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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81 Herr Sonngott zeigte sich nachgiebiger. Er hatte immer nur an die Auffrischung des Sonngottschen Vermögens gedacht und auf das Littauersche Vermögen, nicht aber aus Gastons große Fähigkeiten gerechnet. Demzufolge bestrebte er sich, die Gegensätze auszugleichen, jedoch anfangs wirklich mit geringem Erfolge. Gastons eigentümliche Rassentheorie erschwerte das gegenseitige Verstehen. Auch Sonngotts kannten diese Theorie, doch hatten sie dieselbe nicht übermäßig ernst genommen. Sie sagten einander, daß Gelehrte in der Regel schrullenhaft sind und daß auch diese Theorie eine solche wissenschaftliche fire Idee sei, die keine große Bedeutung habe. Das würde schon vorübergehen. Aber nach Buchsbaums Demonstration mußten sie befürchten, daß diese Theorie keine fixe Idee, sondern Gastons feste Ueberzeugung sei. Und bei dem Gedanken, einen Mann als Eidam zu besitzen, der sich offen als jüdischer Katholik bekannte, fühlte auch der materiell gesinnte Sonngott, wie es ihn eiskalt überlief. Keiner wußte freilich, daß diese Ueberzeugung gründlich erschüttert war. Die Buchsbaumsche Demonstration hatte sie erschüttert. Wäre die Rassenzusammengehörigkeit so unzerreißbar, wie er sie sich gedacht hatte, dann hätten ihn die Juden nicht von sich stoßen können. Die Menge folgt ihren Instinkten. Auch in diesem Falle ging sie ihren Instinkten nach und, wenn sie ihn angriff, tat sie etwas, was in ihr unter dem Zwange der Instinkte reif geworden war. Wenn die Juden empfunden hätten, daß er kraft seines Rassentums auch nach dem Glaubenswechsel zu ihnen gehöre, dann hätten sie ihn nicht verleugnet. Doch der Jude ist durch seine Religion Jude, nicht durch sein R a s s e n t u m. Gaston dämmerte die Erkenntnis dessen, daß ersich geirrt habe, und dieser Irrtum tat ihm weh. Vielleicht schämte er sich auch. Hatten doch jene einfachen, ungebildeten Juden nicht nur den Menschen, sondern auch den Gelehrten in ihm gedemütigt. Was sollte er jetzt mit seiner berühmten Theorie anfangen, über die er Vorlesungen gehalten und ein Buch geschrieben hatte. Das tat ihm am meisten weh, dieses Buch. „Sehen Sie," sprach er 31t Else, „mit meinem Blute habe ich dieses Buch geschrieben. Oder besser gesagt, mit dem Herzblute derjenigen, die für die jüdische Rasse gelitten, sich für; sie aufgeopfert haben. Jede Zeile habe ich mit meinem Blute! empfunden. Ich dachte, daß das Blut nicht lüge." ' „Mit Ihrem Herzen hören Sie auf das, was das Blut! spricht. Der Intellekt versteht nicht die Sprache des Blutes." j Gaston schwieg. Was hätte er auch da antworten sollen?; Von ihrem Standpunkte aus hatte Else recht. Die Liebe kümmert sich nicht um die Rassentheorie. j Gaston nahm das Buch und riß denjenigen Abschnitt j heraus, in welchem er mit der besonderen Existenz der Juden , die Ewigkeit der Rasse zu beweisen suchte. Er war bleich und j man sah, daß er litt. j „In meiner Kindheit", sprach er ruhig, „habe ich oft die! Marthrologie des jüdischen Volkes gelesen. Meine Seele erj bebte, als ich las, wie viele um ihres Glaubens willen ein Märj thrertum erlitten haben. Die Qualen ihres Feuertodes haben! auch mich gefoltert. Ich litt mit ihnen, als ob man auch mich! auf den brennenden Scheiterhaufen geworfen hätte. Aber der! Schmerz, den ich dabei empfand, war nur eine stumpfe Pein! im Vergleich zu jenem gräßlichen Weh, welches mir in der > Seele brannte, als ich las, daß der grausame Haß auch unsere Bücher, unsere heiligen Schriften, die Thora auf den Scheiterhaufen werfen ließ. Ich hörte das wimmernde Knistern des Pergaments, sah, wie die Flammen aus den heiligen Zeilen die Idee versengten, und wie die heilige Rolle sich unter den j gräulichen Flammenküssen vor Ekel krümmte und wand und dann verkohlte. Mir hat dieses Autodafe am meisten weh getan. Und ich war nur ein Kind." Dann schritt er zum Silber- - schrein und entnahm diesem einen achtarmigen Leuchter. Er stellte ihn auf den Tisch und zündete mit traurigem Lächeln die Wachskerzen an. „Wozu soll das, Gaston?" fragte Else, die von dem ganzen nicht viel verstand. „Einst haben wir am Gedenkfeste der Makkabäer die Kerzen in diesem Leuchter angezündet. Ein kostbares Stück, nicht wahr? Wahrscheinlich hat es meine Mutter deswegen nicht mit dem übrigen jüdischen Kram hinausgeworfen. Dre Makkabäer waren meine Ideale. Und wenn die Kerzchen brannten, da glaubte ich, daß ihre Seelen in den freundlichen Lichtern flackern. Ich war ein Kind, nicht wahr? Die Seele der Helden lebt nicht so lange Zeit. Auch die Rasse kann nicht ewig leben. Nicht war?" Und er nahm die herausgerissenen Blätter und hielt sie über die Flammen. Aus dem Nebenzimmer kamen seine Mutter, Frau Sonngott, Sonngott und sein Vater herein. Gaston bohrte seinen traurigen Blick mit so eigentümlichem Ausdruck in die Flammen, daß selbst Frau Sonngott davon betroffen wurde. Sein Vater ging langsam auf ihn zu, legte die Hand auf seine Schulter und fragte mit leiser Stimme: „Was ist das?" Gaston wandte sich nicht um. Er starrte weiter in die Flammen und entgegnete: „Ein Autodafe". Else schlang ihre Arme um Littauers Hals und flüsterte kaum vernehmlich: „Sein Manuskript." Dann brach sie in Schluchzen aus. „Gehen wir", winkte Littaner der Gesellschaft. Sogar Frau Sonngott fühlte die ungeheure Größe von Gastons Opfer. Diese Frau war durchaus nicht sentimental, aber diesmal war sie wirklich ergriffen. Sie begriff, daß das, was Gaston jetzt geopfert, für ihn mehr gewesen als das Opfern seines Glaubens und tausendmal mehr, als wenn andere ihren Namen, ihre Stellung oder ihr Vermögen opfern. Gegenüber dieser rührend großen Offenbarung seiner Liebe vermochte sie nicht länger bei ihrem grimmen Hochmute zu beharren. Auch sie war nicht frei von mütterlicher Eitelkeit, und es tat ihr wohl, daß ihre Tochter in diesem ernsten Manne ein solch starkes Gefühl erweckt hat. „Geh", sagte sie zu ihrem Manne, „sprich mit Littaner! Jetzt habe ich nichts mehr dagegen, mögen sie einander angehören. „Dann sollst du dich aber nicht anders besinnen", sagte der Mann, der vor den wechselnden Launen der Frau offenbar Angst hatte. „Geh nur, geh", wiederholte Frau Sonngott. „Ist er aucf> heute noch nicht das, was rnir erwünscht wäre, so kann er es noch werden, ist er nur erst der Unsrige." Mit einem Worte, sie rechnete darauf, daß Gaston später doch die Universitätsprofessur annehmen werde. Sonngott bat Littaner um eine vertrauliche Unterredung. Die Damen begaben sich in den Salon. Die Männer aber besprachen in Littauers Arbeitszimmer die Angelegenheiten der Kinder. Sie hatten einander bald verstanden. „Also du verstehst mich, nicht wahr, Johann?" fragte Sonngott, nachdem er seine Bedingungen gestellt hatte. Wie hätte er ihn nicht verstehen sollen? Er, der Jude, hätte das nicht verstehen sollen? Ist doch die Spekulationsheirat nach der Meinung der Leute eine jüdische Einführung. Die Juden heiraten des Geldes wegen. Die Juden verleugnen nur in diesem Punkte ihr orientalisches Blut. Wenn vom Heiraten die Rede ist, dann zügeln sie ihr sinnliches Temperament und häuten sich zu nüchternen Rechenmenschen. Beim Juden ist die Heirat ein Geschäft. Ein Geschäft ist es, aber das schönste, das heiligste, das erhabenste. Der Jude zügelt tatsächlich seine sinnliche Natur, wenn ihn der Heiratsgedanke beschäftigt, denn die Ehe ist ihm

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