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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82 mehr als eine beständige Gelegenheit zur Befriedigung erotischer Neigungen. Der Jude will seine Frau nicht bloß in den Flitterwochen glücklich sehen, sondern ihr auch für später die Annehmlichkeiten des Lebens sichern. Deshalb begründet der Jude so fürsorglich die materielle Basis des Familienlebens. Diese krämerhafte Prosa schadet dem jüdischen Familienleben keineswegs; es ist reiner, ungetrübter als das Eheleben anderer Leute. Wenn er heiratet, ist seine Liebe keine vollgereifte Frucht, doch sie verwelkt auch nicht sobald. Seine Heirat ist nicht romantisch, aber auch nicht leichtsinnig, unüberlegt. Nun deshalb hatte Littauer Sonngott gleich verstanden, als dieser vom Gelde gesprochen. Er lächelte gar nicht. Er sagte ihm gar nicht einmal: „Schau, und ihr behauptet von den Juden, daß sie des Geldes wegen heiraten? Ihr jaget doch auch danach." Nicht um die Welt hätte er ihm das unter die Nase gerieben. Er reichte ihm die Hand und sagte: „Es ist in Ordnung, Svnngot. Ich gebe meinem Sohne dreimalhunderttausend Gulden. Hunderttausend am Hochzeitstage, hunderttausend im künftigen Juni, an dem Tage, wo wir an der Kirche das Kreuz befestigen werden, und hunderttausend dann, wenn ich mit dem Bischof endgültig abrechne. „Es ist in Ordnung", sagte jetzt auch Sonngott, „aber, aber, siehst du, Johann, cs ist ein wenig peinlich, darüber zu sprechen, doch sind wir ja schließlich alte Freunde und jetzt schon in näheren Beziehungen, also will ich cs dir ganz offen sagen: Else hat keine Mitgift." „Das macht nichts. Sie können davon leben, was ich ihnen geben werde." „Ja, ja, aber, schau, ich möchte nicht auf meine Tochter angeiviesen sein." „Wenn du willst, >verde ich deine Schulden konvertieren." Sonngott umarmte ihn, küßte ihn und platzte ganz aufrichtig mit den Worten heraus: „Nur unter euch gibt es verwandtschaftliche Anhänglichkeit. Wegen meiner Sippschaft hätte ich sicher zugrunde gehen können." Littauer machte eine abwehrende Handbewegung. Es sei nicht der Rede wert. Sie sprachen auch nicht mehr darüber. Tie Verlobung fand statt und später die Vermählung. Der Bischof selbst vollzog die heilige Zeremonie. Agnes Maria schlvamm in Seligkeit. Jetzt würde ihr schöner Traum in Erfüllung gehen. Nächstes Jahr, so Gott will, wird sie ein Sonngvtt-Enkelchen wiegen können. Tie Verwandtschaft mit den Sonngottschen imponierte den Leuten. Es fanden sich einige, die Littauers mit solchen Augen betrachteten, als ob sie beinahe Christen wären. Mit vier, fünf Söhnen und vier, fünfmal dreimalhunderttausend Gulden hätten sie es vielleicht erreicht, daß man sie für ganz vollivertige, echte Christen angesehen hätte. Leider hatten sie nur einen Sohn und konnten ihre Hunderttausende nicht mit so viel multiplizieren. Littauer scherte sich nicht viel darum. Ihn hatte es niemals verletzt, wenn man ihn Littauer-Jude nannte. Möge er nur der Littauer-Jude sein. Ties tat ihm beinahe wohl. Er hatte keine Theorie von dem jüdischen Rassentum wie sein Sohn, in seinen Gefühlen aber konnte er sich von seinen alten Glaubensgenossen nie ganz losreißen. Besonders seit seiner Erkrankung grübelte er viel. Während seiner schweren Krankheit hatte er sich lvirklich nicht mit stillen Gebeten an die Heiligen gewendet, sondern an den alten Gott, vor dem er nicht zeremoniös niederknien mußte. Man brauchte nur ein einfaches „Rebojne schel Ojlem" zu seufzen und fühlte darauf eine wunderbare Erleichterung. Er wußte wenig von dieser versteckten Glaubenstreue, er forschte nicht nach den Wurzeln dieser Empfindungen, er prüfte nicht, welcher Konfession er seelisch und welcher er nur der Form nach angehöre. Er lebte so wie früher und fühlte so wie früher. Wenn er gesund war, kümmerte er sich nicht um seelische Dinge und wenn er krank lvar, dann warf ihn sein Instinkt in die gewohnte Welt des Jargons zurück. Der Schmerz vermag sich nicht zu emanzipieren. Inmitten seiner Leiden bleibt der Mensch ewig und unverändert seiner angeborenen Art treu. Littauer war indes nicht so weit aufgeklärt, um seinen scheinbaren Gleichmut unterallen Lebensumständen bewahren zu können. In seiner Krankheit bestürmte ihn das Gewissen und er wurde unruhig. Ob es wohl klug von ihm war, sich in seinem vorgerückten Lebensalter taufen zu lassen? Das Christentum konnte ihm ja ohnehin nicht mehr so viel bieten, wie er sich in dem jüdischen Glauben erkämpft hatte. War es der Mühe wert gewesen, seinen alten Glauben abzuschwören? Wenn er litt, dann sagte er sich, daß es nicht der Mühe wert gewesen. Ihm kam in den Sinn, loieviel Teilnahme die Juden einem Kranken ihres Glaubens bezeigen, wie sie sich seinetwegen ängstigen, mit welcher Inbrunst sie für ihn beten, und er sah, daß sich seine neuen Glaubensgenossen gar nicht um ihn kümmerten. Er war nicht einer der Ihrigen, er war der Littauer-Jude, um den es nicht wert ist, sich zu bekümmern. Run, damals sehnte er sich verstohlen in die Welt der Seinigen zurück und fühlte tiefe Bitternis im Herzen, als er erfahren mußte, daß sie von dieser Sehnsucht keine Kenntnis nahmen. Somit hätte sein Sohn recht gehabt, als er ihm voraussagte, daß er zwischen zwei Welten geraten und unverstanden, sich selbst überlassen, zwischen beiden schweben würde. Warum sind denn die Menschen so grausam? Wer hat den Cherub mit dem wehrenden Schilde vor die Schwelle der beiden Welten gestellt? Warum will man sein Vorwärtsschreiten nicht dulden und warum duldet man seine Rückkehr nicht? Das ist nicht Gottes Werk; damit tröstete er sich. Und als er fühlte, daß ihn die neuen Glaubensgenossen hartnäckig als Juden betrachten, da linderte ein stiller Trost seine brennenden Zweifel. Dieser halsstarrige Vorwurf war so viel wert wie derjenige der Juden. Und es ist eben gar nicht bewiesen, daß er zu keiner der Welten gehöre. Erst, wenn er gewußt hätte, daß seine Krankheit den Zorn im Herzen der Juden ausgelöscht hatte, und daß sie sogar für seine Genesung beten wollten, dann hätte er seine Ahnungen vollständig begründet gesunden. Aber er wußte es nicht, konnte es gar nicht wissen, denn als er genas, waren ihm die Juden wieder böse und machten gar kein Hehl daraus. Freilich kümmerte er sich jetzt auch nicht mehr darum. Der gesunde Mensch denkt anders wie der kranke Mensch. Die Ge- ' sundheit macht ihn eingebildet und er kann über Herzens-! Wahrheiten kein richtiges Urteil fällen. Auch seine Sorgen beschäftigten ihn, die alten wie die neuen. Denn es regnete förmlich neue Sorgen auf ihn. . (Fortsetzung folgt.) Litrrarikche Mitteilungen. — 8 n m u e l Lubli n s k i. Nachgelassene Schriften. 1914. München, bei Georg Müller. lieber den verstorbenen deutschen Forscher und Schriftsteller jüdischen Glaubens haben wir bald nach seinem Tode eine Würdigung seines Lebensganges gebracht. Hier soll nur kurz auf eine Sammlung seiner nachgelassenen Schriften hingewiesen werden, die von seiner Schwester zusammengestellt worden sind. Bei der Vielseitigkeit von Lublinskis Interessen handeln diese Aufsätze über die mannigfachsten! Dinge. Es ist nicht möglich, die 24, von 1896 -1911 geschriebenen, Aussätze, die in vier Kapitel: Dichtung und Kultur; Geschichte und! Politik; Drama; Kultur soziale und politische-Fragen geteilt sind, hier! durchzunehmen; ich will auch die Leser nicht mit der Auszählung der Titel ermüden. Nur auf eines soll hingewiesen werden. Lublinski, der nicht nur Jude lvar, sondern der sein Judentum offen bekannte — hat er doch mit einem Buche „Jüdische Eharaktere bei Hebbel.

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