Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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71 verdient hat. Wer sonst hätte wohl solche Verdienste, wenn ' nicht der Zadik?" Buchsbanm war wütend und gab nicht nach. Eigentlich war er nur auf Gutlohn böse, weil er ihn öffentlich beschämt hatte, als er in einer plötzlichen Anwandlung von Mitleid den Vorschlag machte, durch Psalmensagcn die Gefahr von Littauer abzuwenden. Er hat Gutes gewollt und keine Zurechtweisung verdient. Hat doch Gott beinahe dasselbe haben wollen, was man daraus ersieht, daß er Littauer gesund machte. Die Juden hingegen haben nicht ganz dasselbe haben wollen, auch der Zadik konnte dies nicht gewollt haben, denn hätte er cs gewollt, dann hätte er gebetet. Warum stellen sie nun Littauers Genesung so hin, als ob diese das Werk des Rebbe wäre? Deshalb widersprach er beharrlich, indem er fragte: , „Wenn der Rebbe nicht gebetet hat, warum ist Littauer gesund geworden?" Na, da mußte man lachen. Warum? Nun, einfach darum, weil Gott gewußt hat, daß auch der Rebbe haben wollte, daß er genesen soll. „Warum hat ihn Gott denn nicht gleich gesund gemacht? Warum hat er so lange gewartet?" Diese Frage machte auch Gutlohn stutzig. Darauf wußte auch er nicht zu antworten. Der hundertjährige Blumenstein, der erst achtzig Jahre alt war, aber seit seinem hundertjährigen Jubiläum ständig an dem Tisch des Rebbe speiste, nahm mit langsamer Gebärde die blaue Brille von seiner Nase ab, blinzelte ein paarmal, pflanzte sich vor Buchsbaum auf. nahm eine stramme, kerzengerade Haltung an und sprach mit der unfehlbaren Weisheit eines Patriarchen die Sentenz aus: „De Ajbester hot gemußt upwatn."') In Buchsbaum überwallte jetzt der große Zorn. „De Ajbester hot gemüßt? Worum dus, lo mech Hern?"3) „Jberdem, weil efscher will de Rebbe indezwischen e Klule : tün."3) | Nun, daraufhin mußte auch Buchsbaum klein beigeben. Nach dieser Aufklärung wäre es einfach ruchlos gewesen, j Zweifel zu erheben. Denn die Sache konnte wirklich nur so geschehen sein, wie es Blumenstein sagte. Ter liebe Gott getraute sich nicht, Littauer vor der Zeit gesund zu machen, denn,! wie, wenn sich der heilige Mann besinnt und den Abtrünnigen! dennoch verflucht? In diesem Falle hätte Gott den Genesenen? abermals mit einer Krankheit heimsuchen müssen. Um diese! unnütze Arbeit zu ersparen, hat der Herrgott lieber gewartet und Littauer erst dann gesund gemacht, als er ganz sicher war, i daß der Zadik nicht durch Verfluchen sein Verderben fordern i würde. i Von alledem wußte Littauer freilich gar nichts. Er erfuhr j nichts über die erste Schadenfreude der Juden und nichts über j ihr späteres Bedauern. Von der engelhaft barmherzigen Rolle des Rebbe aber hatte er wirklich keine Ahnung. Doch darüber; soll man sich nicht wundern. Ter Aermste wußte noch manches andere nicht. Er wußte zum Beispiel nicht, daß Agnes Maria dutzendweise Kerzen in die Kapelle und Probstkirche trug, ja sogar zur schwarzen Maria nach Hünfalva pilgerte, wo sie das feste Gelöbnis tat, daß sie den Juden niemals den Tod des gekreuzigten Jesus verzeihen werde, wenn die Gottesmutter mit ihrem krank daniederliegenden Manne Gnade üben und den Todesengel von ihm abwenden werde. Als sie dann sah, daß sich die schwarze Maria nicht beeilte, wandte sie sich wieder an die Madonna m ihrer eigenen Kapelle, wenn es keiner sah und keiner hörte. Ach, wie lange weinte sie da, ach, wie lange wartete sie auf ein Lächeln, auf einen Wink der *) Gott hat abwarlen müssen. -) Gott hat abwavten müssen? Warum das, lasse es hören. . 3) Deshalb, weil der Rebbe ihn vielleicht inzwischen verfluchen will. Himmlischen. Doch als diese Offenbarung der göttlichen Gnade ausblieb, sprang sie auf und begann zu streiten: „Wus machst de dich, Mame sieße? Mich solltest du doch kennen. Nach meinem Ebenbild habe ich dich machen lassen. Achttausend Gulden habe ich für dich bezahlt. Frau Sonngott möchte keine achthundert für dich geben, Frau Szentpüly nicht einmal vierhundert. Ich habe kein Geld geschont. Die schwarze Maria hat mich nicht erkennen wollen. Aber du solltest mich erkennen, du solltest mich erhören. Denn das Ganze, was ich verlange, ist doch nicht viel. Eine Bagatelle. Ein Nichts. Ich will ja nur meinen Mann." Und als die Madonna auch da kein Zeichen gab, schlich sich Agnes Maria zur Tür, drehte den Schlüssel um und kehrte wieder zur Madonna zurück. Anfangs flüsterte sie nur, doch mit der wechselnden Erbitterung wuchs auch ihre Stimme und artete in Kreischen aus: „Nicht wahr, du weißt, daß mein Herz aus offenen Wunden blutet? Nicht wahr, du weißt, daß ich betrogen bin? Als ich noch die alte war, hast du mich mit deiner süßen Mystik verlockt. Dein Name hat mich mit balsamischen Düften betäubt. Die strahlende Majestät deiner Kirche hat mir die Besinnung geraubt. Die Macht deiner Priester hat mich in Versuchung gebracht. Die Ruhe und Vornehmheit deiner Gläubigen hat mich wankend gemacht. Ich sehnte mich nach Ruhe und Frieden. Ich wollte vornehm sein wie die anderen. Ich wollte mich in gar nichts von ihnen unterscheiden. Und, nicht wahr, du weißt es, daß mein Elend tausendfach größer ist als früher. Frau Sonngott, Frau Szentpalh beweisen mir, daß ich niemals ihresgleichen sein werde. Aber glaubet nicht, daß ich aus Eisen bin. Glaubet nicht, daß ich kein Herz habe, daß ich die Nadelstiche nicht fühle und den Stein nicht spüre, der mir an den Kopf geworfen wird." Der alte Jargon widerhallte in den geheiligten Mauern der Kapelle, und diese gaben das Echo zurück, ohne einzustürzen. O, die Mauern verstanden wohl die Leiden der unglücklichen Frau. Agnes Maria harrte der Antwort, doch nur die Mauer sprach. Sie erhob sich aus ihrer gebeugten Stellung, und jetzt sagte sie beinahe drohend: „Zekwetsch me des Harz nischt, Mame sieße. Ech kenn mech noch nojkem fein!- De Galech hot mech noch nischt in de Erd getün."h Na, darüber erschrak sie aber selbst. Mit hervorgequollenen Augen blickte sie in der dämmerigen Kapelle ringsherum, ob nicht etwa jemand die Gotteslästerung vernommen habe. Dieses große Geheimnis hatte sie nicht verraten wollen. Der Schmerz hatte es ihr erpreßt. Bald kniete sie reuevoll vor dem Altar nieder und schlug sich die Brust: moa culpa, mea culpa. Mit Zerknirschung stammelte sie ihre Buße her, und sicherlich war es wieder eine Neckerei des Teufels, daß die Pönitenz plötzlich und unbewußt in der altgewohnten Art über ihre Lippen kam: „Oschamnü, bogadnü . . ."') Agnes Maria wankte ins Haus zurück. Sie konnte sich kaum erholen, das Herz war ihr so schwer. Vor Angst, vor Weh, sie selbst wußte nicht wovon. Sie kauerte sich auf das Sofa und verblieb dort, bis ihre Tränen versiegten, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte. Dann begab sie sich zu ihren: Manne. Sie sah ein Wunder, worüber ihr der Verstand stehen blieb. Littauer, der noch vor einer Stunde regungslos, wie ein Stück Holz im Bette gelegen hatte, las jetzt auf seinen Ellbogen gestützt, einen Brief. r) Brich mir das Herz nicht, süße Mutter. Ich kann mich »och rächen! Der Pfarrer hat mich noch nicht begraben. -’) Wir haben gesündigt, nur waren untre» ...