Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229186--71107-3283428- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
87 ’om Kriege gelitten; die Opfer, die wir gebracht haben, sind so «lein und verschwindend gegenüber den Entbehrungen, Unbilden und Leiden, die unsere Tapferen zu bestehen haben, daß vir das Aufhören der Frühstückssemmel ebensowenig bejammern dürfen wie das Vorzeigen der Brotmarken und das Aus-! ommen mit 2 Kilogramm Brot und Mehl Pro Woche und Kopf, /jeder muß daran denken, daß er durch weise Beschränkung und Enthaltsamkeit auch seinerseits dem Vaterlands dient. Gewiß verden sich für den einzelnen Schwierigkeiten ergeben, manche bewerbe werden schwer bedroht, aber sie alle müssen sich sagen, >aß es die erste Pflicht eines jeden Staatsbürgers ist: Aushalten und Durchhalten. Mit Nachtschwärmern und Vergnügungssüchtigen brauchen vir kein Mitleid zu haben. Und darum begrüßen wir die neue Verordnung, die seit dem 14. Februar die Polizeistunde auch in mfss, Nachtlokalen, Bars und ähnlichen Lokalen auf 1 Uhr rachts festsetzt, mit großer Freude, wenn auch die Inhaber vlcher Lokale darunter leiden. In einer so ernsten Zeit wie >er unsrigen ist für Nachtbummeleien kein Platz, und da es noch innrer Leute gegeben hat, die das Herumtreiben nicht lassen onnten, so ist das behördliche Einschreiten froh zu begrüßen. Üöllerei und Verschwendung schickt sich nicht, wenn Millionen ne furchtbarsten Strapazen auszuhalten haben. Bis 1 Uhr rachts kann auch der, der kein Heim besitzt, sein Bedürfnis nach speise und Trank und nach Vergnügungen jeder Art vollvmmen befriedigt haben. Für die innere Gesundung unseres Volkes ist auch diese Zurückhaltung, die Vernichtung fremder Insitten, ebenso berechtigt wie notwendig. * Zu den Leiden, denen unsere Glaubensgenossen -n Rußland ausgesetzt sind, kommen nun auch, wie die . '.eitungen berichten, Judenverfolgungen in l l g e r i e n. So heißt es: Nach einer Meldung der „Gnerre Sociale" sind 50 000 Inden in lgerien fortdauernd Unterdrückungen ansgesetzt wie in den ' hlimmsten Tagen des Antisemitismus. Zahlreiche jüdische Familien, i ic aus diesem Grunde Algerien verlassen niußten, sind nach Franki.'idj gekommen, wo sie aber nicht die Hilfe fanden, auf die sie Annuch haben. Sie werden dort vielmehr weiter lute Ansgestoßenc; handelt. Man kann solche Nachrichten nur mit tiefster Betrübnis gen, denn man ist völlig machtlos gegen derartige Greuel, /as freie Frankreich schämt sich nicht, in Barbarei seinen russihen Verbündeten zu gleichen. * Englische Zeitungen bringen in einem längeren Berichte aus : openhagen — so schreibt das „N. W. I." — eine aufsehen- >:regende englische Darstellung über die Leiden der jüdischen Studentinnen in Rußland. Diese Ausführungen sollen bei «eisen, daß in England nach wie vor einige Leute in Rußland unen gefährlichen Faktor für die Kultur sehen. Es wird ein Bericht der „Temporal Review" wiedergegeben, in dem es i eißt: Typisch ist die Art und Weise, mit welcher das Zareni nn fortwährend die jüdischen Studentinnen zu behandeln iflegt. Wenn eine begabte junge Jüdin an einer Universität ' ndieren will, kann sie die Erlaubnis dazu nur bekommen, wenn sie sich die „gelbe Karte" verschafft, das heißt, wenn sie sich i > die Klasse der Prostituierten von der Polizei einreihen läßt. chon das ist bezeichnend genug für das System in einem Reiche, welches angeblich für Kultur und politische Freiheit t impft. Aber nicht genug damit. Man sollte glauben, daß es > ne reine Formsache sei und daß die jüdischen Studentinnen > ir Leben so einrichten würden, wie es ihnen zusagt, wenn sie i >,r die berüchtigte „gelbe Karte" haben. Und dann wäre es io schändlich genug, das Studium von einer so haarsträubenden Bedingung abhängig zu machen. In Wirklichkeit aber ist die Sache viel schlimmer. Die Polizei ist nämlich angewiesen, sidh in jedem einzelnen Falle davon zu überzeugen, daß die jungen Studentinnen auch tatsächlich berechtigt sind, Inhaberinnen der „gelben Karte" zu sein. Sittenlosigkeit ist also der Preis, womit eine begabte jüdische Studentin in Rußland das Recht bezahlen muß, ihr Studium fortzusetzen. Daß dieser Preis in der Mehrzahl der Fälle ganz durch die Bestechlichkeit der russischen Polizei und Polizisten ersetzt wird, ist kein mildernder Umstand für die Regierung und die Behörden, welche ein so schändliches System in Szene gesetzt haben. Angesichts solcher Tatsachen verliert man, so schließt das Blatt, jeden Glauben an eine durchgreifende Aenderung der Stellung der „lieben Juden" im heiligen Rußland, eine Reform, die jedoch mit aller Entschiedenheit durchgeführt werden müßte. kandglollrn. Von Stadtrabbiner Dr. Behrens, Güttingen. II. Jüdische Akademiker, ie berufliche Gliederung der Juden weist in Deutschland zwei große Gruppen ans: den Handelsstand mit seinen zahlreichen Abwandlungen und den Akademiker. Die Struktur der jüdischen Gesellschaft entspricht durchaus ihrer historischen Bedingtheit. Begabung und Talent weisen den Juden auf die gelehrte Bildung, die bald zu beamteter Stellung, bald zur Ausübung der sogenannten freien Berufe führt. Natürliche und durch lange Gewöhnung vertiefte Anlagen befähigen ihn, im freien Wettbewerb einer großen Kulturnativn bedeutende kaufmännische Tüchtigkeit, Geistesgegenwart und Unternehmermut zu entfalten. Fraglos hat er ans all diesen Gebieten ungewöhnliche Tüchtigkeit und Ausdauer bekundet und vielfach weit über den Durchschnitt hinausragende Leistungen zu verzeichnen. Denn der Kampf um den Platz an der Sonne zwingt ihn, all seine Kräfte anzuspannen. Gleichmaß der Pflichterfüllung und Besonnenheit der Lebensauffassung bewahren ihn vor gemächlichem Ausruhen. Tie Zähigkeit, die man dem jüdischen Stamm nachrühmt oder auch neidet, sind ihm treu geblieben, strenge Selbstzucht und sorgfältige Erziehung haben sie genährt. Die Ausschließlichkeit dieser Beschäftigung birgt aber auch ihre Gefahren in sich; man vermißt die Mannigfaltigkeit der Berufe in einer vergleichsweise kleinen Gemeinschaft. NeuereBestrebungen maßgebender ernster Kreise versuchen eine größere Abwechslung in der Berufswahl herbeizuführen, die die jüdische Bevölkerung nicht mehr an die mittlere und große Stadt knüpft, die aber auch Gesundung und körperliche Ertüchtigung der Juden bezweckt. Die Entwickelung Deutschlands zur Weltmacht, die gewaltige Steigerung seines Handels hat eine Wertung der kaufmännischen Berufe erwirkt, die weit davon entfernt ist, die freie Entfaltung der notwendigen Vorbedingungen, die sichere Bewährung persönlicher Gewandtheit und Geschicklichkeit, den Aufstieg des vom Glück Begünstigten zu unterbinden. Nicht ganz so freundlich gestalten sich die Aussichten des jüdischen Akademikers. Von seiner Stellung in der Gegenwart sollen darum die folgenden Erörterungen handeln. Noch immer ist der Zudrang zu den Hochschulen außerordentlich groß, jüdische Studierende und Studentinnen stellen ein Kontingent, das weit über den normalen Anteil der Bevölkerung an den gelehrten Berufen hinausgehen dürfte. Nicht immer ist dieser Ausblick auf künftige günstige soziale Stellung und Wirksamkeit ohne schwere Opfer persönlicher Art errungen, und oft gesellen sich den karg verlebten Schuljahren Studienzeiten voll Entbehrung und Entsagung. Gewiß eignet dem Studium und dem wissenschaftlichen Streben ein