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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75 Herr FeldPrediger D r. A. Levh fährt fort, seine Feststellungen 'ber russischen Unmenschlichkeiten zu verbreiten. Sein zweiter Bericht an den „American Hebrew", der uns von dem Verfasser auch direkt zugegangen ist, wurde in den verschiedensten Blättern abgedruckt. Er lautet folgendermaßen: Zweiter osfener Brief an „Tlie American H e 1) r e w“. Ich sende Ihnen heute nach meinem ersten einen zweiten offenen Brief ein nnd will Ihnen abermals Zeugnisse über die Greueltaten vorlegen, die hierzulande geschehen und die so himmelschreiend sind, daß man sie nicht glauben machte, wenn man sie nicht aus dein Munde derer hören würde, die sie miterlebt und mitangesehen haben. Ich sprach in diesen Tagen einen alten Mann; er war zu mir gekommen, sich mit mir auszusprechen und bei mir Rat und Trost zu holen; ich konnte ihn nicht trösten, sein Unglück ist zu groß, aber ich hoffe, ihm helfen zu können. Seine Geschichte ist folgende: Mendel Janowski war Gutsbesitzer in Russisch-Polen, wo er im Dorfe Chozew, bei Widawa, fein Besitztum hatte. Im Anfang des Krieges kamen die Deutschen ins Dorf, und acht Offiziere bezogen auf seinem Gut Quartier; als acht Tage später die Russen Zurückkamen, denunzierten die Bauern den Juden bei den Kosaken, die ihn als „Spion" einsperrten, bis er nach vierzehn Tagen von den wieder einrückenden Deutschen freigelassen wurde. In sein Dorf zurückgekehrt, drohten ihm die Bauern, wenn die Kosaken wiederkämen, würde er aufgehängt und sein Gut an die Bauern aufgeteilt werden. Janowski hatte unter diesen Umständen nicht den Mut, im Dorfe zu bleiben, und zog fort von dort, seinen 27jährigen Sohn in dem Dorf zurücklassend. Als am 24. November die Russen wiederkamen, nahmen die Kosaken diesen Sohn gefangen und erschossen ihn, nachdem die Bauern ihn als deutschen Spion denunziert hatten. Das Haus wurde ausgeraubt und ausgeplündert, dann in Brand gesteckt.» Nicht einmal die Leiche des Erschossenen gaben die Russen heraus, sondern ließen es zu, daß sie von den Bauern aufgespießt und ins Feuer des brennenden Hauses geworfen wurde. Der Tote hinterläßt eine Frau und vier kleine Kinder, denen nichts geblieben ist als die Kleider, die sie auf dem Leibe tragen. In Slupci erschienen eines Tages die Russen auf dein Gute des Besitzers Hoffmann und nahmen dort alles fort, was sie vorfanden, Pferde, Wagen, Getreide, Hab und Gut. Als sie mit dem Plündern fertig waren, fragten sie dxn Besitzer, was sie sonst noch haben könnten. Dieser, für sein Leben fürchtend, bot ihnen Speise und Trank an und führte sie in sein Haus. Tort gewahrten sie sein Weib, eine schöne Frau, und machten sich daran, sie „für die Offiziere" mitzuschleppen.. Hoffmann stellte sich ihnen wehrend in den Weg, und kalten Blutes schlugen sie ihn nieder und warfen seine Leiche in ein Loch am Rande des Weges, von wo sie daun später mit Erlaubnis der inzwischen eingerückten Deutschen nach dein Friedhof in Wloclawek überführt worden ist. In Subota wurden eines Tages der Rabbiner und fünf Gemeindemitglieder verhaftet. Man wußte nicht, was mit ihnen geschah und wohin sie gebracht wurden; sechs Wochen später fand man im Subotaer Walde alle sechs ausgehängt, zum Teil schon verwest und angefressen. In Brzeziny wurde in einer Tezembernacht eine russische Abteilung von deutscher Kavallerie überfallen und gefangen genommen. Am anderen Nachmittag kam von Lodz aus Verstärkung nach B. Ihre erste Tat war die, daß sie 26 Juden gefangen nahmen und 13 von ihnen, darunter sehr angesehene Männer, als die verräterischen Urheber des deutschen Ueberfalls, umbrachten. Bei zweien wurde nur gestattet, daß sie auf dem jüdischen Friedhof beerdigt wurden. In Plawna wurden zwei Juden ohne Grund aufgehängt und alle jüdischen Geschäfte geplündert. Bei einer Frau, Golde Schersack, wurden die Betten aus dem Hause geschleppt und auf der Straße verbrannt. In Klomnitz wurde der Schneider Chaim Kalischer aufgehängt, weil die Deutschen bei ihm gewohnt hatten. Der Jude Meier Ehatke aus Klomnitz wurde in Noworadomsk aufgeknüpft. In Wloszczowe wurde die ganze Stadt pogromiert und acht Juden erschossen, weil sie Proviant für die österreichische Armee geliefert hatten. In Janow wurden an einem Tage vier Juden, Abr. Grünbaum, I. und M. Tennenbaum und Rüben Tschennotz ausgehängt, ihre Frauen geschändet. In Sieradz wurden alle jüdischen Häuser geplündert, der Schächter Samuel festgenommen und grausam mißhandelt, so daß er bis heute krank daniederliegt, eine Frau einige Tage nach ihrer Niederkunft vergewaltigt. In Sloti Pateck wurde das Haus der Familie Blumke von allen Seiten angezündet. Eine Frau und ihr neunjähriges Kind verbrannten. In Koniecpol wurden sämtliche Häuser vollständig ausgeplündert, neun Juden festgenommen und mit der Nagajka mißhandelt. Einem kleinen Jungen, Leibel Kutscher, wurde aus dem Wege zum Cheder die Hand abgeschnitten. Eine Frau wurde geschändet. Nach Wielun brachten die Russen drei Juden, die sie bei Sieradz gefangen genommen hatten. Zehn Tage saßen sie im Gefängnis, und die Juden durften ihnen kein Essen bringen. Am elften Tage wurden sie ausgehängt. Die Stadt wurde Pogromiert und zwei Frauen, davon eine unmittelbar nach ihrer Niederkunst, geschändet. In Noworadomsk gingen Mannschaften und Offiziere jede Nacht von Haus zu Haus und vergewaltigten Frauen und Mädchen. In das Haus eines sehr angesehenen reichen Mannes kamen zwei Offiziere und verlangten, mit dem Tode drohend, daß er ihnen seine Tochter ausliefere. Mit großer Mühe gelang es ihm, sein Kind mit 2000 Rubel loszukaufen und die Schande von seinem Hause sernzuhalten. In Dczurek haben die Russen Juden mißhandelt und Frauen geschändet und alles ausgeplündert: was sie nicht wegschleppen konnten, wurde verbrannt. In das Haus des frommen und hochangesehenen Juden Ehrlich drangen zwei Offiziere und forderten, daß dessen Tochter sich ihnen preisgebe. Da der Vater dies ihnen verweigerte, zog der eine Offizier seinen Säbel, legte dessen Schneide Ehrlich drohend an die Kehle, während der andere sich daran machte, die schlafende Tochter aus dem Bette zu zerren. Als der Vater seinem Kinde helfend beispringen wollte, schnitt ihm der eine Offizier mit feinem Schwert die Kehle durch. Angesichts der Leiche wurde das Mädchen mißbraucht und liegt heute noch schwer krank danieder. Ein Bräutigam Israel aus Konin fuhr per Rad nach Slupci, um dort seine Braut zu besuchen. Zufällig stammte das Rad aus einer deutschen Fabrik und trug eine deutsche Marke. Für die Russen, die ihm begegneten, Grund genug, ihn zu verdächtigen. Sie reißen ihn vom Rad herunter, stecken ihn in einen Sack und haben ihn lebendig begraben. Hatten sogar kaltes Blut genug, zu! diesem teuflischen Geschäft jüdische Soldaten heranzuziehen und so : Brüder zum Henker des eigenen Bruders zu machen. j Wenn ich Ihnen die angeführten Begebenheiten erzählt habe, i so ist es nicht meine Absicht, aus die Nerven Ihrer Leser zu wirken, i Die Zeiten sind zu ernst und die Tinge zu ungeheuerlich, als daß sie zu journalistischen Effekten ausgenützt werden dürften. Ich ■ habe die Tatsachen ihre erschütternde Sprache reden lassen, damit i die flammende Entrüstung, die jeden empfindenden Menschen erfüllen muß und die mich in diesem unglücklichen Lande seit Monaten in Aufregung hält, sich auch Ihren Kreisen und all denen in Ihrem Lande mitteile, denen Kultur, Gerechtigkeit und Menschlichkeit heilige Begriffe sind. Ich habe Fakten an Fakten gereiht, die sich zu einer schreienden Anklage verdichten müssen gegen eine brutale Barbarei, die Entsetzlichkeiten verübt, von denen man sich nicht vorstellen kann, wie Menschenhirne sie ausdenken und Menschenhände sie vollsühren können, Tinge, ob deren -- um ein biblisches Wort zu gebrauchen -- jedem, der sie hört, die Ohren gellen müssen. Feldrabbiner Tr. A r t h u r L e v y. In dieser unmenschlich-barbarischen Weise verfährt ein; Land, das es wagt, uns Barbaren zu schelten, und findet in den freiesten Ländern Europas, in England und Frankreich, Helfershelfer seines Treibens. Gibt es noch Gerechtigkeit in : der Welt — und wir wollen nicht aushören, an das Walten! eines gerechten Geschicks zu glauben , so müssen diese Frevler I ihre gebührende Strafe finden. Wir erstreben keine Welt-! Herrschaft und keine Unterdrückung anderer Nationen, aber

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