Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229184--71083-3283402- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
79. Jahrgang Nr. 6 Berlin, 5. Februar 1915 Der Gemeindebote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums. korrrlponLrnsm und Nachrichten. SrutschlarM. ^2 Berlin, 2. Februar. Unmittelbar nach Kriegsausbruch hat der V e r b a n d der deutschen Juden, um die Teilnahme der Inden am Kriege Zuverlässig festzuftellen, an die jüdische Oefsentlichteit das Ersuchen gerichtet, ihm alle erforderlichen Mitteilungen «zu machen. Aehnliche Maßnahmen sind von einer Reihe anderer Organisationen getroffen lvorden. Zwecks Zentralisierung dieser Bestrebungen wurde alsdann ein besonderer Ausschuß für Kriegsstatistik gebildet, dem folgende jüdische Organisationen angehören: Verband der deutschen Juden, Großloge für Deutschland U. O. B. B., Burearl für Statistik der Juden, Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Deutsch-Israelitischer Gemeindebund, Zionistische Vereinigung für Deutschland, Kriegshilssausschuß der Berliner Logen, Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Kartell-Content, Kartell jüdischer Verbindungen. Da sich sowohl beim Verband der deutschen Juden als auch bei den übrigen Körperschaften das Material immer mehr anhäuste, ergab sich die Notwendigkeit, ein eigenes Bureau zu bilden, welchem die Fortführung und Ansgestaltung der bisherigen Arbeiten von dem erwähnten Ausschuß übertragen wurde. Dieses Bureau ist dem Bureau für Statistik der Juden angegliedert lvorden. Es sind daher in Zukunft alle zweckdienlichen Angaben an das Bureau für Statistik d e r I u d e n , B e r l i n C. 2, A n der S Panda il e r Brücke 15, zu richten. Und zwar ergeht im Hinblick auf die große Bedeutung einer zuverlässigen Kriegsstatistik von neuem die dringende Bitte, sobald als möglich die Namen und möglichst ausführliche Angaben über alle Kriegsteilnehmer der genannten Stelle mitzuteileu und hierbei die Adresse derjenigen Personen zu vermerken, welche über die betreffenden Krieger genaue Auskunft erteilen können. Es stehen auch Formulare für derartige Mitteilungen beim genannten Bureau in beliebiger Anzahl zur Verfügung. 2/D Berlin, 2. Februar. Die G e s ei l s ch a st zur F ö rde - r u n g der W iss e lt s ch a ft des I u de u t u m s versendet ihren 12. Jahresbericht. Der Bericht widmet an erster Stelle den verewigten Herren Professor W i l h e l m B a ch e r - B u d a p e st und Professor Jacob Barth-Berlin sowie dem früheren Schatzmeister der Gesellschaft Stadtrat I m m a n u e l L a n d s be r g e r - G l o g a u Worte ehrenden Gedenkens. Die Atitgliederzahl ist um abermals 100 gestiegen, ein Erfolg, der außer der werbenden Kraft der Gesellschaft und ihrer Leistungen auch dein glänzender Verlaufe der T a g u n g in F r a n k f u r t a. Main und Worms im Juni vorigen Jahren zu danken ist. Eine Reihe wertvoller wissenschaftlicher Werke ist inx Berichtsjahre erschienen; so der viel beachtete Vortrag des Herrn Geheimen Negierungsrates Professor Hermann Cohen über „Tie religiösen Bewegungen der Gegenwart" und das letzte große Werk Bachers „Tradition und Tradeuten", das eine Anlage zum Bericht nüt Recht „die reise Frucht mühevoller Arbeit, das b ew under ungswür di ge Werk unermüdlichen Gelehrtenfleißes" nennt. Die Fertigstellung anderer Werke hat infolge des Krieges eine unliebsame Verzögerung erlitten. Die Erträgnisse der Ludwig- P h i l i pps on - G e dä chtu i s - S ti ft u u g sind bestimmungsgemäß zur Verbreitung gediegener jüdischer Werke verwendet lvorden. Für weitere Einzelheiten sei auf den Bericht selbst verwiesen, der von dem stellvertretenden Schriftführer der Gesellschaft, Herrn Syndikus Dr. N a t h a n - H a m b ll r g, kostenlos zu beziehen ist. Nach einem beherzigenswerten Appell an die Mitglieder, der Gesellschaft und ihrer für den Bestand und die Zukunft unserer religiösen Gemeinschaft so notwendigen und segensreichen Arbeit auch ht dieser schweren und viele Opfer heischenden Zeit ihre moralische und finanzielle Mitarbeit nicht zu entziehen, schließt der Bericht mit den Worten: „Sind schon die Früchte unserer Arbeit bisher nicht zu verkennen gewesen, so dürfen wir doppelten Ertrag von unserer Arbeit in einer Zeit erwarten, von der wir hoffen, daß sie d e m Iu d e n t u m und seinen B eken n e rn m eh r als bisher gerecht lv erde ll und dadurch auch unsere Tätigkeit unter dem Schutze und der Sonne eines dauernden Friedens zu noch reicherer Entfaltung bringen wird. Denn wissenschaftlich Arbeit ist Friedensarbeit, und auch die Wissenschaft des Judentums ist berufen, z u r fortschreitende n E n t w i ck l u n g n n d z u m A n s e h e u der Länder b e i z u t r a g e n, mit deren Zukunft das .Geschick der weitaus größeren Zahl der Mitglieder der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentunls mtf ewig und untrennbar verknüpft ist." E. S. Berlin, 2. Februar. Am 21. v. M. hielt im Verein für jüdische Geschichte und Literatur in der Philharmonie Herr Fritz Richard, Mitglied des Deutschen Theaters, eine Reihe interessanter Rezitationen. Da in dieser Kriegszeit die eigentlich jüdischen Dichter sich noch nicht vernehmen lassen, hielt es der Vortragende für gut, aus die Bibel, die klassische Quelle der Schlachtengesänge, zurückzugehen. Fragen allermodernster Art waren schon im grauen Altertum bekannt. Bereits Psalm 2 schildert die Einkreisungspolitik der Feinde Deutschlands. Von dem trotz zahlloser Feinde nicht sinkenden Mut und der Aushungerungspolitik weiß Psalm 3 zu berichten. Welche freudige Zuversicht strömt aus Psalm 44! Wo ist die felsenfeste Hoffnung auf den Sieg der gerechten Sache schöner geschildert als im Psalm 93? Solche Stimmung kam auch in einem vorgetrageuen Abschnitt aus dem. Midrasch (übertragen von Albert Katz unter dem Titel „Trauer int Himmel") zum Ausdruck, wo der Prophet Jeremias die Bekümmerten tröstet und die Mutigen zum Ausharren mahnt. Aus den Schlachtfeldern von Russisch-Polen besingt der jüdische Militärarzt vom 7. Armeekorps, Stiebel, Sabbatruhe und Sabbatfrieden. Neben den tiefernsten Stoffen ließ der Vortragende auch den Humor zu seinem Rechte kommen, so in der Hochzeitsseier in Rußland, mit den köstlichen Bettlern, einem reizenden Charakterbild. Ergreifend lvirtte der Vorkrag des Gedichtes von Ludwig Fulda von den Eiukerkerungsheldeu; sie, ein halbes Dutzend, abgefeimter, entmenschter Gesellen, nicht die Völker, tragen die Schuld an dem blutigsten Trauerspiel, welches die Erde nun sieht. Nicht im Schlachtengetünunel - an den schrecklichsten Gewissensqualen werden sie ihre Seelen aushauchen, sie, welche andere für sich verbluten lassen, sie, welche sich selbst schonen und das grausige Krieasgetümmel für einen neuen Sport halten. Daß jetzt auch die Juden als solch' besondere Hoffnungen nähren dürfen, lehrte uns das mit tiefem Empsinden vorgetragene Gedicht „Der Ghettojude vor dem Titusbvgeu in Rom" von dem kürzlich verstorbenen Prediger Dr. Nt. L e v i u. Dann folgte wieder ein heileres Stück. In Russisch-Polen, wo die Judeuheit alten Schlags zusammengepfercht haust, ist der mit einem Magenleiden und elf Kindern belastete Patient in beständigem Zwiespalt mit den Aerzten, welche keine Geduld zum Zuhören haben, aber gar schnell den schnöden Ntammon einzustecken verstehen. Wie so ganz der Natur abgelauscht ist das Gedicht eines Wiener Poeten über den strammen jüdischen Berbindungsstudeuteu, das aber von allen Hörern wohl nicht ganz verstanden wurde, weil die Akustik in dem großen Saal manchmal versagte. Herr Fritz Richard ist ein Vortragskünstler nicht gewöhnlicher Art. Wenn j er auch die ernsten Stoffe durch sein klangvolles Organ seelenvoll , zum Ausdruck zu bringen versteht, so liegt doch seine Stärke haupt-! sächlich in dem köstlichen, echt dramatischen Vortrag komischer und I humorvoller Stücke. Die zahlreiche Zuhörerschaft spendete dem Vortragskünstler rauschenden Beifall. L/D Berlin, 2. Februar. Eine Trauerfeier zu Ehren des verstorbenen Vorsitzenden des Krnnkenyausvorstandes, Herrn Stadtverordneten Louis Sachs, fand am letzten Sonntag in der Synagoge des Krankenhauses statt, an welcher die Gattin des Verstorbenen, die Aerzte, Schwestern und Angestellten des Krankenhauses teiluahmen. Nachdem Herr Oberkantor Klein „Herr, was ist der Mensch" wirkungsvoll vorgetragen hatte, hielt Herr Verwaltungsdirektor Zucke r m a n n die Gedächtnisrede. Anschließend an die Worte des Propheten Jef. Kap. 1 Vers 11: Wozu die vielen Opfergaben? führte der Redner aus: Wozu die vielen Lobeshymnen, Danksagungen, die wir dem teuren Entschlafenen Nachrufen? Ist doch schon an geweihter, heiliger Stätte aus dem Munde der Ersten unserer Gemeinde viel Schönes und Wahres dem teuren Toten nachgesagt worden. Wenn aber jedes Institut, jeder Verein, wo! der Verstorbene segensreich gewirkt hat, seiner gedenkt, so ist das j Krankenhaus in erster Linie verpflichtet, des Mannes zu gedenken,! der in treuer Pflichterfüllung einen großen Teil seines Lebens in