Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
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77 der andere von uns, beunruhigt von der nächtlichen Ruhe und Stille. Diese Zeiteinteilung hatte auch Ausnahmen. Erschien mtfer Fesselballon am Horizonte — was bei schönem Wetter nachmittags oft geschah —, dann hieß es, sich schnell verstecken im Hause oder in der Deckung, die wir zur Sicherheit uns aufführen ließen, denn dann Hagelten die Schrapnells und Granaten in unserer Nähe. Stand die eigene Artillerie vor unserer Behausung oder gar hinter ihr, dann hörten wir das Sausen und Pfeifen nahe über unserer Wohnung, und ich Lispelte die Prophetenworte: „Verbirg dich einen Augenblick, bis der Zornesausbruch vorbeigeht." (Jes. 26, 20.) Das nahe gewaltige Artilleriefeuer erinnerte mich oft an das Bild des Propheten Jefaias (17, 13) vom „Brausen der Wogen, vom Rauschen der hochgehenden Meereswellen", denn diesem Getöse unb Dröhnen ähnelt das Geräusch der die Luft dnrchschneidenden Geschosse der schweren Geschütze. Furchtbar ist ihr Schall, noch furchtbarer ihr Erfolg, ihr Zerstörungswerk. Einmal hielt ich ein noch warmes Schrapnellstück in der Hand. Es fiel zwanzig Schritte weit von meiner Behausung in den Hof nieder. Ein Gruseln überfiel mich, als ich es betrachtete. Wäre es nur einige Schritte näher heruntergesallen, welches Unheil hätte es angerichtet! Ununterbrochen hörst du das Knattern der Gewehre, das Krachen der Geschütze, siehst ihre verheerende Wirkung stündlich, die Toten, die fast endlose Reihe der Verwundeten, siehst den Tod überall auf feine Opfer lauern, und doch siehst bit einmal seine ausgestreckte Hand in deiner allernächsten Nähe. Dann packt es dich in der Tiefe der Seele, ein fürchterlicher Gedanke durchzuckt dich, der Gedanke des Nichtseins, die wehmütige Erinnerung an die Teuern daheim, an Weib und Kind, und mit einem stillen Dankworte aus den Lippen erhebt sich das feuchte Auge zum Himmel. Meine armen Kinder, mein teures Weib! so ächzt der Schwerverwundete, der mit dem Tod Ringende, ob 3(ubc oder Christ. Ter Gedanke an die Zurückgelassenen ist der traurigste für den Krieger. Die heiterste Gesellschaft wird sofort traurig, wenn von jemandem das Bild der Familie vorgezaubert, die Erinnerung an Weib und Kind wachgerufen wird. Schnell hinweg mit diesem Bild, Ls entkräftet und entmutigt, es macht weich und stimmt traurig. Nur die finstere Nacht darf diesen Gedanken hören, den stillen Seufzer belauschen, denn nur sie vermag mit ihren: ruhigen Schlaf den Traurigen einzulullen, mit kühnen Traumbildern aus dem Reiche der Zukunft ihn zu erquicken und zu kräftigen. Der Leser hat nach meiner Einleitung eine Schilderung meiner seelsorgerischen Tätigkeit erwartet, itnb nun bin ich ins Sentimentale hineingefallen. Ich glaube, es geht jeden: so. Man kann sich in: Kriege seines „Ich" nicht entledigen und sich nicht befreien von den Gefühlen, die man täglich gehegt. Tausende fallen sehen, Zehntausende verwundet und verkrüppelt, selber in Todesgefahr geschwebt haben und über all das stillschweigend hinweggehen, all das in Vergessenheit vergraben - das bringt kein Mensch mit Gefühl und Gemüt zustande. Diese Eindrücke verwischen, diese Empfindungen abtöten, diese Erinnerungen einsargen kann niemand, am wenigsten ein Rabbiner, der mit den Klageliedern (3, 1) spricht: „Ich war der Mann, der das Unheil gesehen", der berufen ist, auf das Gemüt, auf das Herz zu wirken, auch im Kriege. Tiefe Eindrücke gesellen sich zu den anderen angenehmeren, wie z. B. derjenige ist, daß sich im Laufe der Zeit zwischen den: Seelsorger ::nd seinen Glaubensgenosse!: dasselbe Verhältnis entwickelt wie im Frieden. Er lvird Rabbiner einer Soldatengemeinde. Diese Gemeinde sammelt er um sich, so oft sich ihm die Gelegenheit darbietet, zu einem Gottesdienste, zu einen: kurzen Gebet; er sucht die einzelnen auf, flößt ihnen Hoffnung ein, beruhigt und ermutigt sie, kümmert sich um das Wohl und Weh jedes einzelnen, sucht den Verwundeten auf und hilft ihn: feine Leiden ertragen, erfüllt endlich die schwere Pflicht, dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Ich habe die Befriedigung, in diesem Sinne gewirkt zu haben. Fünf Monate hindurch war ich bei derselben Truppe, ich kannte jeden Glaubensgenossen und traf mit jeden! unzählige Male zusammen, so lange er bei der Truppe lveilte. Infolge meiner täglichen Besuche der Sanitätsanstalt entging mir kein Verwundeter, so daß ich in der Lage war, jeden zu trösten, jedem mit Rat und Tat beizustehen. Es ist wahr, unsere Truppe zählte nicht viel Inden, insgesamt etwas über fünfzig, auch die Trainmannschaft hinzugerechnet. Die Gemeinde!var also nicht groß und dadurch der persönliche Verkehr zu ihr erleichtert. Diese kleine Gerneiude vergrößerte sich manehlnal sehr. Es kam öfter vor, das; andere, nicht zu unserer Brigade gehörige Truppen in meiner Nähe lveitten. Ich fand bald den Weg zu ihnen, und es freut? mich, zu sehen, daß sie mich ungerufeu und ohne „Berel sorger aufnahrnen. Dabei kau: mir zugute, daß ich außer der kroatischen, amtlichen Sprache bei der Brigade auch die ungarische beherrsche, doch war mit Rücksicht auf die Vielsprachigkeit der Gemeinde die deutsche Predigt die zweckmäßigste. Trotzdem ist niemals ein Sprachenkonflikt entstanden. Während der Operationen und solche gab es fast WA Monate hindurch konnten keine mit Kommandobefchl augeordnete Gottesdienste stattfiudeu. Ich sammelte die jeweilig Dienstfreien, dann die von: Train, und wenn ich mir gar oft als „Schulklopfer" vorkam, war meine Mühe keine vergebliche. Es verging kein Feiertag, kein Sonnabend, daß ich nicht ein „Minjan" hatte. Einmal waren es diese, ein andermal die anderen. Mit besonderer Freude erfüllte mich die Wahrnehmung, daß sich kein Jude je diesen gottesdienstliche:: Zusaunnenkünften entzogen hat. Trieb ihn dazu nicht das religiöse Bedürfnis, so war es der Wunsch, sein Judentum nicht verleugnen zu wollen.') Ich habe I Wie ich uns der soeben mir zugestellten Nr. 3 der „A. Z." ersehe, haben auch ineine Kollegen im deutschen Heere dieselbe Erfahrung gemacht. Prof. Dr. Gabriel Schwarz cu'vu al