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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-05 · Heft 6 (5.2.1915) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 6 (5.2.1915)
Date
1915-02-05
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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lieber $ anbei unter den Kriegsgefangenen erläßt der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens folgende Erklärung: „Wir haben absolut keine Veranlassung, uns nach irgendeiner Richtung hin mit den russischen oder Polnischen Juden zu identifizieren. Nur der Umstand, daß sie seit Jahrzehnten zum Gegenstand aller möglichen unberechtigten Angriffe gemacht werden, läßt es uns als Pflicht erscheinen, da das Gerechtigkeitsgefühl anzurufen, wo man ihnen zweifellos unbegründeterweise zu nahe tritt. Wir haben darum bei einer Persönlichkeit, die über die Verhältnisse in den Gefangenenlagern genau unterrichtet ist, Nachfrage gehalten und folgendes festgestellt: Nach den Erkundungen, die ich eingezogen habe, bezw. nach den Wahrnehmungen, die ich schon vorher gemacht hatte, hat unter den Gefangenen allgemein ein ausgedehnter Handels- und Tauschverkehr stattgesunden, bis das Verbot der Kommandantur dem ein Ende setzte. Es wurde alles mögliche verkauft: Mäntel, Hemden gegen Brot und Geld. Daß dabei der Kausivert nicht innner sehr penibel festgestellt worden ist, darf man wohl als sicher annehmen. Besonders die Aussen und Araber verkauften gelegentlich Hemden, Mäntel, Strümpfe, Schuhe. Es lag ihnen inehr an Brot als an Kleidungsstücken. Die Gefangenen werden nicht unterernährt, aber die Russen und Araber find vermutlich an größere, gröbere Quantitäten gewöhnt. Das ist Zache der Gewohnheit, mag aber wohl zu einer gewissen Eßwut führen. An dem Handel haben sich — wie mir gesagt wurde — alle möglichen Elemente beteiligt, die Juden nicht mehr und nicht weniger als alle anderen. Tie gekauften Mäntel mußten später wieder zurückgegeben werden. Es ist mir nicht bekannt, daß Lachen, die der Verwaltung gehören, verkauft werden. Ich glaube nicht, daß das in nennenswerter Weise überhaupt möglich gewesen wäre. Mir wurde gesagt, daß es nicht vorgekommen fei." * Der „New Zorker Staatszeitung" entnehmen wir folgenden Artikel: „Die osteuropäische Judenfrage." Der Brief des deutschen Botschafters in Washington an den Redakteur der jüdischen Zeitung „Ter Tag" (siehe Deutsche Ltaatszeitnng vom 10. November) ist ein historisches Dokument, das allseitige Beachtung verdient. In diesem Schriftstück beschäftigt sich zum ersten Male der Vertreter einer Großmacht ernstlich mit der j politischen Seite der osteuropäischen Judenfrage. Tie Welt erfährt hier durch den deutschen Botschafter in Washington, wie Deutschland im Falle eines Sieges an die Lösung dieser für die gesamte Kulturwelt so nächtigen Frage heranzugehen beabsichtigt. Die jetzt in Russisch-Polen bestehenden Verhältnisse für die Juden können und dürfen nicht erhalten bleiben, und sie werden es nicht, sollte Deutschland dort etwas zu sagen haben - - das ist der Hauptpunkt dieser Bc rö ffent l ich u ng. In den zehn polnischen Gouvernements, die zum Regierungsbezirk Warschau gehören, leben etwa *2K> Millionen Juden. Ihre Lage ist in jeder Hinsicht eine ebenso traurige wie die der übrigen '•)'/> Millionen im eigentlichen Rußland. Die antijüdische Gesetzgebung vom Mai 188*2, die Jgnatiew geschaffen, lastet anch auf den Juden in Russisch-Polen. Obgleich diese zum großen Teil in Städten leben und in vielen Fällen die Mehrheit der Kommunen bilden, haben sie keinerlei Einfluß aus die Gemeindeverwaltung. Ihrer Jugend sind Mittel¬ und Hochschulen so gut wie verschlossen. Infolge der vielen gegen sie gerichteten Ausnahmegesetze ist ihre ökonomische Lage eine mehr als dürftige. In den größeren polnischen Städten bilden die dort lebenden Judenmassen ein einziges wirtschaftliches Proletariat, dessen alte geistige Kultur in keinem Verhältnis steht zu der Möglichkeit der ökonomischen Bedingungen. Die oft feindselige Haltung der polnischen Bevölkerung den Juden gegenüber und die ewigen Bedrückungen durch die Polizei machen ihnen das Leben schwer, so daß der Auswanderungsstrom von Polen sowohl nach dem Westen Europas wie nach Amerika ein außerordentlich großer ist und besonders in den letzten Jahren große Dimensionen angenommen hat. Die deutsche Presse hat sich in den letzten Jahren mehrfach eingehend mit der Judensrage in Russisch-Polen beschäftigt, aber erst seit dem Ausbruche des Krieges hat die deutsche Reichsregiernng diesem Problem ihr Allgenmerk zugewendet. Was bisher eine rein innere russische Angelegenheit war, wurde mit der beginnenden Okkupation russisch-polnischer Gebiete beim Kriegsbeginn zu einer Frage, die für die deutschen und österreichischen Regierungen eine ernste Sorge sein mußte. Es ist von großer Bedeutung zu sehen, mit welchem Interesse und mit welchem Verständnis die deutsche Regierung sich dieser Frage sofort gewidmet hat. Man konnte daran denken, daß dem Ausruf, der von den in Russisch-Polen einziehenden deutschen und österreichischen Truppen verbreitet wurde, als einer Proklamation eine eigentliche Bedeutung für die zukünftige politische Gestaltung der okkupierten Länder nicht zukommt. Die deutsche Regierung hat jedoch - das besagt dieser Brief die ernste Absicht, im Falle eines Sieges auch im Frieden den Juden in Polen die Rechte zu gewähren, die ihnen in dem Manifeste der Heeresleitungen zugesagt sind. Das sind zunächst die allgemeinen bürgerlichen Rechte, die nach der einheitlichen bürgerlichen Gesetzgebung in Deutschland sämtliche Staatsangehörige dort genießen, einerlei, ob Juden oder Ehristen. Dazu kommt die Zusicherung voller Freiheit der ökonomischen Entwickelung und des geistigen Lebens. Was die Juden in Polen zu gewärtigen haben, ist nicht nur, daß sie sich wirtschaftlich frei entnuckeln können, woran sie bisher infolge der beschränkten Freizügigkeit gehindert waren, sondern auch die bedeutsame Aussicht, ihre geistigen Kräfte frei gestalten zu können. Man muß bedenken, daß diese polnischen Juden, abgesehen von ihrer natürlichen Intelligenz, von dem Streben nach Bildung beseelt sind und die besten! Ehaneen haben würden, sich intellektuell rasch zu entwickeln. Hier! in Russisch-Polen ist eine ungehemmte geistige Entwicklungsmöglichj fett von ganz besonderer Bedeutung, weil die Juden, wie ihre! Leidensgenossen in Rußland, in ziemlich konzentrierten Gebieten wohnen. Sie haben dort neben ihrer Religion eine Fülle von ethnischen Eigenschaften erhalten, die ihnen in Ländern, wo sie zerstreut leben, mehr oder weniger abhanden gekommen sind. Tie Erhaltung dieser Eigenart bedeutet heute für diese Juden eine Existenzfrage, gerade dann, wenn sich ihnen unter einem deutschen Regime - die Möglichkeit eröffnet, an die Kultur des Westens ungehemmten Anschluß zu finden. Daß die deutsche Regierung auch dieser Seite der Frage ihr Interesse widmet, ist von ganz besonderer Bedeutung. Sollte Russisch-Polen unter deutschen Machtbereich gelangen, so hätte Deutschland statt wie bisher mit eineur Prozent, dann mit fünf Prozent jüdischer Bevölkerung zu rechnen. Das Verhältnis zu diesen Judenmassen, die bisher in ihrem durchaus eigenen Milieu gelebt haben, müßte eine Revision der Gesichtspunkte mit sich bringen, unter welchen bisher in Deutschland die Judensrage angesehen wurde. Es ist hierbei daran zu denken, daß diese polnischen Juden die von ihnen vor einem halb Jahrtausend nach Polen mitgebrachte deutsche Sprache erhalten haben ltnb sich heute noch dieser Sprache in der alten Form bedienen. Es ist begreiflich, daß die polnischen j Juden mit ihren alten deutschen Traditionen der deutschen Kultur zugänglicher sind und sich ihr leichter anschließen werden als irgendeiner slawischen Kultur. Auch dieser Gesichtspunkt ist für die deutsche Regierung bei der Beurteilung ltnb Behandlung dieser Frage von Bedeutung. Bisher hat man vielfach der deutschen Regierung den Vorwurf gemacht, daß sie den deutschen Juden viele Freiheiten vorenthalte, die ihnen nach dem Buchstaben des Gesetzes zukommen. Seit dem Beginn dieses Krieges zeigt es sich, daß diese alten Ueberbleibsel der Zeit vor der deutschen Judenemanzipation zu schwinden beginnen. Schon die einheitliche Begeisterung aller deutschen Bürger bei Beginn des Krieges ließ den Unterschied verschwinden. Es ist von großem Werte, aus dem Briefe des Botschafters zu entnehmen, daß die wettere freiheitliche Entwicklung der jüdischen Verhältnisse in Deutschland für die Negierung ein klares Programm bildet. Es wird einem jeden einleuchten, daß schon allein die vollkommene Gleichstellung in Deutschland die Garantie bietet, daß eventuell neue unter den Machtbereich Deutschlands fallende Judenmassen ebenfalls eine wohlwollende liberale Behandlung von seiten der deutschen Negierung finden werden. M. * Die nachfolgende Notiz ist mit großer Freude zu begrüßen: Die antisemitische Zeitschrift „Der Hammer", herausgegebeu von Theodor Fritsch-Leipzig, ist unter Präventivzensur gestellt worden.

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