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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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79. Jahrgang Nr. 7 Berlin, 12. Februar 1915 eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wSchentUch. Abonnements-Peers; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 32<k. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. * Anhalt* "küervolle Gott". Von Tr. B. Seligkvwitz, Köthen.— IJMipUll* Die Woche. — Ein österreichischer Feldprcdiger.— Weizenmehl und Mazzot. — Kriegswertzuwachssteuer. Von Franz Oppenheimer. — Feuilleton: Den „Kultur"sörderern. Von Arthur Silberssleit. — Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencsöni. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau, Hamburg, Nürnberg, Güttingen, Metz, Wien. — Von Nah und Fern. Ser „eifervolle Gott." Von Dr. B. e l i g k o )v i h , Kothen, ie Ausdrücke „eifervoller Gott", sowie „Entbrennen des Zorns Gottes" haben von jeher dem biblischen Schrifttum herbe Polemik zugezogen, deren aber das Judentum sich durchaus nicht schämt, weil sie eben aus seinem innersten Wesen in konsequenter Weise sich ergeben. Gott als die höchste Gerechtigkeit konnte nicht gedacht werden als ein schwachherziger, weinerlicher Richter, der ohne die kräftige Energie des Rechts in menschenartiger Schwäche und Weichlichkeit oftmals ein Auge zudrückt gegen das verübte Böse. Auch lassen sich die Erfahrungen der Geschichte nicht Lügen strafen; jedes Böse muß seine Vergeltung haben, ebenso wie jedes verletzte und beleidigte Recht seine Sühne erhalten muß. Sehen wir es doch, daß selbst die Natur nicht die geringste Sünde gegen ihre ewigen Regeln und Gesetze ungeahndet hingehen läßt. In der biblischen Lehre wird daher jede vom Gesetz verhängte Strafe des Verbrechens als eine dem beleidigten Recht schuldig gewordene und darum unerläßliche Sühne aufgefaßt. Wir finden es hier am Platz, auf ein höchst bedeutsames, religionsgeschichtliches Moment hinzuweisen. Eben diese Theorie von dem „energischen Recht" bildet merkwürdigerweise einen der bedeutendsten Differenzpunkte zwischen dem Judentum und dem ältesten Christentum. Dieses ging von dem Streben aus, das mosaische Sittengesetz an ethischer Höhe zu überragen. Die junge Tochter glaubte eben, die alte Mutter ganz in den Schatten stellen zu sollen durch ein viel glänzenderes Kleid von Idealismus, in das sie sich hüllte; und dieser Idealismus ging nun so weit, daß er nur aus d e m P a p i e r B e st a n d h a b e n , n i ch t a b e r i m P r a k - tischen Leben seine Verwirklichung finden konnte, während das biblische Sittengesetz gerade auf die Praktische Durchführbarkeit sein Augenmerk gerichtet hatte. Von jenem Streben geleitet, hatte die neuaustretende Lehre auch an Stelle jenes unerbittlich energischen Rechtsgedankens des biblischen Gesetzes, darin nicht die ideale Tugendhöhe erblickend, im Gegenteil ein d u l d s a m e s S i ch f ü g e n und Ergeben in jede Willkür, ein Passives, ja märtyrerhaftes Uebersichergehenlassen jeder Unbill und jeder Rechtskränkung als höchstes Tugendprinzip erklärt, und die Evangelien haben gegen den energischen Rechtsgedanken der biblischen Lehre die Geschosse ihrer Polemik gerichtet. Auch Harnack in seinem „Wesen des Christentums" bezeichnet es als einen ungeheuren Fortschritt in der Geschichte der Religion, daß im Christentum die Gerechtigkeit sich der Barmherzigkeit unterwerfen muß (S. 49). In der Tat, diese beiden divergierenden Prinzipien - „dulde kein Unrecht" llnd „ertrage jedes Unrecht" - gehen in ihren Konsequenzen sehr weit auseinander. Das Judentum erkennt in jener Moral, die die eigene Person jeder Willkür und jeder Rechtskränkung preisgibt, etwas Krankhaftes, wodurch zuletzt das ganze Rechtsgefühl, das klare, lebendige Bewußtsein des Rechts völlig getrübt und unterwühlt wird. Wenn man sich darein ergibt, Unrecht willig zu ertragen, so muß das lebendige Gefühl für das Empörende, das im Unrecht liegt, sich allmählich verlieren; und woher die sittliche Kraft, das Recht anderer zu schützen und zu verteidigen, wenn man es als Gebot der Sittlichkeit erkennt, sich selber das Recht mit Füßen treten zu lassen? „Zorn und Eifer Gottes" ist sein sittlich-heiliger Unwille gegen das Böse, sein tiefer Abscheu gegen frevelhafte Schändung, Entweihung und Verletzung seines heiligen Sittengesetzes; und es ist sein Wille, daß auch der Mensch von dem Rechtsgedanken und dem Sittlichkeitsprinzip so mächtig durchdrungen sei, daß auch sein Eifer mächtig entbrenne, wenn Recht und Sitte öffentlich verhöhnt und geschändet werden. Und warum sollten wir nicht der großen Kriege gedenken, die dieser Stamm für seine heiligen Güter mit solch seltener Zähigkeit, tausendmal zusammengebrochen, immer von neuem sich aufraffend, gegen Antiochus, Vespasian, Titus, Trajan, Hadrian bestanden, so -daß das weltbezwingende Rom, wie seine eigenen Geschichtschreiber bekennen, seine berühmtesten Feldherren und seine stärksten Legionen gegen dieses so kleine Volk ins Treffen zu führen sich genötigt sah - sollten diese merkwürdigen Kriege nicht ebenfalls lautes Zeugnis dafür ablegen, daß dieser Stamm, wie selten einer, das Wesen in sich hatte, mutvoll für eine Idee einzustehen und für sie zu kämpfen? Und selbst die so tief verdüsterte, grau in grau gemalte Geschichte des Mittelalters, sie ist nicht ganz ohne Zeugenschaft und sogar nicht ohne glänzende Bestätigung für diese im Judentum tief wurzelnde Lehre. Denn wie vieles auch unter den mittelalterlichen Verhältnissen dem jüdischen Stamm von der Ursprünglichkeit seines Charakters abgestreift ward — e i n ch a r a k t e r i st i s ch e s Moment i st ihm auch da geblieben: jenes sonst in der ganzen Geschichte beispiellose, unerschütterlich treue Festhalten an einer Idee. Ja, wir sagen: beispiellos in der ganzen Völkergeschichte. Denn wohl wird auch den griechischen Kolonien nacherzählt, daß sie bei ihren Auswanderungen das dem Prhtaneum des Mutterlandes entlehnte Feuer ängstlich auf der Reise bewahrten, bis es der eigene Herd empfangen, und daß sie das zufällig

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