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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-19 · Heft 8 (19.2.1915) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 8 (19.2.1915)
Date
1915-02-19
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
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-- 94 „Kollär ein Christ?" „Ist er es etwa nickst?" fragte Agnes Maria und maß dabei Samuel Spitz mit niederschmetternden Blicken. „Ist er es vielleicht ja?" entgegnete Samuel. „So soll sein Kopf leben, wie er Ludwig Kollär ist. Lajbisch Keller hat er vor dreißig Jahren geheißen." Littauer bestätigte dies. Jetzt regte sich in Agnes Maria der christliche Hochmut. Sie öffnete die Tür des Nachbarzimmers und rief mit einem sonderbaren Gemisch von Triumph und Verachtung hinein: „Hörst du, Else! Dieser Kollär ist gar kein geborener Christ. Großartig! Jeder will Christ sein! Großartig!" . XV. Seitdem Littauer krank war, stand ihm Samuel Spitz mit noch größerer Anhänglichkeit zur Seite wie früher. Er betreute ihn, wie man ein kleines Kind betreut. Mit unendlicher Selbstverleugnung hatte er diese Rolle übernommen, denn anfangs quälten ihn religiöse Bedenken, und nur verstohlen schlich er sich hie und da in das Littauersche Herrenhaus. Er hatte Furcht vor den Leuten und auch vor seinem eigenen Gewissen. Oft trat ihm der Angstschweiß auf die Stirn und Bangigkeit preßte sein Herz zusammen. „Mein Ojlem-Habe! Mein Ljlem-Habe!" *) stöhnte der Aermste. Im Tempel sahen ihn die Leute mit ärgerlich-spöttischen Blicken an. Diese Blicke schienen ihn gleichsam lstnauszuweisen, als ob er dort nichts zu tun Hütte. Auch hatte man ihn schon seit zehn Wochen nickst vor die Thora gerufen. Das tat ihm am meisten weh. Dennoch hielt er getreulich bei Littauer aus. „Ech müß," erklärte er seiner Frau. „Ech konn nischt andersch. Nischtemul e Meß tur men losn elein. Uen e' Hot doch ojchet falurn de ittemc Neschume nebech."") Dieser arme, einfältige Mensch empfand tiefes, erbarmungsvolles Mitleid mit Littauer, deshalb schloß er sich ihm an. Samuel Spitz konnte sich nicht vorstellen, wie Littauer ohne Juden leben könnte. Littauer war ihm dankbar für seine Anhänglichkeit. Frau Littauer gefiel die Sache anfangs nicht, doch nach und nach gewöhnte sie sich in dem Maße an die Gegenwart des flinken, stets dienstfertigen Jüdleins, daß sie ihn nicht mehr missen mochte. Von früh bis spät verfügte sie über ihn und ihn freute es, daß er sich nützlich machen konnte. Indes remonstrierte er auch manchmal, wenn Frau Littauer solche Dienstleistungen von ihm verlangte, worüber ihm das Herz zu brechen drohte. Einmal sagte sie zu ihm: „Spitz, nehmen Sie diese Kiste auf die Schulter." Spitz lud sich die Kiste auf und folgte Frau Littauer auf dem Fuße. Und Frau Littauer begab sich vor das Tor des Herrenhauses, wo der Gärtner und Else eben ein Zelt ansschmückten. Es waren die Vorbereitungen zu einer festlichen Prozession. „Spitz, helfen Sie," sagte Frau Littauer. Aus Spitz brach die Erbitterung hervor: „Brauche ich denn das Zelt? Mein Zelt wird die gnädige Frau nicht ausschmücken. Wirklich hätte ich diese Kiste nicht hergebracht, wenn ich gewußt hätte, wozu sie soll." „Gut, gut. Machen Sie sie nur auf." Spitz lud die Kiste ab und öffnete dieselbe unwillig. Er prallte erschrocken zurück, als ihm da ein liebliches Madvnnenbild entgegenlächelte. *) Meine himmlische Seligkeit. Ich kann nichts anders. Nicht einmal einen Toten darf man allein lassen, und der Aermste hat doch seine Seele verloren. | „Und das hat die gnädige Frau von mir herbringelt j lassen," klagte er vorwurfsvoll. „Hat die gnädige Frau | ein Herz?" | „Spitz, seien Sie nicht so dumm." i „Mit der gnädigen Frau kompromittiere ich mich nur! immer." j »Spitz!" j „Nüna, nicht Spitz!" ergoß sich die Empörung aus seinem! Herzen. „So kann das nicht weitergehen, gnädige Frau. Ich i bin ein ehrlicher Jude, der ein Weib und vier Kinder hat. Und j mein Ruf, der ist auch kein Hund, wohlgeborene Frau. Und ich! achte auf meinen Ruf, Frau von Littauer." j „Aber Spitz!" sprach Frau Littauer indigniert. > „Spitz ist ein zugrundegerichteter Mensch, Frau von Lit-! tauer. Samuel Spitz ist ein niemand. Mit Samuel Spitz wollen schon die Juden nicht mehr reden. Spitz gilt ihnen schon so wenig, wie . . . wie der gnädige Herr." Frau Littauer geriet vor Zorn außer sich. „Spitz!" herrschte sie ihn streng an. „Sie werden von Tag zu Tag dümmer. Bringen Sie das Bild her und helfen Sie uns." j Spitz konnte eine Zeitlang nicht zu Worte kommen, denn j diese unglaubliche Zumutung machte ihn ganz starr. - „Ich soll da helfen?" machte sich endlich seine Entrüstung! Luft. „Warum sagt die gnädige Frau nicht gleich, daß ich! mein Weib erschlagen soll? Ich soll helfen? Was bin ich! denn? Bin ich ein Katholik? Sehe ich denn aus wie ein! Katholik?" : Else brach in helles Lachen aus: j „Sie können es noch werden, Onkel Samuel."! Samuel hielt sich beide Ohren zu und tanzte vor Unbehagen. Er eilte davon und zergte sich bis zum späten Abend nicht. Zu Hause vergrub er sich in das Psalmenbuch und betete soviel, daß es für fünf Tage genug gewesen wäre. Gewissensbisse quälten ihn und er gelobte sich unausgesetzt: „Nie mehr werde ich ihre Schwelle überschreiten." Dann betete er weiter. Und je mehr er betete, desto gräßlicher erschien ihm sein Vorgehen. Ein ehrlicher Jude kann wirklich nicht auf so etwas verfallen. Was geht ihn der Abtrünnige an? Das ist doch gar kein rechtes Tun. „Ech het gur nischt gesollt os de findige Welt beschaffn lvern!" quälte er sich unter Selbstanklagen. „Ajder hat ech gesollt en Efele wern."l) Und wieder betete er. Am Nachmittag wurde ihm das Herz noch schwerer, und wie geistesabwesend verrichtete er seine häuslichen Angelegenheiten. Bei jeder Arbeit dachte er immerfort an Littauer. Gewiß hatte er schon nach ihm gefragt, gewiß hatte er ihn nötig. Vielleicht ist er gar seitdem wieder schwer erkrankt und hat niemanden bei sich, niemanden, niemanden, nur ein paar Christen. Seine früheren Selbstanklagen waren vergessen und alle seine Gelöbnisse. Er eilte ins Herrenhaus. Als er bei Littauers eintrat, wurde eben von dem Zelte gesprochen. „Es war prachtvoll schön," rühmte sich Agnes Maria. „Ich glaube es wohl," meinte Littauer, „aber das hätte j auch eine andere ausschmücken können, nicht eben du." j „Hat es mir etwa nicht gepaßt?" fragte Agnes Maria mit j Schärfe.! „Es hatte den Anschein, als ob du dich damit — brüsten! wolltest." | „Johann!" | *) Wäre ich doch nie auf die Welt gekommen! Eher hätte ich eine Frühgeburt werden sollen.

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