Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- Seite 95 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229186--71115-3283436- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
95 „Lasse es gut sein, Agnes Maria," beschwichtigte sie Littauer mit einer Handbewegung. „Es wundert mich, daß Else dich nicht darauf aufmerksam gemacht hat." Else lächelte: „Mama wird bald eine eifrigere Christin fein als meine Mama." Darauf mußte auch Littauer lächeln: „Schwere Sache." „Nur dir wird's schwer," sagte Frau Littauer rauh. Stille und traurige Ergebung vibrierte in Littauers Stimme, als er ihr beipflichtete: „Du hast recht, mir wird's schwer." „Weil du keine Ueberzeugung hast," polterte Agnes Maria. „Jetzt willst du eine Ueberzeugung haben? Früher hättest du mich deswegen verlacht?" „Das war etwas anderes." „Freilich war es etwas anderes. Das war die Ueberzeugung des Juden." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. Das Ghetto b u ch. Die schönsten Geschichten aus dem Ghetto. Herausgegeben von Artur Landsberger. Mit 18 Bildern von F. Feigl. 1914. Verlag Georg Müller, München. Eine prachtvolle Sammlung, die ich sehr gern empfehle. Der Verfasser überrascht, und zwar in seiner Zusammenstellung nicht mit Unbekanntem; vielmehr sind Asch, Perez, Zangwill, Pinski, Spector und Schalem Aleichem mit zahlreichen Proben vertreten; daneben auch einige Deutsche, die uns gleichfalls nicht unbekannt sind, wie Hermann Blumenthal und I. E. Poritzky. Von manchen andern, die man in Deutschland weniger kennt, sind gleichfalls ein paar Stücke ausgenommen. Alle hier abgedruckten Skizzen und Novellen sind untereinander sehr verschieden: in wenigen zeigt sich ein lustiger bisweilen sogar kecker Humor. In den meisten dagegen herrscht etwas Melanchol-ischb-Tnsteres. Die ansgenommenen Beitrage sind durchaus nicht lauter Prachtstücke: neben Bedeutendem findet sich auch vieles Unbedeutende. Einzelnes, wie: Ausgezeichnete Birnen von Pinski ist schon in unserer Zeitung veröffentlicht worden. Sehr stimmungsvoll ist A. S. Rabbinvwicz, Der Rabbi im Kerker. Als die Krone des Ganzen möchte ich das „Wunderkind" von Hermann Menkes und endlich die bedeutsam angelegte, wundervoll komponierte große Novelle, das ausführlichste Stück des ganzen Bandes „Joseph der Träumer" von I. Zangwill bezeichnen. Zangwills Geschichte ist die Erzählung von einem römischen Juden, der zum Christentum übergeht, dann aber, nachdem er Priester geworden ist, sich beim Judenwettrennen im Karneval beteiligt, dann die Menge gegen die Tyrannei des Papstes aufrust, einen Teil des Volkes für sich gewinnt, schließlich aber den Feuertod erleiden muß. Es ist ein wahrhaft großes Gemälde vergangener Zeit. Besonders ist die Schilderung der zwei Frauen, die beide den Joseph lieben: der Jüdin Mirjam und der Christin Helena de'Franchi, die zum Schluß in ihrer gemeinsamen Trauer sich zusammensinden, von erschütternder Kraft. Schon wegen dieser einen Erzählung verdiente das Buch allgemeine Verbreitung, aber auch viele andere Stücke der Sammlung sind geeignet, in weitesten Kreisen Beifall zu gewinnen. — The jewisli Review edited by Dr. Joseph Hochman. Vol. V No. 25, 26. May, July 1914. London, Geo Routledge & Sons. Daß erste Heft des neuen Jahrgangs, das letzte, das für absehbare Zeit in unsere Hände gelangt, macht einen '.-orlresilichen Eindruck, Die Redaktion hat offenbar den Rat, den ich mehrfach gab, beherzigt, die Monatsschrift wissenschaftlicher zu gestalten und die vielen Aktualitäten, die wohl für Tag- und Wochenblätter passen, zu verdrängen. Freilich maße ich mir nicht an, zu meinen, daß mein Rat allein ausschlaggebend gewesen fei. Außer einem zweiseitigen Leitartikel: „Die Wallfahrt nach Neu-Jerusalem" enthält das Heft nur wissenschaftliche Artikel, und zwar selbständige Arbeiten und größere Rezensionen. Unter den ersteren ist der über „Emma Lazarus, eine Studie über Psychologie" zu nennen, eine sehr interessante Untersuchung über eine jüdische amerikanische Schriftstellerin, von der mir früher nichts bekannt war. Besonders wichtig sind die Arbeiten über die Synagogen in Aegypten und über die Apologetik der Rabbiner. Die letztere ist eine geschichtliche Studie, die mit den Tannaiten beginnt; in dem vorliegenden Hefte wird nur ein kleiner Teil der groß angelegten Arbeit gebracht. Es wäre schön, wenn bald die Zeit käme, in der man sich wieder mit englischen Juden in gemeinsamer wissenschaftlicher und praktischer Arbeit Zusammenfinden könnte. Nur wird es, wie man fürchten muß, lange dauern, bis wissenschaftliche Zeitschriften überhaupt wieder erscheinen und bevor englische Publikationen ihren Weg nach Deutschland finden können. Wir wollen diese Zeit still erwarten und, wenn sie wiederkommt, froh begrüßen; denn, wenn wir auch jetzt die Engländer gründlich hassen, ja verachten müssen, so sollte die Wissenschaft in ihren friedlichen Gebietern keinen trennenden Nationalhaß kennen. Auch über das Juliheft läßt sich dasselbe Gute sagen: Ein Leitartikel spricht über Zeitgeschichte, zum Beispiel über die Rückkehr der Juden nach Spanien, und schließt mit einer hübschen Würdigung des Hilfsvereins der deutschen Juden. Unter den Aufsätzen erregt unser Interesse besonders eine Studie von Daiches über Salomon Maimon und seine Beziehungen zum Judentum. Die Studie knetet zwar nichts sonderlich Neues, aber benutzt sorgsam die gedruckten Quellen; interessant ist eine Anmerkung Seite' 168 fg. über eine merkwürdige Uebereinstimmung zwischen Maimon und Spinoza. — R eligiöse Bilde r. Predigten von Dr. Georg Wilde, Rabbiner der Synagogengemeinde zu Magdeburg. Berlin 1914. Verlag von M. Poppelauer. Preis 3 Mark. Sehr hübsche Betrachtungen in Predigten, die meist an hohen Feiertagen gehalten worden find. Der Verfasser versteht es, anmutige Naturbilder zu geben, von den kleinen Vorgängen des Lebens aus auf große allgemeine Gedanken hinzuweisen, die Bedeutung des Judentmns in seiner geschichtlichen Entwicklung zu erläutern und au» ver Vergangenheit heraus Kraft zu entnehmen für die sittlichen, geistigen und religiösen Kampfe der Gegenwart. Vor allem ist er bemüht, den tiefen ethischen Gehalt des Judentums, seine innerliche Bedeutung darzulegen und in den Gemütern der Hörer zu festigen. Mich haben namentlich Nr. 7: „Der Selbstmörder" und Nr. 10: „Kämpfen und Bauen" angesprochen; Nr. 13: „Ein Zwiegespräch zwischen Chanukalicht und Weihnachtslicht" hat mich weniger befriedigt. Alle Reden aber, auch die nicht besonders angeführten, zeugen von einem gebildeten Geist, einer im ganzen recht gewählten Sprache; nur wäre manchmal eine straffere, durchsichtigere Disposition erwünscht. Die Ausstattung des Buches ist vortrefflich, weit besser, als man sie bei jüdischen Publikationen gewöhnt ist. Schon aus diesem Grunde, aber vornehmlich seines inneren Wertes wegen, eignet sich das Buch ganz besonders zu Konfirmationsgeschenken und Prämien. L. G. & Wurzelf o r s ch u n g e n zu den hebräischen Synon h men der Ruh e. Bon Dr. Julius Cohen. Berlin 1912, M. Poppelauer. Als das wichtigste Hilfsmittel zur Förderung der hebräischen Synonymik bezeichnet der Verfasser der uns vorliegenden Arbeit die Wurzelsorschung. Jeder dreibuchstabige Berbalstamm läßt sich aus eine zweibuchstabige Wurzel mit eigener Grundbedeutung Zurückführen. Es ist mm höchst lehrreich, an dem Beispiel, das der Autor für seine Studie gewählt hat, nämlich an den Synonymen der Ruhe, zu denen im weiteren Sinne auch die Begriffe des Liegens, Stehens, Wohnens, Schlafens und Schweigens gehören, so daß etwa vierzig Synonyma in Betracht kommen, zu konstatieren, daß alle diese sinnverwandten Ausdrücke ans ein und dieselbe Wurzelbedentung zu rückgehen, auf den Begriff des Hinstreckens, Ausdehnens, Weitseins, bzw. des Abschneidens, Spaltens und Trennens. Alle diese Begriffe führten endlich zu dem Begriff der Ruhe im materiellen und geistigen Sinne. Es ist natürlich, daß bei derartigen sprachwissenschaftlichen Untersuchungen einzelnes im ungewissen verbleiben muß, aber die Hauptresultate stehen doch fest und beweisen die gründliche Beherrschung des Gegenstandes seitens des Verfassers, der der Wissenschaft leider zu früh entrissen worden. D r. G r ü n t h a l. ' *