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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-05 · Heft 6 (5.2.1915) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 6 (5.2.1915)
Date
1915-02-05
Page
Seite 67 (sequence 7)
Language
German
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67 h. St. Lhamberlains Sinnksänbrrung. Von Sigmund Fei st. an weiß, wie sehr verderblich die Rassetheorien des schreibgewandten und geistreichelnden Dilettanten Chamberlain seit zwei Jahrzehnten auf die breite Masse nicht nur in Deutschland, sondern auch vielfach auf die des Auslandes gewirkt haben. Ihm zufolge sind der Charakter und die Leistungen eines jeden Menschen durch seine angebliche Rassenabstammung bedingt, und damit ist seit ungezählten Jahrtausenden für die Volksstämme der Erde der Weg gegeben, den sie wandeln müssen, das Schicksal Aorgezeichnet, dem sie nicht entrinnen können. Ein freier Wille des Individuums ist also nicht vorhanden; ein staatlicher Zusammenschluß auf die Dauer nur denkbar und nur ersprießlich bei gleicher Rassengrundlage. Wir Juden besonders haben unter den unbeweisbaren und unbewiesenen Theorien dieses Fanatikers des Rassenglaubens zu leiden gehabt; auf ihn beriefen sich unsere Gegner, wenn sie ihrem Haß ein wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen versuchten. Wie gründlich hat der seit einem halben Jahr tobende Weltkrieg mit den geistreichen Behauptungen von Rassenzusammengehörigkeit und Rassenfremdheit aufgeräumt, und aus dem Schutt dieser zusammengesunkenen Theorie steigt strahlend der Staatsgedanke wieder empor, den die Rassefanatiker schon begraben zu haben glaubten. Der Gedanke des allverbindenden Germanentums hat seine Zauberkrast vor den ehernen Tatsachen der Geschichte verloren: die trotz aller Ableugnung „germanischen" Engländer kämpsen neben den reichlich mit germanischem Blut durchsetzten Franzosen (d. h. Franken) erbittert gegen uns. Die anderen „Germanen", Holländer, Dänen, Norweger und Schweden, befleißigen sich einer zum Teil wenig wohlwollenden Neutralität; unter den Heerführern und Offizieren der slawischen Russen erscheinen massenhaft deutsche Namen. Mit der Gemeinschaft des germanischen Blutes ist es also nichts, und ebenso ist der ohnehin in der Luft schwebende i Gedanke des Ariertums als Rassengemeinschaft verflogen, denn „Arier" sind alle die Völker, die sich gegenseitig bekriegen. Und unsere „arischen" Feinde haben sich nicht gescheut, mit Mongolen und Negern sich gegen uns zu verbinden. Unter der Wucht dieser Tatsachen ist auch Herrn Chamberlains Judenhaß zwar nicht ganz erloschen, aber doch zu einem zarten Flämmchen herabgesunken. Großmütig gewährt er uns Juden nunmehr die Eigenschaft von Deutschen. In seinen recht zahlreichen Artikeln befleißigt er sich einer wohlwollenden Neutralität uns gegenüber, aber ganz hat er sich von seinen , alten Vorurteilen noch nicht loszuringen vermocht. So schreibt er in der Unterhaltungsbeilage der „Täglichen Rundschau" vom 9. Januar in einem Aufsatz „Grundstimmungen in England und Frankreich" folgendes: „Treitschke bemerkt, der deutschen Gutmütigkeit sei der Haß schwer faßlich; der Verfasser des „Haßliedes gegen England" kämpft als wackerer Deutscher mit, entstammt aber einem Volke, daS — im Gegensatz zum deutschen — von jeher den Haß als eine Haupteigenschast großgezogen hat, und demselben Volke entstammt die gesamte Redaktion der „Times", der „Daily Mail", des „Matin"J; solche Dinge darf man nicht übersehen. Der germanische Deutsche ist nicht allein zu gutmütig, er ist namentlich den Gefühlen und Erwägungen der Gerechtigkeit und der Billigkeit viel zu sehr zugetan, um in alttestamentarischem Hasse sich wohlzufühlen; der Engländer ist zu hochmütig, um zu hassen, der Franzose zu leichtfertig." So kommt der Pferdefllß wieder zum Vorschein. Weil y Darüber weiß Herr Chambcrlain offenbar genau Bescheid. Aber wie steht es um die Redaktionen anderer, nicht minder deutschfeind- - licher Blätter, wie cheS „Echo de Paris", der „Parole libre", des z „Journal", des „Temps" und vieler sonstiger im Ausland? 1t. A. w. g. 1 Ernst Lissauer, der Verfasser einer der wenigen volkstümlich gewordenen Kriegsdichtungen Jude ist, wird die in dem Lied ausgedrückte allgemeine Stimmung gegen England — in die der gebürtige Engländer Chamberlain unserem Empfinden gemäß mit Recht nicht einstimmen kann —, der Haß gegen England als ein Ausfluß jüdischen Geistes hingestellt. Ja, verehrter Herr Chamberlain, dann ist aber die Vaterlandsliebe und Todesverachtung, die der österreichische Oberleutnant Zuckermann in dem einzigen, den echten Volkston treffenden Lied unter der überreichlichen Produktion der letzten Zeit zum Ausdruck gebracht und mit seinem Heldentode besiegelt hat, doch auch jüdisch, weil der Verfasser als Jude gelebt und gestorben ist. Der „germanische" Deutsche darf keinen „alttestamentarischen" Haß hegen nach Herrn H. St. Chamberlain. Er tut es aber doch, und insbesondere gegen die eigenen Landsleute dieses entwurzelten Anglo-Germanen, der das Alte Testament offenbar nur als eine Ausgeburt des Haffes kennt. Nein, Herr Chamberlain, nicht Haß spricht aus diesem Buch der Bücher, sondern Kampfeslust und der Wille zum Sieg, der das kriegerische Volk des Alten Testaments beseelte. Mit Sammetpfötchen konnte man damals und kann man auch heute bekanntlich seine Feinde auf dem Schlachtfelde nicht anfassen. Was würde Herr Chamberlain wohl von dem Haß gegen ihre Feinde bei den alten Israeliten gesagt haben, wenn uns „das Buch der Kriege Jahwes" erhalten geblieben wäre? Aber gerade, weil die Bibel den Ton, auf den auch unser Volk jetzt gestimmt ist, so gut zu treffen versteht, enthält z. B. ein von einem evangelischen Pfarrer zusammengestelltes Kriegsbibelbuch ausschließlich Stücke aus dem Alten Testament. Das Neue Testament mit seinem Universalismus und seinen Gedanken von dem ewigen Frieden und dem Gottesreich auf Erden paßt eben ganz und gar nicht zu den gewaltigen Ereignissen unserer Tage. Und Herr Chamberlain vergißt noch eins. Stellt er sich denn die alten Germanen, seine eigensten Urväter, die Angelsachsen oder die Wikkinger etwa als liebende Lämmer vor? Haben diese rauhen Krieger nicht auch zu hassen verstanden, und das recht gründlich? Zum Kriegshandwerk gehört nun einmal ein gesunder Haß, und kein lämmerschwänzliches Gefasel a 1a Chamberlain. Und wenn der deutsch gewordene Engländer annimmt, daß dieser kriegerische Haß eine besonders hervortretende und ererbte Eigenschaft der Juden sei, so wollen wir es ihm glauben; haben doch schon zahlreiche Juden, und nicht wenige davon mit Hingabe des Lebens, ihre Kampfestüchtigkeit und ihre Vaterlandsliebe bewiesen. Marquis b'Urgens über die Litualnmrd- Lelchuldiguns und Anklagen wegen hottienentweihung. Von G. Engelsmann. tForstetzung und Schluß.) arquis dÄrgens geht nun zu der Beschuldigung der „Hostienschändungen" über, „die" — so schreibt er — „noch viel lächerlicher klingt als jene von dem gekreuzigten Kinde." Zunächst erzählt er einen Fall, in welchem ein Patriarch Thomas mit der Anklage gegen einen Juden auftrat, er habe eine arme christliche Frau, die ihr Kleid bei ihm verpfändet hatte, dazu verleitet, ihm eine geweihte Hostie zu bringen. „Sobald er diese in den Händen hatte," hieß es in der Anklage gegen den Juden, „warf er sie mit heftigen Lästerungen in einen Kessel voll siedenden Oels. Alsbald kam ein kleines Kind von bewunderungswürdiger Schönheit aus dem Kessel heraus, welches den Schlägen mit dem Stocke, an welchem ein Haken befestigt war und womit der Jude es in den Keffel hineinstoßen wollte, mit vieler Geschicklichkeit und Behendigkeit auswich."

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