Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · p. Seite 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229185--71094-3283414
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

79 Kartoffelzu Weizen- oder Roggenmehl nimmt diesem feine Gärungsfähigkeit nicht und steigert sie nicht. Daher wäre auch gegen das Backen von Mazzes aus einer solchen Mischung rituell nichts einzuwendcn. Indes genügt nach der neuen Verordnung des Bundesrats eine solche von Roggen- und Weizenmehl, und die Bereitung der Mazzot wird nur insofern von ihr betroffen, als diese nicht mehr in dem Umfange wie früher hergestellt werden dürfen. Dem dadurch erntretenden Mangel an dem gewohnten Nahrungsmittel des Pessach kann nun die stärkere Verwendung der Kartoffeln in verschiedenartiger Bearbeitung, 'wie namentlich auch des Kartoffelmehls, in rituell zulässiger und erwünschter Weise abhelfen und trotz der uns auserlegten Beschränkung unseren Tisch auch an diesen: Feste angemessen bestellen. Hochachtungsvoll ergebenst Rabbiner Dr. Esche l b a ch e r. O Zu der Frage äußert sich ferner Herr Sally Gnggenheim in Berlin. Ich gestatte mir heute auf den in Nr. 4, 1915 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlichten Artikel über Mazzot- und Mehlersparnis zurückzukonunen. Sowohl der Verfasser des Artikels wie auch die beiden Herren, deren Gutachten Sie anfragten, haben nach meiner Ansicht zwei Punkte vollständig außer acht gelassen. 1. Zunächst ist es allerdings nur Verpflichtung, an den beiden Sederabenden das vorgeschriebene minimale Quantum Mazzot zu genießen. Es genügt eine „Kesais". An den übrigen Tagen des Festes ist der Genuß von Mazzot ein freiwilliger, das Genießen von Brot oder anderen gesäuerten Speisen jedoch ein a b s v l u t e s Verbot, das durch keine Zeitverhältnisse umgestoßen werden kann. Ein Luxus, Mazzot an den übrigen Tagen zu genießen, ist es jedoch ebensowenig, wie es während des ganzen Jahres ein Lnxris ist, Brot zu genießen, denn es kann der minderbemittelten Bevölkerung wohl nicht zugemutet werden, ausschließlich von Fleisch, Eiern und den in dieser Jahreszeit nicht gerade billigen Gemüsen zu leben. Der Mensch bedarf auch etwas Füllung. Dagegen wäre es inir zu begrüßen, wenn von allen Kanzeln darauf aufmerksam gemacht würde, daß es ein Unrecht ist, wenn gutsituierte Herrschaften die leckermündenden Mazzot bereits wochenlang vor Pessach konsumieren und dadurch nationales Eigentum vergeuden. Eine derartige Vergeudung kann aber naturgemäß nur in solchen Haushaltungen stattfinden, welche das überlieferte Judentum abgestreift haben, denn der gesetzestreue Jude hat das Bestreben, seine Mazzot am Sederabend zum erstenmal, mit aller Feierlichkeit und Innigkeit, welche das Judentum bietet, zu genießen. 2. Es ist ein absoluter Irrtum, wenn von irgendwelcher Seite berichtet, wird, daß am Pessach resp. zur Mazzvtbereitung ein erhöhtes Quantum Mehl notwendig sei. Jeder Nationalökonom wird Ihnen ohne weiteres bestätigen, daß durch die strikte Jnnehaltung des Religionsgesetzes, wie sie von den gesetzestreuen Juden geübt wird, nur zwei Drittel des Quantums Mehl verbraucht werden, welches die vom Gesetz abgefallenen Haushaltungen verwenden. Kriegs-Mertsuwachsttkuer. Von iv r it u z £ P p c 11 h <c i m c r. enn wir die wirtschaftliche Bilanz des ersten Kriegshalbjahres in kürzester Formel ziehen sollten, so würden wir sagen: die dentsche Volks Wirtschaft hat sich zum Erstaunen gut gehalten, aber die deutsch-? S t a a t s Wirtschaft ist in bedenklicher Verfassung. Damit soll das folgende gesagt sein: alle Privatwirtschaftlichen Subjekte znsammengenommen haben bisher diesen furchtbaren Weltkrieg ganz leidlich ausgehalten; das durchschnittliche Einkommen ist nicht allzu eurpfindlich gesunken, und das durchschnittlich? Vermögen ist kaum msgegriffen worden. Wohl verstanden, das d it r chschni ttliche! -leim wohl haben einzelne Berussklassen sehr gelitten, haben schwere Einbußen am laufenden Einkommen tragen müssen und sich gezwungen gesehen, vom Vermögen zu leben, soweit sie solches besaßen. Aber deni stehen sehr zahlreiche andere Elemente gegenüber, deren Einkommen größer loar als in normaler Friedenszeit, und solche, die ihr Vermögen vermehrt haben, einige sogar, die es lveit über das Mchr des in Friedenszeiten Gewöhnten hinaus vermehrt haben. Sehr bedenklich ist aber die ungeheure Belastung der Staatswirtschaft mit Schulden verschiedener Art. Deutschland hat den Gigantenklunpf bis heute fast durchaus durch Belastung der Zukunft, nicht der Gegemvart geführt. Vor allem ist die kolossale Kriegsanleihe zu nennen, die ungefähr 4A Milliarden Mark beträgt. Dazu tritt die bedeutende Schuld an die Reichsbank, die nach Friedensschluß ihre Noten ja wieder wird eiulösen müssen, und die das Reich durch Zahlung seiner Wechselschuld- und Einlösung seiner Kassenscheine dazu befähigen muß. Drittens wird nach Wiedereinführung der Pflicht zur Noteneinlösung ein bedeutender Teil des jetzt aus der Zirkulation gepumpten Goldes in bar zurückgenominen werden und muß durch Erlverb aus dein Auslande wieder herangeschasst inerden. Und schlieszlich find doch wohl zahlreiche öffentliche Ausgaben verschoben worden, die nach dem Friedensschlnß gebieterisch ihre Ausführung fordern werden. Dauert der Krieg noch ein weiteres, halbes Jahr., fo wird die gesamte.Schuldenvermehrung allein des Reiches mit 12 Milliarden ivahrscheinlich sehr mäßig geschätzt sein, unddazu kommt die neue Schuldenlast der übrigen öffentlichen Finnnzkörperschasten, wie Einzelstaaten, Kommunen usw. Nun wollen wir ja hoffen, daß diese ungeheuren Schulden ganz aus den Kriegsentschädigungen werden getilgt werden können, die unsere verbündeten Gegner uns zu zahlen haben werden. Wer das ist selbst im Falle eines entscheidenden Sieges über unsere kontinentalen Feinde nicht ganz sicher. Sie haben selbst furchtbar durch den Krieg gelitten, nicht nur in ihrer Staats-, nein auch in ihrer Volkswirtschaft, und wer soll'ihnen die vielen Milliarden leihen? Die einzige finanzielle Großmacht, die nicht tu den Krieg verwickelt ist, die Nordamerikanische Union, kann unmöglich die hundert bis hundertuudfünfzig Milliarden Mark herleihen, die der Krieg allen Kombattanten zusammen inklusive Kriegsentschädigungen in einem Jahre beiläufig kosten dürfte. Nur wenn wir auch England entscheidend besiegen, können wir mit Sicherheit erwarten, sofort und bar zu unseren Kosten zu kommen. Jedenfalls besteht hier ein Moment der Unsicherheit, das unsere Staatslenker zu dem Entschluß bringen sollte, die Kriegsausgaben soweit wie irgend möglich auf die Gegemvart, nicht ans die Zukunft zu legen, d. h. durch Steuern, nicht durch offene und versteckte Anleihen zu decken. Zu dem Zwecke sollte eine kräftige Einkommen- und Vermögensteuer erhoben werden, die mit gehöriger Progression nach oben die stärkeren Schultern belastet. Heute, wo Millionen im Felde stehen und nicht nur ihr Höchstes, ihr Leben, willig dem Vaterlande darbieten, sondern auch ihr Einkommen darangeben und oft genug ihr Vermögen verschwinden, sehen, weil ihr Geschäft oder ihre Praxis in ihrer Abwesenheit verfällt, kann nicht über die Gerechtigkeit der Forderung gestritten werden, daß jeder, der sein Einkommen unvermindert genießt und seinen Beruf ungestört ausüben kann, dem Vaterlande eine außerordentliche, sehr kräftige Versicherungsprämie schuldet, die er als Kriegssteuer abznführen hat. Eine solche Steuer wäre heilte auf der Grundlage der außerordentlichen Wehrsteuer des letzten Jahres leicht auszuschreiben, unter Schonung der Kriegsteilnehmer bis zn einem gewissen Mindesteinkommen und Vermögen, aber unter kräftiger Heranziehung der Nichtkombattanten und Wohlhabenden. Vor allem aber sollte eine äußerst kräftige, stark progressive Wertz u w a ch s st euer erhoben werden. Die allgemeine Abneigung gegen die Niesengewinne der Kriegslieferanten ist unbillig. Wer dem kämpfenden Volke eine neue wirksame Waffe zur Verfügung stellt, wer fehlende wichtige Stoffe durch seine geniale kaufmännische Tätigkeit heranzuschassen oder durch fein Erfindergenie zn ersetzen vermag, hat sich um das Reich wohl verdient gemacht und mag außer den Ehren auch seinen Gewinn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.