Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
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!>•'! Als eine musterhafte Fürsvrgestätte jür junge Mädchen ist! iec von Sidonie Werner jüngst gegründete Mädchenklub in J bamburg zu neunen, der ans der Kricgszeit geboren wurde, | wer viele Bedingungen für sein Fortbestehen nach dem er-! ehnten Frieden in sich schließt. i Zunächst traf es sich ungemein günstig, das; die behag- ' ichcn Nänine in dein schönen Gartenhanse, Hvchallee Nr. 1, ür diesen Ziveck in entgcgenkvnnncnder Weise überlassen; vurden. Sodann ist die Verbindung von hier mit Altona so >eqeum und billig, daß auch aus Altona junge Mädchen dahin oinmen. Dank den Bemühungen der Gründerin und der! V-rctu Adolf Bleichröder konnte der Klub in ganz kurzer Zeit j 11 einer gedeihlichen Entfaltung gelangen. In den Nachmittagsstunden von 5 bis 9 versammeln sich , äglich etwa 32 junge Mädchen, die vormittags teils im, teils j uißer dem Hause beschäftigt und mitunter auch arme Flächt-! inge sind. Ihre freien Stunden werden nun im Klub aufs! >cste ausgefüllt mit Unterricht in Maschinenschreiben und! -tenographie, ferner im Deutschen, Rechnen, im Französischen ind Englischen. Sodann sind einzelne Tage den praktischen : Landarbeiten gewidmet. Unter Leitung einer fachlich geschulj en Schneiderin wird das Zuschneiden und Maschinennähen i iclehrt und manches Kleidungsstück angefertigt, das die jun- >en Mädchen selbst brauchen. Stoffreste, für Blusen besonders und auch größere, werden von einem Geschäft freundlichst daür hergegeben. Aber nicht nur für sich selbst sollen die jungen Mädchen argen, sondern auch für unsere Helden draußen im Felde! So werden für sie Strümpfe gestrickt und andere Wollsachen, erner Decken aus Zeitungspapier hcrgestellt, die recht nett uissehen und sich bewähren sollen. Es fehlt auch nicht an Stunden der Erheiterung und zeitigen Anregung durch Musik und Lektüre. Eine kleine Bücherei st bereits angelegt worden, die hoffentlich mit der Zeit wachsen vird. Eine Erfrischung wird in Form von Marmeladebrot aut Tee verabreicht, sofern die Gäste das Brot nicht selbst mituingen. Wenn dieser Mädchenklub auch in erster Linie für jüdische Rädchen gedacht ist, so sind selbstverständlich auch andere tcts willkommen, und daß sie alle sich dort wohlfühlen, >avon legt ihre muntere Stimmung und der stets rege Besuch vas beste -Zeugnis ab. Eine angestellte Dame, die in einem ähnlichen Hamburger Institut schon gewirkt hat, widmet sich meistens den jungen Rädchen und steht ihnen mit Rat und Tat sreundlichst zur Seite. So wird ihnen der Klub zu einem Heim, das ihnen iedweden Schutz in dieser schweren Zeit gewährt. 0fr tttue Christ. Roman von Peter Ujvsri. Uebersetzt von Rosa Trencseni. tFortsetzung.) ollür benahm sich, als ob Littauer bei dem Unternehmen gar kein Wort mitzusprechen hätte. Der Vertrag gab ihm war kein Recht zu eigenmächtigen Verfügungen, doch Littauers »eständiges Kränkeln hatte sein Versügungsrecht unwillkürlich lnd gleichsam automatisch erweitert. Und er war nicht der Rann, der ein solches Recht nicht mißbraucht hätte. Er stellte die von Littauer festgesetzte Arbeitsordnung auf den Kopf, korrigierte den Kostenüberschlag und fälschte ganz einfach den Bauplan. Die vom Bischof ausgeschickte Baukommission verstand die Sache nicht, und er konnte tun, was er wollte. Wenn dieser oder jener Domherr die willkürlichen Abtveichungen auch wahrnahm und ihn deswegen zur Verantwortung zog, wußte er ihn entweder zu beruhigen oder er ignorierte das Ganze. Er appellierte einfach an den Bischof, dessen Patensvhn er war, und der Bischof gab ihm in allen Stücken recht. Wenn cs aber zuweilen geschah, daß der Bischof wegen irgendeiner Verfügung in Angst geriet, war Pater Lnzian da, des Bischofs allmächtiger Sekretär, welcher den greisen Kirchenfürsten zu bestimmen wußte. Und Pater Lnzian machte seinen entscheidenden Einfluß sehr oft zu Kollars Gunsten geltend, besonders wenn er damit Littauer Unannehmlichkeiten bereiten konnte. Dieser junge Priester war der Typus der Jesuiten, obwohl er nicht diesem Orden angehörte. Er war ein kluger und gebildeter Mann, aber ein Fanatiker und die Juden haßte er aus Ueberzeugung. Bei aller Bildung war er doch voreingenommen. Vielleicht gab es in dem ganzen Priesterorden keinen einzigen, in dessen Seele sich die mittelalterliche Auffassung vom Judentum derartig konserviert hätte, wie in ihm. Er sah im Juden ein Geschöpf von untergeordnetem Range. Torqnemada konnte die Marranen nicht in dem Maße verabscheut haben, wie dieser junge Priester die neuen Christen verabscheute. Als man wegen Uebergabe des Bauunternehmens die Entscheidung treffen sollte und der Bischof sich für Littauer erklärte, weil er es als besonderen Ruhm Gottes ansah, mit Hilfe des Kirchenbaues eine Seele von der Verdammnis zu erretten, da hatte sich Pater Lnzian ganz offen dem Bischof widersetzt und leidenschaftlich behauptet, daß es eine unchristliche Sache sei, mit dem Bau der Basilika einen Inden zu betrauen. Kollar, obgleich auch er ursprünglich Jude gewesen, gej bürdete sich so, als ob schon feine Vorfahren Christen gewesen! wären. Wenn er mit Bekannten über ganz fernabliegende j- Gegenstände sprach, wußte er immer wieder auf die Juden zu- \ rückzukommen, um sie zu beschimpfen. Dieser Haß war übrigens! sein moralisches Kapital, das ihm reichliche Zinsen trug. Niei mandem kam cs in den Sinn, seinen Charakter zu prüfen. Der ' christlichen Gesellschaft genügte es, zu wissen, daß er den Juden i hasse, woraus sie den Schluß zog, daß er offenbar in jeder i Beziehung der Gegensatz des Juden sei, nämlich: ehrenhaft, i solid und vertrauenswürdig. Besonders Pater Lnzian hielt viel von seiner Ehrenhaftigkeit und atmete erleichtert auf, als ihn Littauer unter dein Zwange der Verhältnisse zu»; Geschäftsteilhabcr nehmen mußte. Na -.dachte er bei sich —, jetzt wird der Jude nicht betrügen können. Er konnte cs auch nicht, denn das besorgte Ludwig Kollar. Er gebrauchte so elende Kniffe, daß Littauer aus dem Entsetzen nicht herauskam. Auch Littauer wollte an dem Ilnternehmen gewinnen und auch er schrak nicht vor den kleinen Mißbräuchen der Unternehmer zurück, doch >var es ihm nie eingefallen, Schurkereien zu begehen. Kollür aber ging einfach auf Raub aus. Von der Krankenstube ans konnte Littauer ihn nicht kontrollieren, und so trieb ihn sein Gewissen einigemal zum Bau hin. Doch die Aufregung und der Aerger schadeten ihn; in dem Maße, daß er kränker denn je wurde. Der Arzt untersagte ihm energisch, sich auch nur in Gedanken mit dem Bau zu beschäftigen. Er möge froh sein, einen so verläßlichen Kompagnon, wie Kollar, zu haben. „Du wirst sehen, daß mich dieser Mensch noch in Gefahr bringen wird," klagte er seiner Frau. „Aber wo denkst du hin?" beruhigte ihn die Frau. „Kollür ist ein ganz einwandfreier Mann, ein Christ." Samuel Spitz, Littauers treuer Hausjude, war auch zugegen bei diesem Gespräch. Bei den naiven Reden Frau Littauers konnte er das Lachen nicht unterdrücken.