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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 erfahren, daß die Klage wegen der religiösen Indolenz unserer Intelligenz keine berechtigte ist. Offiziere und Aerzte, Unteroffiziere und gewöhnliche Soldaten, sie alle beteiligten sich gleichmäßig an allen religiösen Zusammenkünften. Mit besonderer Freude merkte ich, daß anch Nichtjuden gern teilnahmen an diesen Zusammenkünften, manchmal in beträchtlicher Zahl. Diesem Umstände Pflegte ich dann Rechnung zu tragen, indem ich in meiner Predigt oder Ansprache besonders solche Momente hervorkehrte, die auch auf das religiöse Gemüt des Nichtjuöen wirkten. So blieb mir im Gedächtnis der Abend des ersten Ehanukatages. Ich hielt zuerst einen Gottesdienst ab mit den Angehörigen unserer Brigade, fuhr dann etwa zwei Kilometer weiter, wo der Train eines ungarischen Landsturmregiments lagerte, bei dem ich schon früher öfter Gottesdienst hielt. Ich traf die Offiziere eben vor dem Nachtmahl. Im Augenblick wurde das Nachtmahl entfernt. Ter Kommandant (ein Nichtjude) ging zu den Wagen, um die Juden zu versammeln. Nach einigen Minuten war die Bretterbude voll, die Leute kamen von den Lagerfeuern in die Bude. Nachdem ich das Abendgebet beendet, das Licht angezündet, das Ehanukalied gesungen hatte, begann ich in ungarischer Sprache die Bedeutung des festes zu erklären. Als ich dann mit Rücksicht auf die große Anzahl der versammelten Nichtjuden andeutete, daß auch diese bald ein Winterfest feiern würden mit demselben äußeren (Licht) Symbol, und dieses Symbol erklärte als das Zeichen der göttlichen Hilfe, die den Menschen vor den Unbilden der Winterszeit schützt, unb in Beziehung auf den Krieg als Lichtstrahl der Hoffnung des Sieges mit göttlicher Hilfe im nun eingetretenen Winter, da erscholl aus der Menge ein lautes ,.ngy van“ (so ist c*). Diese laute Kundgebung und herzliche Zustimmung von seiten der nichtjüdischen Zuhörer tat mir, dem jüdischen Seelsorger, unaussprechlich wohl, und schon dieses einzige Moment betrachtete ich als genügende Entschädigung für alle Unbill und Strapazen, die ich mitgemacht hatte. Es gab aber auch solche Momente, deren ich mich immer erinnern werde nicht als Zeichen der religiösen Toleranz, sondern des schönen Zusammenwirkens der Vertreter verschiedener Religionen. Es war am Abend des Rosch-haschono. Tie Verhältnisse waren derart, daß ich mit dem halben Stab in ein Dorf gelangte und sowohl von den Truppen wie vom Train ganz abgetrennt war. An Rosch-haschono ganz allein zu sein, keinen Glaubensgenossen um mich — ich hätte mich schon mit weniger als zehn zufrieden gegeben! - es war mir fürchterlich zumute. Meine düstere Stimmung fiel meinen Kollegen auf. Diese waren zwei Pfarrer, zwei Auditoren (Richter) und noch einige Offiziere. Es wurde Abend. Ich zündete in meinem Kämmerlein zwei Kerzen an, betete „Maariw" und begab mich dann zum Nachtmahl, noch immer in düsterer Stimmung. Ta, kaum setzten wir uns zu Tisch, erhob sich der katholische Seelsorger, wies darauf hin, wie gedrückt mein Gemüt sei, heute an meinem großen Feste von meiner Familie und von meinen Glaubensgenossen entfernt zu sein, und wünschte mir ein glückliches Neujahr. Seinem Beispiele folgten alle übrigen. Mein Gemüt heiterte sich auf. Tie Herzlichkeit meiner Genossen, ihre Teilnahme erweckte in mir ein wenig die gewohnte Festesstimmung. Zu Weihnachten hatte ich Gelegenheit zur Revanche. Wieder waren ähnliche Verhältnisse eingetreten. Diesmal lvar den Christen das Gemüt traurig. Nur ein kleines Zweiglein am Tische deutete ihr Fest an. Da erhob ich mich bei Tische, erinnerte an jenen schönen Abend des Roschhaschono, an dein ihre Herzlichkeit mir Festesstimmung eingeflößt hatte, und wünschte, daß meine Worte und Glückwünsche so auf sie wirken möchten, wie es ihre auf mich getan haben. Meine Worte fanden Widerhall. Ich hatte den richtigen Ton getroffen. Ihre feuchten Augen bewiesen es. Und der katholische Seelsorger war der erste, der mir dankte und betonte, wie wohl es ihnen täte, daß gerade ich, der jüdische Seelsorger, bestrebt wäre, von ihnen an ihrem Feiertage die gedrückte Stimmung zu bannen. Ein erhebendes Gefühl bemächtigte sich aller, und ich hatte wieder das Gefühl, für das Judentum etwas geleistet, sein Ansehen, seine Achtung gehoben zu haben. Zu meiner ständigen Beschäftigung gehörte der Besuch der Sanitätsanstalt. Daß ich dort nicht nur die Juden herausgesucht habe, sondern ohne Ausnahme jedem Verwundeten gleichmäßig Beistand leistete, ist doch selbstverständlich. Ebenso nahm ich immer teil an der Einsegnung der Gräber, wenn ich auch bestimmt wußte, daß keiner der Gefallenen Jude war. Ueberhaupt war jedem Seelsorger weniger Gelegenheit geboten, die Formen und Vorschriften seiner Religion zu beobachten, als eben im höheren, allgemein menschlichen Sinne der Religion zu wirken. Er war, so er seine Aufgabe richtig ersaßt hatte, und wenn frei von religiösem Fanatismus —. wie der Prophet Maleachi (2, 7) sagt —, „ein Engel Gottes", der die durch den Krieg eingetretene Menschenverbrüderung und Nächstenliebe mit Worten und Taten zur höchsten Entfaltung bringen konnte, nicht nur ein Seelsorger seiner Gemeinde, seiner Glaubensgenossen, sondern ein Seelsorger der Soldaten, ein Diener seines Königs, seines Landes und ein Diener des von allen angebeteten einzigen Gottes. Mri?emmh> und Ma??ot. 5u diesem durch den Weltkrieg aktuell gewordenen Thema sich zu äußern, ist in einer der letzten Nummern der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" eine Kollektiveinladung ergangen. Ich fühle mich verpflichtet, Gebrauch von ihr zu machen, um die Aufmerksamkeit der Interessierten auf einen Irrtum hinzulenken, der Herrn Rabbiner Dr. Eschelbacher- B erlin in seiner Meinungsäußerung vom 13. Januar dieses Jahres unterlaufen ist. Herr Dr. Eschelbacher schreibt: „Bei der Herstellung der Mazzot wird die behördliche Anordnung der Mischung von Weizen-, Roggen- und Kartoffelmehl in rituell zulässiger Weise befolgt werden können . . Dagegen ist einzuwenden, daß von einer rituell zulässigen Weise nicht die Rede sein kann, wenn der behördlichen Anordnung gemäß auf eine Mischung von Weizen-, Roggen- und Kartoffelmehl reflektiert wird. Kartoffelmehl darf vom religionsgesetzlichen Standpunkt zur Herstellung der Mazzot nicht verwendet werden. Die Tradition hat auf Grund des Bibelworts (Deuteron. 16,3) statuiert, daß nur die in der Mifchna (Pesachim 35a) genannten fünf Gej treidearten für die Bereitung der Mazzot in Betracht kommen,! weil der von ihnen gewonnene Teig in Gärung übergehen kann. Bei Kartoffelmehl ist dies nicht der Fall. Hingegen gibt es keine Vorschrift dafür, daß die Mazzot ausschließlich aus Weizenmehl hergestellt werden müssen. An der oben zitierten Stelle aus Talmud Pesachim 35a figuriert unter den fünf in Betracht kommenden Getreidearten in zweiter Reihe das Gerstenmehl. Nur Meharil (Orach Ehajim 453,1) erwähnt den Brauch, vom vornherein Weizenmehl zu nehmen. Wahrscheinlich, um die Mazzot recht schmackhaft zll machen, ist in normaler Zeit von dem altüberlieferten Brauch nicht abgewichen worden. Prag, den 24. Januar 1915. Dr. Emanuel Schwartz. Dagegen bemerkt Herr Dr. Eschelbacher: Verehrliche Redaktion! Die Bemerkungen des Herrn Dr. Schwarz treffen in keiner Beziehung zu. Die Beimengung eines Quantums

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