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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-05 · Heft 6 (5.2.1915) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 6 (5.2.1915)
Date
1915-02-05
Page
Seite 69 (sequence 9)
Language
German
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mehreren Gefechten der Revolution teilgenommen hat, bis er schwer verwundet in das Lazarett gebracht wird, in dem er 14 Tage liegen bleibt. Er tritt nach seiner Genesung in österreichische Dienste, und zwar.durch irgendeinen Zufall, der aus den unklaren Bemerkungen nicht leicht erkenntlich ist. Ein Blatt des Tagebuchs beginnt mit dem Frühjahr 1849 und ist mit folgender Auszeichnung versehen: Das nenn' ich einen Krieg! So hat ihn mein Knabenherz geträumt, so den Helden gemalt in seiner Gloria! Mortara, Novara! Was sind das für wunderbare Siege, die alles Entsetzliche zurückdrängen und der Siegessreude keinen bitteren Nachgeschmack nach Barbarei und Ekel geben können! Radetzky, das klingt wie Gewehrgeknatter und Trompetensignal! Ein Brief an seine Getreuen in Budapest wird erst sehr spät beantwortet, denn er kommt aus dem Spital, in das man den wackeren Kämpfer, der an beiden Beinen schwer verwundet worden war, gebracht hatte. Die Wunden heilen schnell, der Organismus dieses Braven scheint unverwüstlich zu sein. Der Krieg in Italien naht seinem Ende. . . . Am 25. wurde die Patrouille ausgelost, die sich an die Feinde heranzumachen hatte, darunter war auch ich und mich erfüllte eine wilde Freude. Wir waren unser drei und neben Ruhm und Ehre winkte uns die langersehnte Beförderung. Auf den Weg! Es war eine sehr kalte Nacht, der Himmel dunkel und die Erde feucht. Wir schritten vor, getreu dem Plan, der uns geläufig war. Ich selbst kam längst des Mineio an einen Flecken, der hinter einem Wäldchen lag und einen sonderbaren Namen hatte, meinen Ohren mehr slawisch denn welsch klingend. Mit einem Male wird es irgendwo lebendig, die Bäume scheinen sich zu regen und mein Kumpan schlägt mir das Gewehr aus der Hand. „Trottel" schrei ich und Hab' schon einen Schubs weg, daß ich hinuntersause und noch den Ungeschickten rufen hör: Still, Korporal, sie haben uns! Da knallt's hinter mir, scharf pfeifend und ich lieg im Mincio und schwimm! Nicht schnell, langsam, ausholend, fast bedächtig und schnapp' gehörig nach Luft. So kam ich nach Verona. Naß von Wasser und Blut und halbtot vor Fieber, die Beine steifer als vorher, wo die Kugeln dringefteckt. Es wird Friede. Venedig fällt, Radetzky bleibt Oberbefehlshaber in Italien. Ein Teil der Truppen rückt ab und Pollak kommt -als Korporal in ein böhmisches Quartier: „Eines Tages kommt eine Anfrage -an die alten Chargen: Wer von den Leuten möchte als Kammerdiener in den Dienst des Erzbischofs von Schwarzenberg eintreten? Mein Feldwebel sagt schmunzelnd: „Na Pollak?" Da lach' ich und sag': „Als ehemaliger Klosterschüler?" Und er: „Also, schicken wir den Korporal Pollak zur Eminenz!" Einen Tag später stand ich in des Erzbischofs Diensten als wohlbestallter Kammerdiener und dünkte mich sehr stolz, der einzige jüdische Kammerdiener zu sein, den je ein Erzbischof der Welt besessen. Die Herrlichkeit dauert ein Jahr. Da niemand mich nach Glaubensachen fragte, sich darum -auch wenig zu kümmern schien, versah ich guten Muts mein Amt und freute mich des sorgenfreien Lebens, das mich an meine friedlichen Jugendtage erinnerte. Mein Lohn war nicht karg bemessen, die Verköstigung über alles Erwarten vortrefflich und der Dienst alles eher denn hart. Wir besaßen einen wundervollen, alten, großen Garten, und meine Lust war es, darin nach Eidechsen zu suchen, die ich in ein Glashäuschen setzte und einen guten Tag leben ließ. Eines Tages kam die Eminenz gerade dazu, wie -ich solch' ein grünschillerndes Tierchen zwischen den Fingern hielt und in meine Sammelbüchse steckte. Er schien erst sehr erstaunt, dann fragte er mich nach dem Zweck. Als er von meinem Sammeleifer hört, lächelt er, wie eben nur ein Erzbischof zu lächeln weiß, und sagt so halblaut zu seinem geistlichen Adjunkten: „Ihn drückt keine Politik, beatus ille . . ." Darauf ich ehrerbietigst: „Qui procul negotiis." Da sieht er mich an und sagt: „Ei, ei, ein gelehrter Kammerdiener. Wo hat er das her?" „Von den Patres in Prag, Eminenz!" Just kommt da unser Gärtner, spreizt sich hin und mengt sich keck in die Rede: „Hebräisch spricht er auch, hochwürdigster Herr!" „Hebräisch, ei, woher denn das?" Darauf ich: „Ich hab's beim Rabbiner gelernt." So gibt eines das andere, und der Hochwürdigste hört mit Staunen und mit Grauen, daß sein Kammerdiener kein römiscker Katholik sei. Die Folge dieser Offenbarung war ineine Entlassung mit vollem Restgehalt und einem schönen Zeugnis, das meine Eignung als Kammerdiener mit treffenden Worten kennzeichnet. Einem Amtsbruder wurde ich freilich nicht weiterempfohlen, wohl aber wurde mir anheimgestellt, mich in Wien bei einem sehr vornehmen Herrn, dessen Adresse mir die Eminenz eigenhändig in die Hand steckte, vorzustellen. Ich kam nach Wien und fand das Leben in der lustigen Stadt sehr nett, daß ich nicht die geringste Lust verspürte, jemals den Wiener Boden freiwillig zu verlassen. Ach: I'boinme propose, Dieu dispose! Mein neuer Herr war ein Gelehrter, achtzig Jahre alt und unbestimmbarer Konfession. Sonntags ging er ins Theater, an hohen Feiertagen ins Konzert. Er konnte seinen Anschauungen und Gewohnheiten nach ebensogut ein Mohammedaner oder ein Katholik oder keines von den beiden sein. Er wußte aus meinem Zeugnis, daß ich ein Jude'sei, er verstand von meinem Ritus mindesten ebensoviel wie ich, und seine Kenntnisse in den heiligen Büchern überstiegen meine Begriffe von Gelehrsamkeit. Ich glaube, daß er ein Freidenker war, wunderte mich aber im stillen, wie wohl ein Erzbischof zu solch einer Bekanntschaft gekommen sein mag, mehr noch, wie wohl ein Freidenker zu solch einer Konnexion käme! Ich hatte nicht lange Zeit, meinen Herrn einem eingehenden Studium seiner Persönlichkeit zu unterziehen, denn eines schönen Tages, mitten im Winter, ließ er mich zu sich kommen und sagte mir: Ich fahre fort, ich reise nach Australien. Sie können am Freitag mein Haus verlassen. Für Ihr Fortkommen ist gesorgt, ich war mit Ihren Diensten mehr als zufrieden! Er gab mir die Hand und wünschte mir alles Gute. Das war am Dienstag. Wie schon die Schicksale sind, sollte ich den Freitag nicht mit heiler Haut erleben, und das kam so: Die Papiere sind hier leider wieder einmal unterbrochen ... Die beigelegten Dokumente lassen uns aber wissen, daß Pollak von einer schweren Krankheit ergriffen und auf seinen Wunsch nach Prag gebracht wird, wo er zu sterben gedenkt. Wider Erwarten erholt er sich nach langem Krankenlager und geht daran, mit dem erworbenen Gelde einen eigenen Handel zu eröffnen. Das Geschäft geht gut, Pollak wird allmählich vermögend und kann daran denken, einen eigenen Hausherd zu gründen. Er heiratet ein jüdisches Mädchen aus Prag, Anna Slalges, er wird Vater und scheint endlich einem ruhigen Leben entgegenzugehen. Da, eines Tages, bricht e»ne finanzielle Katastrophe herein! Pollak gibt sein Geschäft auf, bringt Weib und Kind bei Verwandten unter und — zieht nach Amerika! In Washington erwirbt er durch Schreibarbeiten, durch das Abfassen von Schriftstücken aller Art, durch Uebersetzungen und freie Uebertragungen im Laufe weniger Monate ein

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