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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-05 · Heft 6 (5.2.1915) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 6 (5.2.1915)
Date
1915-02-05
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
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68 Da der Jude, immer nach der Anklage, diese Prozeduren merkwürdigerweise ganz ungeniert vor seinen kleinen Kindern vorgenommen haben sollte, verbreitete sich „das Gerücht von diesem Wunderwerke überall aus; der Bischof von Paris begab sich geschwind in das Haus des Juden, nahm die Hostie und brachte sie in den Tempel des Heiligen Johannes. Die Frau und die Kinder des Juden bekehrten sich. Er selbst hielt immer fest an seiner Religion." Natürlich wurde er verbrannt. Aber nicht allein — der Talmud mit ihm. Der Jude soll nämlich angeblich unaufhörlich die Wunderkraft, dieses Werkes gerühmt haben, das ihn auch vor den Flammen retten könne. Tie Rächer der entweihten und so wundertätigen Hostie mochten diesen Aberglauben nicht dulden, „um dem Juden recht begreiflich zu machen, in was für einem Aberglauben er sich befände, ließ man ihm den Talmud bringen, als er auf dem Scheiterhaufen angebunden war." Der Schluß dieser Erzählung, daß der Jude samt dem Talmud verbrannte, scheint uns allerdings ganz und gar der Wahrheit zu entsprechen. Marquis d'Argens nimmt sich die Mühe, die Lügenhaftigkeit der ganzen Geschichte detailliert zu beweisen. Wir brauchen ihm hierin nicht zu folgen, uns genügt es, eine seiner Bemerkungen zu registrieren: „Ist es zu glauben," sagt d'Argens, „er (der Jude), werde es nicht gehindert haben, daß ein solches Wunderwerk nicht ruchbar werde, auf dessen Geheimhaltung die Erhaltung seines Lebens beruhte?" Und dann ruft der Freund Friedrichs II. ans: „Man muß in der Tat. ich will nicht sagen, blödsinnig, sondern ganz und gar verrückt im Kopfe sein, wenn man ein solches Märchen glauben soll." Marquis d'Argens beleuchtet noch eine lange, lange Reihe von lügenhaften Beschuldigungen, die Juden wegen angeblicher Hostienentweihungen zu erdulden hatten. Nur noch zwei der krassesten Fälle wollen wir in Kürze mit seinen Worten wiederholen: „. . . Eben zu derselben Zeit wollte man sich auch des Ver-' mögeus der reichsten Juden im Brandenburgischen bemächtigen, und man fand kein besseres Mittel, als daß man sie zu dem Tode verurteilte. Achtunddreißig Juden wurden bei lebendigem Leibe aus dem Roste gebraten und die übrigen aus dem Lande verwiesen, nachdem man ihnen all das Ihrige genommen hatte. Denn dieses war eben die Sache, worauf man sein Augenmerk richtete . . . Die Brandenburger, die zu derselben Zeit diese Unglücklichen zu der Todesstrafe verurteilten, werden von den gegenwärtig lebenden Brandenburgern für Schwärmer, Rasende und Unsinnige geachtet. Denn in den jetzigen Zeiten behaupten durchgängig alle reformierten Ehristen ebenso standhaft als die Juden, daß die Hostien weiter nichts als bloßes Brot sind. Demnach wird die eine Hälfte der europäischen Ehristen in Ansehung der eingebildeten Verbrechen, die sie den Juden aufbürden, von der anderen Lügen gestraft. Und sogar mitten unter ihren grausamsten Widersachern finden die unglücklichen Juden ihre Verteidiger, die es nicht nur leugnen, daß die Juden das, was man ihnen andichtet, jemals verbrochen haben, sondern die es sogar nicht einmal einräumen, daß sie sich dessen haben schuldig machen können." Zum Schluß gibt d'Argens „die Erzählung einer glaubwürdigen und von den berühmtesten Schriftstellern für wahrhaft erkannten Geschichte. . . einer Geschichte, worüber einem die Haare zu Berge stehen und welche die Ursache so vieler Verbrechen, die man den Juden in Ansehung der Entheiligung der Hostien fälschlich angedichtet hat, vollkommen entwickelt". Ter Held dieser Geschichte, deren Schauplatz Polen ist, ist der päpstliche Nunzius Lipomanus. „. . . Da Lipomanus sah, daß die Protestanten sehr in Aufnehmen kamen und daß der Lehrsatz von der Transsubstantiation sehr heftig angetastet wurde, faßte er den Entschluß, ein Beispiel der Strenge, oder vielmehr des Grimmes zu stiften, welches dem gemeinen Volke eine Furcht beibringen und zugleich in denselben einen Abscheu gegen diejenigen erregen sollte, die sich von der römisch-katholischen Gemeinde absondern. Er richtete seine Augen auf die Juden, die sich von ihm zu Schlachtopfern gebrauchen lassen mußten, immaßen diese armen Leute durchgängig in allen Ländern gehaßt werden, aus diesem Grunde nicht hoffen konnten, daß ihnen jemand beistehen würde, oder daß sie ein Mittel haben könnten, ihre Unschuld zu beweisen." Nun wird ausführlich berichtet, wie der Nunzius falsche Zeugen gegen Barzahlung anstiftetf „drei Juden und eine Frau mit Namen Dorothea" der Hostienentweihung zu bezichtigen, wie die Unglücklichen gefangen genommen, gefoltert und schließlich — während sie standhaft ihre Unschuld beteuerten — verbrannt wurden. Dann aber heißt es: „. . . So viele vorsichtige Anstalten konnten es gleichwohl nicht hindern, daß die Wahrheit nicht in ihrem vollen Glanze hervorleuchtete. Die Betrügerei kam an den Tag. Der König erfuhr endlich den ganzen Handel, und als er das unmenschliche und strafbare Verfahren des apostolischen Botschafters erfahren hatte, so faßte er gegen ihn den stärksten Haß und machte es ihm selbst bekannt, wie weit der Abscheu ging, den er ihm gegen seine verabscheuungswürdige Schelmerei beigebracht hatte." Marquis d'Argens machte bei dem Bericht über diesen wahrhaftig haarsträubenden Fall — der aber leider gewiß nicht ein vereinzelter zu nennen ist — die sehr richtige Bemerkung, daß der Zorn des Königs die unschuldig verbrannten Juden nicht lebendig gemacht habe. So viele Wunder sich auch bei „Ritualmorden" und „Hostienentweihungen" begeben haben sollten (die vielen Fälle, daß sich die angeblich ermordeten Kinder wiederfanden, oder die Anstifter falscher Zeugenaussagen bei Anklagen wegen Hostienschändungen entlarvt wurden, rechnen wir nicht zu den Wundern), das Wunder, daß die Hingerichteten, deren Unschuld später zutage trat, wieder lebendig geworden wären, hat sich niemals ereignet. Es wurde derlei auch nie nach Rom berichtet . . . Die Betrachtung, die Marquis d'Argens über die unter der Aegide des päpstlichen Nunzius durchgeführte Anklage gegen die unschuldigen Juden anstellt, schließt mit folgenden bemerkenswerten Worten: „Wenn ich über die grausame Geschichte, die ich jetzt erzählt habe, ein wenig nachdenke, so fehlt nicht viel, daß ich mich ärgere, daß ich ein Mensch worden bin. Beinahe möchte ich wünschen, das unvernünftigste Tier worden zu sein, weil ich mich schäme, daß ich solche Leute, wie gewisse Europäer, unter meineGattung zählen muß." Natürlich hat Marquis d'Argens diesen Ausruf, wie alles übrige, seinem Chinesen in den Mund gelegt; aber es war seine Ansicht, seine Meinung. Wie grenzenlos wäre aber das Staunen des Marquis gewesen, wenn er, der so im Jahre 1739 schrieb, gewußt hätte, daß es noch im Jahre 1913 „Europäer" geben würde, die zu der Gattung von Leuten zählen, die nicht nur an den „Ritualmord" glauben, sondern auch mit Freuden das Zeugnis jedes Strolches gelten lassen, der zu beschwören bereit ist, daß er einem „Ritualmord" beigewohnt habe. Und es gibt solche „Europäer"! Aus drn Papieren des Sirgnumd Pollsk, Kldwedrl im ft. und ft. dnfanterie-NrgimkNt Großfürst Michsrl von Sußlsnd (Kr. 102) in Orsg. Von Maximilian Blum. (Fortsetzung und Schluß.) ier werden die Aufzeichnungen wieder einmal unterbrochen und nur einige kurze Notizen über zusammenhanglose Ereignisse finden sich vor. Einige kurze Randbemerkungen lassen erkennen, daß Pollak unter General Lubna an

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