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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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83 Grillparzer und Otto Ludwig" debütiert, das er freilich später aus dem Buchhandel zurückzog —, beschäftigte sich auch in stillen zerstreuten Abhandlungen öfters mit dem Judentum. In manchen Abhandlungen, namentlich des letzten Abschnittes, wird das Judentum wenigstens gestreift; ausführlicher ist davoll in einem Aussatze des zweiten Abschnittes „Der Antisemitismus", einer seiner ältesten Arbeiten, die Rede. Der Verfasser sucht darin den Antisemitismus aus den allgemeinen politischen Strömungen zu erklären, aber zugleich die psychologischen Eigenheiten aufzuführen. Aber auch auf die innere Entwicklung des Judentums von der Bundeslade an wird eingegangen. Auch die jüdischen Journalisten der Gegenwart bekommen ein ernstes Wort zu hören (S. 110); Stöcker und Dühring werden etwas ausführlich behandelt. Gegen Ende des Aufsatzes wird eine kleine Reverenz vor dem Zionismus gemacht, aber der Schluß scheint mir doch sehr wenig geeignet, die Judenfrage wirklich zu lösen. Der Verfasser sagt: ,,Jedenfalls für jeden, der eine endgültige Lösung des jüdischen Problems erstrebt, ob er nun Assimilationsjude, Zionist oder Antisemit ist, scheint es nur einen Ratschlag an die Adresse des modernen Juden zu geben: sich national zu konstituieren, so merkwürdig dieser Rat auch ist, und so wenig wir ihn zu eineul fanatischen Programm machen möchten." Durch eine solche nationale Konstituierung, wenn sie wirklich möglich wäre, loürden vielleicht die Juden aus Europa herausbugsiert, aber der Antisemitismus wäre damit noch lange nicht aus der Welt geschafft. Es würde riur zu Kämpfen des neuen Staates mit einem anderen oder vieler Staaten gegen den einen kommen. Ich glaube, daß in diesem Satze sich mehr die Weltfremdheit des Autors als eine wirkliche Durchdringung des merkwürdigen Problems kundgibt. L. G. & Beitrüge zur Ge s ch i ch t e d er Juden in S t e i e r - mark. Bon Dr. Arthur Rosenberg. (Quellen und Forschungen;ur Geschichte -der Juden in Deutsch-Oesterreich, herausgegeben von der historischen Kommission der israelitischen Kultnsgemeinde in Wien, VI. Band.) Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, k. u. k. vof- und Universitütsbuchhäudler. 1914. Das Buch nennt sich bescheiden „Beiträge", und so will es keine Geschichte der Juden in Steiermark sein, d. h. keine Erzählung ihrer beiden und BerfolgmMn, sondern hauptsächlich eine Darlegung,!. der Rechts- und 2. der Wirtschaftsver häl 1 nisse. Beide Abschnitte lind von allerhöchstem Interesse. Denn bei den Rechtsverhältnissen werden nicht die Bestimmungell der Staatsbehörden, sondern nur die ltneren, d. h. die des Judengerichts dargelegt. In Streitfällen der Anden untereinander nämlich entschied 'das autonome Gericht der Andemnoisier; in Streitfällen zwischen Inden und Christen war in )en meisten Fällen das Judengericht zuständig, dessen Urteiterbank .ms Juden und Christen bestand. Dieses Jndengericht setzte sich znfammen aus einem vom Landessürsten eingesetzten (christlichen) leichter, aus mehreren christlichen und jüdischen Beisitzern, deren Zahl vechselte, und aus eitlem (christlichen) Jndenschreiber. Dieses Gericht ratte in früheren Jahren auch über strafrechtliche, meist jedoch nur lber privatrechtliche Fälle zu entscheiden. Freilich gab es hier nancherlei Einschränkungen: Die Landstände nämlich waren in der lieget von der Rechtsprechung des Judengerichtes befreit. Dieses Geeicht hatte ferner Schuldbriefe vou Christenan Juden und die Ueberragung von Schuldbriefen an Juden durch Christen zu bezeugen. In ganzen gab es in Steiermark sieben solcher Judengerichte. Ten ('arteten stand ein Redner (Fürsprecher) zur Seite. Außer den richterichen Verhältnissen, über die hier nur ein kurzer Auszug gegeben oerden kann, werden die wirtschaftlichen Verhältnisse sehr ausführich dargelegt. Die Hauptbedeutung dieser Untersuchung liegt in dem liachweise, daß die Inden einen wesentlichen Anteil an der Einührnng der Geldwirtschnft hatten. Ihr Handel bestand besonders m Zwischenhandel mit Venedig, ferner in Geld- und Wechsel- 'eschästen. Geschäfte letzterer Art wurden sehr viel mit Geistlichen, iber auch mit Adeligen und Bürgerlichen gemacht. Der Ziirssuß bei Darlehen betrug gewöhnlich 8 bis 10 Prozent. Tie sehr lichtvollen Darlegungen des Verfassers können hier nicht alle im einzelnen beührt werden. Was die von Juden zu zahlenden Stenern anbet risst, o sind die an das Reich, den Lan-desfürsten und an die Gemeinde zu utrichtenden zu unterscheiden. Als Resultat der Untersuchung über )as Verhältnis zwischen Juden und Christen gibt der Verfasser an: Am Zusammenhang mit den Geldgeschäften ergaben sich zahlreiche Beziehungen zwischen Christen und Juden, sehr häufig im amtlichen Verkehr, wiederholt aus Geschäfts- oder Jnteresseufreundschast; die bezüglichen Urkunden erlvecken für den christlichen Teil den Eindruck der Pflichterfüllung in korrekter Reserve. Beziehungen über die Jnteressenberührung hinaus sind urkundlich nicht nachweisbar. Zieht man hinzu, einerseits die Gesinnung gegen die Juden, une sie sich aus der schönen Literatur und aus Chroniken äußert, und vor allem die Ausbrüche des Judenhasses auch nur in dem Maße, in dem sie als verbürgt erscheinen, andererseits die Gesinnung und Wesensart der Juden, so wird die Annahme gerechtfertigt erscheinen, daß Beziehungen zwischen Juden und Chr-isten über den Nahmen des interessierten geschäftlichen und des amtlichen Verkehrs hinaus nicht vorhanden waren. Die Juden wechselten ziemlich schnell mit ihren Ansiedelungen. Als Grund dieses Wechsels führt der Autor die Unstet igkeit und den Drang nach der Stadt an. Judenburg und Graz sind die Hauptstätten. 1496 wurden die Juden ans Steiermark vertrieben. 1867 konnten sie sich wieder ansiedeln; auch in der Zwischenzeit haben einzelne in Kraft besonderer Privilegien sich zeitweise daselbst ausgehalten. Der Darstellung, der wir im obigen uns angeschlossen haben, folgen viele sehr wichtige Urkunden. Unter ihnen ist sehr wichtig die letzte, in der der Kammerpräsident v. Wagensperg 1760 zwar nicht aus humanen, sondern aus handelspolitischen Gründen zur Einführung eines Großhandels die Zulassung einer beschränkten Zahl von Juden empfiehlt. Das ganze Werk macht den Eindruck soliden Wissens und gründlicher Forschung. Es ist eiitfach und klar geschrieben und stellt einen ausgezeichneten Beitrag zur Geschichte der Juden dar. Das Buch reiht sich würdig den bisher erschienenen Bänden der „Quellen und Forschungen zur Geschichte der Inden in Deutf-chOesterreich" an. L. G. & — Lebensweisheit. Aus den Schriften und Briefen Berthold Auerbachs ausgewählt und herausgegeben von Dr. Engen Wölbe. Erste Auflage. 1914. Reflektor-Verlag G. m. b. H., Berlin- Halensee. Eugen Wölbe fährt in seinem schönen Streben fort, Berthold Auerbach wieder „lebig" zu machen. Qb er mit seinen Veröffentlichungen vor dem Ausbruch des Krieges Erfolg hatte denn jetzt greift gewiß kein Mensch nach solchen Büchern - , vermag ich nicht zu sagen. Nachdem er eine ganze Anzahl der größeren Novellen Auerbachs herausgegeben hatte, beschenkt er uns jetzt mit einer Sammlung von Sprüchen. Diese Sammlung ist nicht etwa ein Abdruck, auch nicht ein bloßer Auszug der „Tausend Gedanken eines Kollaborators", obgleich diese Zusammenstellung natürlich hier auch benutzt lvorden ist, sondern eine Auswahl aus den Romanen, Erzählungen und Abhandlungen des verstorbenen Schriftstellers. Das Ganze ist nach folgenden Rubriken geordnet: „Von mir und von dir; vom Charakter; von der Liebe und vom Haß; von der Wahrheit und von der Lüge: von Gott und von der Welt; vom höheren Leben; von der Bildung und von der Erziehung; von der Natur; von der Kunst: vom Staat." Diese Anordnung ist ganz verständig, die Auswahl nicht ungeschickt. Nur freilich muß man bei aller Verehrung Auerbachs doch daran festhalten, daß er kein großer Philosoph war. Gewiß war er ein Selbstdenker, d. h. er entnahm das, was er niederschrieb, nicht fremden Quellen, sondern ergrübelte es sich selbst, aber vieles von dem, was er als das Resultat seines Sinnierens gab, ist nicht oberflächlich und platt, aber im Grunde doch ziemlich gewöhnlich. Aber er war ein freier, tapferer, guter Mensch, und so sind seine Sprüche häufig Zeugnisse dieser Freiheit, Tapferkeit und Güte. Merkwürdigerweise hat der Verfasser, der deut Judentum angehört, und in seinen sonstigen Publikationen das Jüdische gern hervorhebt, keinen selbständigen Abschnitt über Judentum ausgenommen. Ter über Religion handelnde Abschnitt enthält nicht allzuviel Anregendes. Ein Satz, wie der folgende: „Die Theologie verdirbt die Religion. Was braucht's da viel? Liebe Gott und liebe deinen Nächsten. Punktum!" ist doch recht trivial, und auch zwei andere Spruche besagen nicht viel. Ich setze sie hierher und bemerke, daß sich recht viel darüber sagen ließe, daß aber die Ausführungen Auerbachs doch ziemlich halbe sind. Ter eine Spruch lautet: „Ohne feste Neligionssormen hat die Welt keinen sicheren Bestand, und doch ist die alte Form im Vermorschen, und wir wissen keine neue zu bilden. Freiheit und Autorität stehen einander gegenüber, beide in ihrer Art berechtigt. Was sott werden? Es ist bequem zu sagen: das Alte wieder in Geltung

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