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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 erloschene nur an dem mütterlichen Herd wieder anzündeten. Allein, was liegt an diesem leeren Symbol? Man weiß, daß alle Pflanzstaaten des Altertums, kaum, daß sie in der neuen -Heimat Wurzel gefaßt, dem Mutterlande sich vollständig entfremdeten. Wie ganz anders das Judentum mit seiner allen Stürmen der Zeit Trotz bietenden Ausdauer. Es war auch dieses ein Kampf um eine Ueberzeugung, zu dem nicht minder Mut gehörte, als ihn im Altertum die Ahnen in den großen Römerkriegen bewährt hatten. Man spricht gewöhnlich von dem „ätzenden und z erse tz e n d e n Scharfsinn der Juden", der darauf gerichtet ist, in den bestehenden Dingen nur die Mängel und Fehler aufzusuchen. So sehr wir auch cum grano salis dies zugeben, so wäre es doch von der anderen Seite ein kulturhistorischer Fehler, wenn wir diese Erscheinung als eine angeborene Stammeseigenschaft oder gar aus unserer Religion erklären wollten. Wer einigermaßen mit der jüdischen Geschichte vertraut ist, der weiß, warum die Juden so wurden, wie sie find. Dem Sohn dieses Stammes mußte jahrhundertelang sein Kopf eben alles sein, seine Krone in den Tagen des Glückes, seine Waffe in den Perioden schwerer Kämpfe. Das Schicksal hatte einst dem Judentum alles genommen, und nur durch seine rastlos arbeitenden, denkenden Köpfe konnte er imstande sein, durch ein Leben unsäglicher Mühsal sich fort- und durchzuringen. In der Tat, es gehört viel Kopf dazu, um einer Welt voll feindlicher Vorurteile gegen sich doch ein teilweise günstiges Urteil abzuringen, in einer Welt voller Schranken und Hemmnisse dennoch hier und da Auswege und Durchwege zu finden. Dazu gehört Takt, dazu gehört Umsicht und Vorsicht, dazu gehört mit einem Wort Kopf, selbständiges Denken. Wer Jahrhunderte rechnen mußte mit Fürstengunst und Pöbelgunst, weil von ihrer Laune und Willkür die Sicherheit seines Vermögens, seines Lebens, die Ehre seiner Familie, die Ehre seiner Heiligtümer abhing, bei dem mußte sich natürlich am Ende der kritische Rechengeist einwurzeln. Was aber die Geschichte aus uns gemacht, das kam eben von außen, nicht aber aus dem innersten Geist des Judentums. Die Volksseele spricht eine ganz andere Sprache. Wo findet sich ein höherer Autoritätenglauben als bei den Juden? Welche Konfession ist denn hartnäckiger in der Konservierung des Hergebrachten, der Gewohnheit, des Gebrauches, der Sitte als die Juden? Wo wäre die jüdische Religion, wo der jüdische Kultus, wenn nur die kritisch zersetzende Verstandeskraft allein den Grundcharakter des Judentnms ausmachtc? Es muß also im Charakter des Inden noch eine andere Tiefe vorhanden sein, die gerade das Gegenteil enthält. Jedoch darüber ein andermal. Die Woche. B e r l i n , den 9. Februar 1915. an hat allgemein den Eindruck, am Vorabend großer Ereignisse zu stehen. Man erwartet im Osten eine baldige Entscheidung, und diese Erwartung wird durch die Abreise des Kaisers nach dem östlichen Kriegsschauplatz bekräftigt. Mit Begierde schaut man nach dem Westen. Deutsche Unterseeboote haben vier oder fünf englische Handelsschiffe in den Grund gebohrt und weitere Maßregeln angedroht. Da England auf diese Drohung damit geantwortet hat, es werde feine Handelsschiffe und feine zum Transport von Truppen bestimmte Motte unter neutraler Flagge segeln lassen, so hat die deutsche Mottenleitung eine Blockade der englischen Häsen für den 18. Februar angekündigt. Wir sehen mit Spannung den Ereignissen entgegen und können, so schmerzlich wir auch den Untergang von Waren und den Verlust an Menschenleben empfinden, unserer tapferen Marine nur innigst große Erfolge gegen grausame Feinde wünschen. Der Plan Englands, Deutschland a u s z u h u n g e r n, ist glücklicherweise nicht von Erfolg gekrönt worden und wird, wie wir zuversichtlich erwarten, nicht in Erfüllung ßehen. Die deutsche Regierung hat alle Maßregeln ergriffen, die notwendig sind, um die vorhandenen Getreidevorräte aufzuspeichern und planmäßig zu verteilen. Jeder einzelne hat die Pflicht, die Vorschriften genau zu beobachten, sich jeder vernünftigen Sparsamkeit mit Freude zu unterziehen. Was wollen die kleinen Entbehrungen, die wir uns auserlegen, besagen gegen die Leiden der Helden, die für uns kämpfen und sterben. Aber in aller Herzen lebt nur der eine Wunsch, zu siegen und durch einen glorreichen Frieden dem teuren Vaterlande eine glänzende, gesicherte Zukunft zu verschaffen. Neues ist sonst nicht viel zu melden. Verschiedene Blätter berichten, daß Jerusalem befestigt wird, in folgender Weise: Russischen Zeitungen zufolge ist \n Odessa bestimmte Kunde Don einer starken militärischen Tätigkeit der Truppen bei Jerusalem eingelaufen. Es wimmle dort von Soldaten'. Auch die Zivilbevölkerung helfe bei den -umfangreichen Schanzarbeiten mit, die nach den Weisungen von jüngst in Jerusalem eingetroffenen deutschen Pivnieroffizieren auf den Hügeln ringsum die Stadt ausgesührt werden. In R ubla n d werden weiter unerhörte Grausamkeiten gegen die Juden verübt. So berichtet die „Münchener Post": Aus Petersburg wird uns geschrieben: Immer und immer wieder liest man, daß der russische Zar ein Manifest „an seine lieben Juden" im Anfang des Krieges erlassen habe. Das ist aber nur ein Märchen, das allerdings von einer reichen Phantasie des Erfinders zeugt. Schon wem die russische Sprache einigermaßen geläufig ist, wird den ganzen Unsinn der Zusammenstellung der Wörter „an meine lieben Juden" begreifen. Wie die „lieben Juden" aber heute vorn Blutväterchen behandelt werden, zeigt folgender Vorfall aus der Stadtverordnetenversanunlung der Stadt Smolensk: Die deutschen Truppen haben jetzt einen großen Teil des russischen Ausiedelungsrayons besetzt. Die jüdischen Flüchtlinge werden aber ans den: nichtbesetzten Rayon jetzt nicht einmal mehr ins Innere des Landes hereingelassen. Verwundete, die „für den Zaren und das Vaterland" gekämpft Haben, dürfen sich nicht über die Grenze wagen. Irr einer Sitzung der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Smolensk, die außerhalb des Ausiedelungsrayons liegt, kam dieser merkwürdige Zustand zur Sprache. Der Stadtverordnete Michailosi schilderte, wie ein jüdischer Soldat, der seinerzeit ein Gymnasium in Smolensk absolviert hatte, jetzt nach Smolensk nicht hinein durfte, wo er Verwandte habe und gute Pflege haben könnte. Mit größter Mühe sei es ihm gelungen, eine Erlaubnis, aber nur für drei Monate, zu erwirken, obwohl er ehrlich seine Pflichten erfüllte und, an Arm und Bein verwundet, sich unheilbares Siechtum zuzog. Die Ansichten des Redners wurden von anderen Anwesenden be kräftigt, und so beschloß die Versammlung, ein Gesuch, wegen Auf Hebung der Beschränkungen der Bewegungsfreiheit für d-ie Juden an die Negierung zu richten. Auch von einem Zarenmanifest „an seine lieben Polen" ist vie: gefabelt worden. Aber nur der Großfürst Nikolai Nikolajewitscl erließ einen nichtssagenden „Aufruf" an die Polen. In diesem werden keine bestimmten Verheißungen gemacht, sondern die Poler aufgefordert, zu der Fahne des Zaren treu zu halten, damit die drei Teile des alten Polen unter dem Zepter des Zaren vereinigt werden, unter dessen starker Hand die Polen „die Freiheit der Sprache und der Religion nebst Selbstverwaltung" erlangen werden. Wer wird in diesem Aufruf eines Oberkommandierenden cim Verpflichtung für die Zukunft erblicken können? Am wenigsten du russische Regierung. *

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