Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
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machen, daß es gut sei, daß jedermann von ihm erwarte, daß es sich anständig benehmen werde. Rußland gleicht diesem verzogenen Kinde. Es ist von der jüdischen Presse bei jeder Gelegenheit getadelt und angegriffen worden. Da Rußland ein stolzes und mächtiges Land ist. hat es natürlich auf diese Angriffe erwidert, und es wurde immer hartnäckiger .und grausamer in seiner antijüdischen Politik. Vielleicht würde jetzt die andere Methode zweckdienlicher sein, vielleicht würde der Einfluß Frankreichs und Englands, der beiden freisinnigen Regierungen, in Rußland zil Reformen führen. Vielleicht würde der verzogene Knabe durch die gute Gesellschaft, in welcher er sich jetzt befindet, verwandelt werden. Die Juden Rußlands möchten sogar größere Unterdrückungen zu erleiden haben, wenn die amerikanischen Inden in ihren Anklagen Rußlands sortfahren würden. Haben wir das Rocht, das Schicksal unserer Brüder zu gefährden, wenn sie so loyal und so enthusiastisch in ihrer Unterstützung Rußlands sind?" Das war der Inhalt des Auftrags des Komitees. Mit anderen Worten: Diese Juden glauben, daß es für die Juden der Welt diplomatisch wäre, Rußland zu streicheln und in einer Extase der Bewunderung auszurusen: „Was für ein schöner, menschlicher großherziger Bär." Die Befreiung der russischen Juden würde damit gesichert sein, es würde wie durch Zauberei geschehen. Diese Juden, die Sprecher für die anderen, glauben, daß wir die Vergangenheit vergessen müßten, damit die Juden Rußlands eine Zukunft haben. Sie glauben, daß wir vergessen müssen, daß die Metzeleien der Juden auf Befehl der russischen Regierung geplant und ausgesührt werden, daß die Proklamationen, welche den russischen Pöbel zu Pogromen anfeuerten, auf den Pressen der Regierung in geheimen Abteilungen gedruckt wurden, daß die Signale für die Metzeleien an demselben Tage gegeben wurden, und daß die Gouvernements angewiesen wurden, den Ausdruck des „russischen Nationalgefühls" in keiner Weise zu hindern. Sie wollen uns die teuflische antijüdische Politik vergessen lassen, die von Pobjedowszew eingeführt und von seinen Schülern, welche Rußland regieren, vervollkommnet wurde. Sie wollen uns die zahllosen, stillen, blutlosen Pogrome übersehen lassen, welche die Stelle der Metzeleien eingenommen haben, und die nur aufhörten, weil sie von der öffentlichen Meinung außerhalb Rußlands verurteilt wurden. Die Juden Rußlands sind in den Ansiedlungsrayon wie in einen Käfig eingepfercht, sie ersticken aus Mangel an Brot, an Erziehung und an Menschenrechten. Unsere Brüder in Rußland werden grausamer und Zynischer gequält als in den Zeiten ihres Martyriums während der Inquisition. Aber alles dieses sollten nur vergessen. Und wir sollten alles dieses nur vergessen, weil ein Krieg in Europa ausgebrochen ist, weil der größte und sinnloseste Krieg der Weltgeschichte wütet. Es ist wahr, daß alle Begriffe von Kultur jetzt bankerott erscheinen; die wahre Grundlage dessen, was Zivilisation genannt wurde, ist zusammengebrochen, die wildesten Leidenschaften wurden losgelassen, um das Menschenwerk von Jahrhunderten in Asche zu legen. Die Bestie ist in den edelsten Vertretern der Kunst und des Friedens erwacht. Die Fürsprecher der allgemeinen Verbrüderung predigen jetzt schamlos und herzlos: Zerstörung, Mord von Männern, Weibern und Kindern des „Feindes", der Völker, welche nicht wissen, warum sie einander vernichten. Fast ganz Europa ist ein wahres Tollhaus und ein Schlachthaus geworden, und in diesen: Toll- und Schlachthause klagen die geistigen Leiter einer Nation die der anderen an. In der blinden Tollheit, welche Europa ergriffen hat, sind Lobredner erschienen; durch „Weißbücher", „Gelbbücher" und andere derartige Veröffentlichungen haben die Regierungen versucht, das nie dagewesene Schlachten von Millionen Unschuldiger zu rechtfertigen; Menschen, deren Anschauungen immer klar waren und deren Herzen für die höchsten Ideale schlugen, die von Frieden und Glück für ihre Brüder träumten, sind plötzlich Verteidiger des Mordes geworden. Diplomaten, diese Fürsprecher der Gewalt gegen den „Feind", definieren beredt die Unterschiede zwischen ihrer eigenen Kultur und der des Feindes und verteidigen den Sinn ihres eigenen Landes für Ehre, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit. Jeder spricht für seine eigene Zivilisation und sein eigenes Land, während der „Feind" alles. was heilig ist, verläßt und daher zerschmettert werden muß. Sie alle vergessen einer des anderen Vorzüge und verschließen ihre Augen vor den großen Diensten, die der Feind für die Wohlfahrt des ganzen Menschengeschlechts geleistet hat. In diesem Toll- und Schlachthaufe ist das Haus Israel pathetisch und tragisch in sich selbst geteilt. In jedem Lande und in jedem Heere vergichen die Juden ihr Blut für „ihr" Vaterland. Ihr Wert und ihr Patriotismus, haben Erstaunen und Bewunderung in jedem Lande hervorgernfen. Israels Mission ist Friede, aber die Söhne Israels scheinen mehr als Kriegshelden denn als Friedenshelden geschätzt zu werden. Sie sind für ihre Tapferkeit in Oesterreich, Frankreich, England und Deutschland dekoriert worden. Sie wurden auch in Rußland durch Orden ausgezeichnet, und sogar die Führer der „Schwarzen Hundert" haben mit ihren Angriffen gegen die Juden aufgehört. Die Purischkewitfch und die Markovs, die literarische!: Bluthunde, scheinen Reue zu empfinden. Am Anfänge des Krieges zirkulierte in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten eine Legende, daß der Zar von Rußland ein Manifest erlassen hatte, welches „An meine lieben Juden" gerichtet war und ihnen die Menschenrechte versprach. Die Presse der ganzen Welt geriet in Enthusiasmus über die Aickündiguug und war bereit, dem Zaren sein Regiment des Schreckens und Blutvergießens zu vergeben, da sie glaubte, daß ein neues Zeitalter in Rußland heraufdämmerte. Aber ach, die Legende des Versprechens an die Juden blieb nichts anderes als eine grausame Legende. Unser Zangwill, der große Träumer des Ghettos, einer der glänzendsten Geister, die Israel hervorgebracht, ist von der blinden Leidenschaft, die über Europa hinweggebrnust ist, fortgerissen worden, und dein: Erwachen eines Strahles von Hoffnung für die russischen Juden klammerte er sich an einen neuen Traum, den er in einem diplomatischen Versprechen des Herrn Edward Grey fand, das Herz des Pharao am Ende des Krieges zu besänftigen, auf der: Zaren einen Einfluß zu üben, etwas für die Juden Rußlands zu tun. Es möchte scheinen, daß die Juden Englands und Frankreichs in dieser Zeit eine besondere Gelegenheit hätten, etwas für ihre Brüder in Rußland zu tun. Anstatt Rußland zu verteidigen und Versprechungen für Rußland zi: machen, anstatt darauf zu warten, daß Rußland den Irrtum seines Verfahrens einsehen würde, sollten die Juden Englands und Frankreichs jetzt ohne Zögern alle Anstrengungen machen, um den stärksten Einfluß auf ihren Verbündeten auszuübenun: die unmenschlichen Schranken niederzureißen, die jetzt für die Juden Rußlands aufgerichtet sind. Die Juden Rußlands werden für ein Vaterland geschlachtet, das sie in Zeiten des Friedens niederdrückte, verfolgte, ermordete; 350 000 Juden, die ein größeres Heer darstellen als das belgische Heer, fechten für Rußland, viele von ihnen zeichnen sich auf den Schlachtfeldern aus, aber ihre Fmnilien werden verjagt und verfolgt von Ort zu Ort, sterben durch Hunger oder leben eingepfercht in dem Käfig, der als Ansiedlungsrayon bekannt ist. Neue Beschränkungen und neue Vertreibungen der Juden werden täglich von der russischen Presse berichtet. Wenn es wahr ist, daß die russische Regierung nur die leiseste Andeutung gegeben hat, daß sie die Lage der Juden verbessern will, so wäre jetzt sicher die geeignetste Zeit, ihre guten Ansichten laut zu verkünden. Wünscht Rußland, daß die Welt es unter die erleuchtete:: Nationen zählt, so müßte es zuerst die Zeichen der Barbarei hinwegräumen, welche sie als wilde Regierung brandmarken, besonders wenn es mit seinen erleuchteten und freisinnigen Verbündeten verglichen werden soll. Die Juden Englands und Frankreichs haben eine große Aufgabe zu erfüllen. Anstatt zu sprechen, sollten sie Handel!:. Anstatt den Bären z:: streicheln und zu sagen: „Was für ein schöner menschlicher Bär!" sollten sie durch ihre eigenen Regierungen ein deutliches Zeichen fordern, das der Welt offenbar machte, daß der Bär nicht länger wild ist. Laßt Rußland den Ansiedlungsrayon abschaffen, und die Welt wird glauben, daß es wirklich die Absicht hat, seine Politik der Dunkelheit zu verlassen, die es bisher außerhalb der Zivilisation gehalten hat.