommission. Auch die Notwendigkeit einer gemeinsamen Tagung aller OrLsgruPpenvertreterinnen tritt zutage. Fräulein Pappenheim meint, daß der I. F. B. gerade in dieser Zeit seine Wirksamkeit betonen solle. Es wird beschlossen, daß die Ortsgrupponsitzung'zeitlich und örtlich mit der Sitzung der Jugendkommission zusammenfallen solle, und zwar in Berlin unter dem Vorsitz der Ortsgruppe Berlin. Ter Vorstandsbeschluß soll sobald wie möglich herausgehen, da die Zusammenkunft in den ersten Apriltagen stattfiuden soll. Frau Jsabella Heim-Nürnberg erstattet Bericht über die Kommission Bahnhofshilfe, der später durch die Presse gehen wird, ebenso Frau Helene Meyer über das Kartell der jüdischen Arbeitsnachweise und die Auskunftsstelle für Berufsberatung, in denen vornehmlich auf die Notwendigkeit von gründlicher Vorbildung aus bestimmte Berufe und auf Lehrjahre ebenso wie auf Berufsmöglichkeiten hingewiesen wird. — Fräulein Pappenheim erwähnt die Eröffnungsfeier des zweiten Hauses in Neu-Isenburg, bei der Frau Dr. Frankl so besonders eindrucksvoll gesprochen habe. Das Haus I sei als Lazarett ange'boten worden, die Zöglinge sind in dem anderen ziemlich eng beisammen. Die Anstalt habe große finanzielle Sorgen. Der Vorstand des I. F. V. bewilligt 600 Mark für Neu-Isenburg. — In weiterer Erledigung der reichen Tagesordnung lvird beschlossen, eine kleine Kommission zu bilden, die schleunigst ein Flugblatt entwerfen soll, das weitere jüdische Kreise über Eruährungsfragen vom Standpunkt heutiger vaterländischer Notwendigkeiten anfklärt und belehrt. Der Vorstand ist auch einig darüber, daß in allen Kreisen für Einfachheit in der Lebenshaltung und dem Ernst der Zeit entsprechend auch für Einfachheit in der äußeren Erscheinung der Frauen und Mädchen eingetreten werden soll. Fräulein Pappenheim empfiehlt die Gründung einer „Kasse 1915", die, ans Jahresbeiträgen möglichst vieler Frauen und Mädchen gebildet, bei Eheschließungen kleine Kapitalsbeiträge auszahlen soll. Die Möglichkeit der Eheschließungen zu erleichtern, werde eine wichtige soziale Aufgabe der Zukunft sem. Die Idee wird vom Vorstand des I. F. V. sympathisch ausgenommen, ihre Ausführung aber bis zur nächster: Vorstandssitzung zurückgestellt, um bis dahin Aenßerungeu und Rat aus maßgebenden Kreisen, vielleicht auch ans denr Publikum selbst entgegenzunehmen. &&& Berlin, 16. Februar. Eine Gedächtnisfeier für den verstorbenen Stadtverordneten L o u i s S a ch s , den langjährigen