Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
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65 Hoffentlich hört damit das widrige Geschimpfe auf, das mit schrillem Mißton den Frieden und die versöhnliche Stimmung in Deutschland unterbrach. Geheimer Negierunssrat Krok. Dr. C. Liebrrmsmi. V\on dem Tode dieses ausgezeichneten Chemikers, eines unserer ersten Forscher, der ein Glanz unserer Glaubensgemeinschaft gewesen ist, haben wir in einer der letzten Nummern des „Gemeindeboten" berichtet; dort ist auch von seiner Leichenfeier die Rede gewesen. Unser Blatt, als nicht fachwissenschaftlich, kann nicht im einzelnen die wissenschaftlichen Verdienste des hochbedeutenden Mannes schildern. Wohl aber halten wir es für unsere Pflicht, im nachstehenden eine Rede folgen zu lassen, die an der Bahre Liebermanns von einem seiner Schüler gehalten worden ist. Sie lautet folgendermaßen: „Die Bahre, vor der wir stehen, ist mit Blumenspenden geschmückt von denen, die dem teuren Entschlafenen am nächsten standen - von Freunden, die seine goldene Treue erprobt — von Schülern, denen er ein Führer in seine geliebte Wissenschaft war. Einem der Schüler, die das Glück hatten, von Carl Liebermann unterrichtet zu werden, sei es vergönnt, dem trefflichen Lehrer und Menschen einige Worte des Dankes Nachrufen zu dürfen! Durch nichts kann ein Lehrer mehr wirken als durch sein Beispiel. Und so lassen Sie mich kurz schildern, welches Beispiel uns Carl Liebermann gegeben hat. Ta ist zuerst die Begeisterung für alle naturwissenschaftlichen Bestrebungen, die den Grundzug seiner ganzen Lebenswertung bildete. Wir spürten diese Begeisterung im Hörsaal trotz der schmucklosen, altes Phrasenhafte vermeidenden Darstellung, in der er uns mit vollendeter Klarheit die Erkenntnisse aus alter ltnb neuer Zeit vortrug. Wir spürten sie am Laboratoriumstisch, wenn er mit uns im Erperiment neue Fragen an die Natur stellte. Da lernten wir die. Schärfe seiner Beobachtung bewundern, aber zugleich auch feine unbestechliche Wahrheitsliebe und die Sorgfalt und Treue im kleinsten. Nie hat er einem raschen, auf schwankem Boden sich aufbauenden Erfolge nachgejagt; nie hat er seinen klaren Blick durch Erwartungen, die von der Theorie eingegeben waren, trüben lassen. Das Ziel im Auge zu behalten, aber auf den Weg zu achten, ihn Schritt vor Schritt ohne Hast zu bahnen, in zäher, unermüdlicher Arbeit nicht zu verzagen und trotz aller Hindernisse die Wärme an der gestellten Ausgabe nicht zu verlieren — das ist es, was jeder lernen konnte, dem es beschieden war, in Carl Liebermauns Schule zu kommen. Ueber mehr als vier Jahrzehnte hat sich seine Unterrichtstätigkeit erstreckt. Generationen von Chemikern sind von ihm in dieser Zeit mit dem Rüstzeug für ihren Beruf versehen worden. Sein Beispiel hat sie gelehrt, in der Pflichterfüllung an dem Ort, an den sie später das Leben stellte, das Höchste zu erkennen. Sie haben mitgeholsen an dem Ausbau unserer > 1 , V fey.). -v' GeheimerMegierungsrat Prof. Dr. C. Liebermann. Wissenschaft und an dem gewaltigen Aufschwung unserer Industrie. So durste ein jeder an seinem Platze ein kleines Scherslein beitragen zu der hohen Stellung unseres Vaterlandes, das der Entschlafene in glühendem Patriotismus über alles geliebt hat. Wenn wir nun heute unserem lieben Lehrer das letzte Geleit zu geben haben, so sollten wir uns fragen: welcher Art ein Abschied in seinem Sinne wäre. Müßige Trauer über den Verlust, den wir erlitten — das wäre nicht nach seinem Herzen. Die Dankbarkeit, die wir ihm schulden, tragen wir am besten ab, wenn wir handelnd uns stets dessen erinnern, was er uns gelehrt, wenn wir unsere Kraft anspanuen im Dienste unserer Wissenschaft und unseres Vaterlandes, das jeder einzelnen Kraft mehr als jemals heute so dringend bedarf. An dieser Stelle, die uns so häufig gastlich ausgenommen hat, dürfen wir Schüler uns als ein wenig mit zur Familie gehörig betrachten; und so mag es uns wohl gestattet sein, den Angehörigen unseres Lehrers ein Wort des Trostes in der Versicherung zu geben, daß wir sein Andenken Hochhalten und bewahren wollen, indem wir versuchen, seinem Beispiel zu folgen. Die hochverehrte Frau, welche die treue und verständnisvolle Gefährtin seines Lebens und unablässigen Strebens war, und das glückliche Paar, das ihm in vier aufblühenden Enkeln die höchste Freude seines Alters bot, sie geben uns das gleiche Beispiel, indem sie unermüdlich wie er sich in den Dienst des Allgemeinwohls stellen. Wohl heißt es: „Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann." , Wir aber haben das Wort )\\ beherzigen: „Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann!" Wenn nun auch ihn die Nacht des ewigen Schlafes umfangen hat, so werden doch die Gattin, die Tochter, die Enkel, von denen zwei für das Vaterland mitkämpfen dürfen, mit uns Schülern in dem Wunsche und dem Streben verbunden bleiben, daß die Erinnerung an sein Wirken immer neues Wirken zeitigen soll. In solchem Sinne nehmen wir Abschied von ihm, in solcher Lehre soll er unter uns sortleben!" An die Juden von ssrankreich und England. Von H e r in a n n B e r u st e i n?) omitees von angesehenen und wohlmeinenden Inden haben mich während der vergangenen Monate mehrmals nusgefordert, ihnen zu Helsen, die Stellring der Juden zugunsten von Rußland zu ändern, und mich gebeten, über Rußland in freundlichen Ausdrücken zu sprechen. „Es gibt zwei Wege, ein schlecht angelegtes und verzogenes Kind zn bessern", sagte -mir einer der Sprecher. „Der eine Weg ist, dem Kinde eine kräftige Bestrafung zuteil werden zu lassen, der andere ist, das Kind glauben zn % 1) Uebersetzt ans der amerikanischen Zeitschrift 3. Januar 1915. „The Dah", New Port