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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-05 · Heft 6 (5.2.1915) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 6 (5.2.1915)
Date
1915-02-05
Page
Seite 72 (sequence 12)
Language
German
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72 „Komm' nur, komm'," rief er sie mit schwacher, zitternder Stimme näher zu sich. Agnes Maria schlug beide Hände zusammen und rief voll Dankbarkeit: „■C, du heilige Jungfrau Maria! O, du meine heilige Jungfrau Maria!" „Ja, ja," sprach kopfnickend der Kranke, „von ihr ist die Rede. Schau', diesen Brief schickt mir der Maler. Er schreibt, daß er die Jungfrau Maria in deiner Kapelle gerichtlich konfiszieren und öffentlich versteigern lassen wird, wenn du ihm die rückständigen zweitausend Gulden nicht bezahlst." Agnes Maria war einer Ohnmacht nahe. Sie hatte Littauer gesagt, daß sie den Preis des Bildes bezahlt habe. Indes hatte sie von dem dazu erhaltenen Gelde zweitausend Gulden zurückbehalten, um die Lilien von Letöce damit zu bekleiden, besonders die Hauptlilie, die ' Vizepräsident^ des Frauenvereins, um dieselbe anläßlich der Präsidentinnenwahl für ihre Partei zu gewinnen. „Siehst du, das ist deine Wirtschaft," sprach ihr Mann mit stillem Vorwurf zu ihr. „Sei froh, daß du gesund geworden bist," polterte Agnes Maria, die keine Zurechtweisungen duldete. Littauer sah ein, daß die Frau recht habe. Er mußte jetzt froh sein, daß er gesund geworden war. Er machte auch den Versuch, sich dessen zu freuen, dreh es wollte ihm nicht gelingen. Tenn nicht nur diesen einen Brief hatte er bekommen. Es waren mehrere eingelaufen, und alle brachten ihm unangenehme Nachrichten. Am meisten verdroß ihn die Zuschrift aus der bischöflichen Kanzlei. Ter Brief enthielt lauter Vorwürfe wegen des langsamen Vrrwärtsschreitens der Ballarbeiten. Wenn er seine vertragsmäßigen Verpflichtungen gar so leicht nehme, dann möge er nicht auf das Vertrauen Seiner Eminenz, des Herrn Bischofs, zählen. Der Bischof bindet sich an den Termin und, wiewohl er ihn mit väterlicher Teilnahme wegen seiner Krankheit bedauert, kann er weitere Verzögerungen nicht gutheißeu. Seine Eminenz meint, es wäre am besten, wenn er sich einen Keschäftsteilhaber nehmen würde, irgendeinen erprobten Fachmann, der ihn überall vertreten könnte. Als Zeichen seines väterlichen Wohlwollens empfiehlt ihm der Bischof Herrn Ludwig Kollar. Kollar ist ein hervorragender Architekt, ein vertrauenswürdiger Charakter, ein vermögender Mann und des Bischefs Patensohn . . . Das war ein Befehl, kein Vorschlag. Nicht zum erstenmal null inan ihm jetzt Ludwig Kollar aufhalsen. Noch bevor man ihm das Unternehmen überließ, wollte man ihn in der bischöflichen Kanzlei dazu überreden, sich mit Kollar zu verbinden, den der Herr Bischof sehr begünstigte. Aber Littauer wollte nichts davon wissen. Er kannte Kollar als ganz anderen Menschen. als wofür er in der Aula galt. Und dann wollte er mit niemandem den Nutzen teilen. Er brauchte die ganze Million sehr nötig. Während seiner langwierigen Krankheit dachte er oft daran, daß er sich einen Geschäftsteilhaber nehmen sollte. Bezahlten Leuten kann man ein solches Unternehmen nicht anvertrauen. Er allein aber kann die große Arbeit nicht bestreiten. Tie Aerzte sagen, daß, wenn er sich nicht schonen würde, ihn eine zweite Lähmung befallen könne und diese viel gefährlicher sein würde als die erste. Tie Aussicht, aitf Monate hinaus arbeitsunfähig zu werden, brachte ihn zur Verzweiflung. In seinem ganzen Leben hatte er noch nicht so viel gefaulenzt. Und seitdem er auf eigenen Füßen stand, hatte er sich noch nie auf fremde Leute verlassen. Jetzt mußte er es notgedrungen tun. Er hätte sich ja schließlich mit dem Gedanken befreunden können, wenn er nur jemanden nach seinem eigenen Gutdünken wählen dürfte. Darauf aber mußte er Verzicht leisten. Tenn wenn er sich einen Teilhaber nehmen will, so darf der Bischof mit vollem Rechte verlangen, daß dies der von ihm empfohlene Mann sei. Er wußte, daß es so kommen müsse, dennoch grübelte er darüber nach, blieb unschlüssig und quälte sich. Einigemal hatte er sich in die Komitatshauptstadt bringen lassen. Dort schleppte er sich mühselig zu dem Bau. Er glaubte seiner Schwäche trotzen zu können, aber er mußte sein unkluges Verhalten teuer bezahlen, denn die Anstrengung hatte zur Folge, daß er wieder tagelang das Bett hüten mußte. Inzwischen brachte man ihm lauter unangenehme Meldungen: aus dem Steinbruch liefere man keinen Stein, in den Eisenwerken sei der Streik ausgebrochen, und das habe die Eisenproduktion verteuert. Der Latorca-Fluß habe einen so niedrigen Wasserstand, daß die Flöße auf halbem Wege steckenblieben. Beim Fundamentieren hatte man tausend Uebel zu bekämpfen. Der Arbeitsaufseher Paktierte mit den Fuhrleuten, der Baupolier mit den Arbeitern. So ging es von früh bis spät, so daß Littauer oft glaubte, vor lauter Sorgen wahnsinnig zu werden. Als er dann sah, daß sich die Nebelstände mehrten, und daß er von der Krankenstube aus jene große Menschenmenge, die ihm durch ihre Arbeit eine Million verschaffen solle, nicht auf den richtigen Weg zu lenken vermöge, entschloß er sich schweren Herzens zur Teilhaberschaft. Er schrieb au Kollar und schrieb auch dem Bischof. Kollar kam gleich am nächstfolgenden Tage. Littauer kannte ihn schon lange, dennoch prüfte er ihn so genau, als ob er ihn noch nie gesehen hätte. Er war auch sehenswert. Schon seine Schüdelbildung war nicht diejenige eines normalen Menschen. Sein Kopf war sozusagen krugförmig. Tie Stirn bedeckte eine fingerdicke Haut. Die Augen versteckten sich hinter fleischigen Lidern, so daß man sie kaum sehen konnte. Tie Hände hielt er immer in den Taschen. Dieser Mann zeigte überhaupt nichts von dem, was einen Menschen kenntlich zn machen Pflegt. (Fortsetzung folgt.) Sprrchsasl. Bitte! Ter Allgemeine Deutsche Kantorenverband (E. V.) bittet alle diejenigen lGemeiudeverwaltungen, Rabbiner, Lehrer, Angehörige von Kollegen), welche in der Lage sind, Auskunft zu erteilen, dein Unterzeichneten Vorsitzenden obigen Verbandes Mitteilung zukouunen zu lassen über 1. Rainen, Ort der Amtstätigkeit und womöglich jetzige Adresse i m F e l d e stehender K a n t o r e n , -_\ Aameu. Lrt der Amtstätigkeit und augenblicklichen Aufenthaltsort von v e r io u n bete n K antv r e n. M. H e n I e, Hamburg 36, Roterbaum 5. Von der unserer Verwaltung unterstehenden Lndwig- P h i l i p p s o n - G e d ä ch t n i s st i f t u n g können jüdische Lehrer und Juaendvereine zu ermäßigten Preisen beziehen 1. Gü bemann, Jüdische Apologetik, für 3 statt 7 Mark, nur gebunden. 2. Ellbogen, Ter jüdische Gottesdienst, für 4,55 statt 12 Mark broschiert, für 5,80 statt 13,25 Mark gebunden. 3. Feiner, Ludwig Philippson, für 0,30 statt 1,30 Mark, nur gebunden. 4. Sulzbach, Bilder aus der jüdischen Vergangenheit, für 1,50 statt 3,30 Mark broschiert, für 2,50 statt 4,30 Mark gebunoen. 5. Soziale Ethik im Judentum, herausgegeben vom Verbände der deutschen Juden, für 1,20 statt 1,50 Mark. Bestellungen sind unter gleichzeitiger Einsendung des Betrages zu richten an Herrn Dr. N. M. Nathan, Postscheckkonto Berlin 11 776 bis spätestens 1. März 1915. Die Zustellung der Bücher erfolgt nach Ablauf der vorerwähnten Bestellungsfrist. Insoweit die zur Verfügung stehenden Mittel nicht ansreichen, erfolgt Rückzahlung der betreffenden Betrüge. Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums.

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