Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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treten der besseren Jahreszeit unsere Angriffe einen glücklichen Fortgang nehmen. * Wir werden um Ausnahme folgender Notiz ersucht: „Ein schönes Beispiel für die Opferfreudigkeit der deutschen Juden bietet auch die große Zahl der jüdischen Studenten, die sich zurzeit unter den Waffen befinden. Nach der soeben erschienenen zweiten Kriegsausgabe der K. C. Blätter, des Organs der im Kartellkonbent vereinigten jüdischen Korporationen, stehen zurzeit von den etwas über 900 Mitgliedern des K. C. 562 im Felde. 16 von ihnen starben für des Vaterlandes Ehre den Heldentod. 65 wurden mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet; eine Reihe anderer erhielten sonstige Militärauszeichnungen. Diese Tatsache und die große Zahl derer, die befördert wurden, beweist, daß die jüdische Jugend durch Tapferkeit und Heldenmilt die auf sie gesetzten Hoffnungen allfs schönste erfüllt." * Das „Berliner Tageblatt" schreibt: Wie russische Pogromgreuol zu „deutschen Greuel taten" werden. Eine ausgezeichnete Widerlegung. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" erschien gestern mit einer Sonderbeilage „Dokumente der Lüg e". Auf dieser Beilage waren sechs Photographien wiedergegeben, die in der argentinischen Zeitung „Critica" vom 24. November unter der Spitzmarke „Die deutsche Barbarei, graphische Dokumente für die Geschichte" erschienen sind. Nach Angabe der „Critica", der die Photographien von russischer Seite zur Verfügung gestellt worden waren, sollten diese Bilder Scheußlichkeiten zeigen, die v o n d e n d e u t s ch e n Soldaten in Polen verübt worden seien. Man sieht da einen Mann, denl beide Arme abgehackt sind, ermordete Kinder, verstümmelte Frauen usw. In Wahrheit handelt -es sich hier um Pogrom-- b i l d e r, und die dargestellten Greueltaten sind von den Helden der r >u s s i s ch e n I n d e n p o g r o in e verübt! All die Unglücklichen, die man auf den Bildern sieht, sind Juden; die „russischen Soldaten, voll den Teutonen massakriert" — wie es in der „Critica" hieß —, sind noch mit dem jüdischen Gebetmantel zugedeckt. Es ist gelungen, i sestzustelleu, daß die Photographien teilweise aus dem Werk „Der letzte! russische Selbstherrscher" stammen und dort den Schilderungen der Pogromschandtaten beigegeben waren. Eines der Bilder beispielsweise ist ein Zeugnis für die Pogrome in Bjelostok aus dem Jahre 1905. So ist also der Nachweis geführt, daß die Russen die Bilder ihrer eigenen Scheußlichkeiten benutzen, um die deutschen Soldaten zu ver-! leumden. Diese Sonderbeilage der „Norddeutschen Allgemeinen! Zeitung" erscheint uns als ein besonders glückliches und wirksames! Abwehrmittel, und man muß hoffen, daß sie im neutralen Ausland möglichst verbreitet werden wird. Von neuen Greuel taten der Russen berichtet das österreichisch-ungarische k. k. Kriegspressequartier. Man hört wieder von neuen il n e r h ö r t e n S ch a n d t a t c n , mit denen die Russell ihren Weg in der Bukowina blutig, markieren. In Orthopoltce erschossen sie am 8. Dezember zuerst den ' dortigen Ortsbewohner A. K a h a n, dann schleppten sie einen andern Mann namens Osian P ö tz e l vor den Ort, k r e u z i g t e n i h ll a n z w e t z u s a m m e n g e b u n d e n e n Fichten und stellten vor dem Gekreuzigten drei Tage lang Wachen aus, um eine eventuelle Befreiung . zil verhindern, bis der Gemarterte starb. Arn Tage vor Weihnachten schlachteten sie in bestialischer Weise eine schwer krank daniederliegende j Frau namens Liwsche Stern ab, schossen deren Mann nieder und zündeten das Haus und die Nebengebäude an, nicht ohne vorher für sich das Vieh aus denl Stalle zu retten. Diese Greueltaten rechtfertig-! ten die Russen damit, daß die hingemordete Frau zwei Decken versteckt! gehalten hätte. Im Orte Dichtenitz verbrannten sie insgesamt j 42 Häuser, darunter alle von Juden bewohnten Gebäude, sowie auch! das jüdische Bethaus, das Geuleindehaus, den Genleindearrest, ja! selbst die Leichenhalle, sowie mehrere Bauernhäuser. Die Bej w v h rl e r aller dieser Häuser wurden zur Nachtzeit! beinahe nackt aus ihren Wohnungen gejagt, auf die! Mitnahnle auch nur des geringsten Gegenstandes war Todesstrafe gesetzt. Der Einwohner Reichmann, der ein Kissen aus seinem i brennenden Hause retten wollte wurde e i ll f a ch u i e d e r geknallt. Alle diese Greueltaten sind von zahlreicheil Augenzeugen und Amtspersonen zweifelsfrei bestätigt. * Frau M. Beßmertnh schreibt uns: Die polnisch-jüdischen Beziehungen. Das Mitglied der ersten Reichsduma, der bekannte Rechtsanwalt M. M. Winawer, der soeben von einer Forschungsreise durch Polen nach Petrograd zurückkehrt, äußert sich in der „Rjetsch" zu dem obengenannten Thema wie folgt: Eine große Sünde hat die polnische Gesellschaft gegen ganz Polen und gegen die eigene Zukunft begangen durch die Entfachung einer Feindschaft gegen die Juden in diesem schicksalsschweren, historischen Augenblick. Man sollte meinen, daß ein Aufschwung zur brüderlichen Vereinigung zweier Volksstämme, die durch ein sechs Jahrhunderte altes Elend zusammengeschweißt sind, jetzt mehr als je am Platze wäre. Ist die innere Geschlossenheit doch unentbehrlich, wenn es gilt, der drohenden Gefahr eines feindlichen Ueberfalls entgegenzutreten und dem Ideal der Neugestaltung des Landes den Boden zu bereiten. Welche Wunder eine Einmütigkeit in verantwortlichen historischen Augenblicken zu bewirken vermag, lehrt uns die Gegenwart. Leider fehlt es jetzt den Polen an Politikern großen Stils, die den Blick für historische Perspektiven haben. Es wird dort vielmehr eine kleine Politik mit kleinen Mitteln betrieben. Die ganze Richtung, als deren Träger Abgeordneter Dmowsky gilt, hat eine Begeisterung gezeitigt, die nur in hohlen Worten besteht und die Stimme des Volksgewissens nicht zu wecken imstande ist. Auf diese Tatsache ist auch das Verhältnis Polens zur russischen Gesellschaft zurückzuführen. Die polnische Fortschrittspartei hat eine Schlappheit und Unsicherheit bewiesen, die im Gegensatz zu ihren Grundideen steht. Vor mehr als hundert Jahren, nach der ersten Teilung, stand Polen einer drohenden historischen Wendung gegenüber. Aber es besaß damals Politiker mit weitem Blick, die offen erklärten, daß die Juden, die zwölf Jahrhunderte in Polen lebten, an der erstrebten Gleichberechtigung teilnehmen müßten. Unter den glühenden Vertretern der Judenemanzipation war Kosciusko anzutreffen. Solche Namen und Ereignisse mitunter aus dem Staube der Archive hervorgeholt werden als Beweis einer großen Epoche und ihrer großen Träger. Jetzt kam die Stimme der Gerechtigkeit gar nicht zu Gehör. Als die Juden bei der Parlamentswahl zur vierten Duma in Warschau, auf ihre Mehrheit verzichtend, einen fortschrittlich polnischen Kandidaten — Dmowsky — wählten, fehlte diesem die Entschlossenheit, den Aufschwung der Juden zu würdigen, und erstere mußten sich noch den Vorwurf gefallen lassen, daß sie angeblich nur ihre Tendenzen gegenüber der polnischen Gesellschaft demonstrieren wollten durch die Wahl eines Polen. Zu allen Zeiten war die jüdische Bevölkerung Polens solidarisch mit den politischen Idealen Polens. Auch jetzt steht sie auf diesem Standpunkt der allgemeinen polnischen Bestrebungen, trotz der durchlebten Schrecken der letzten Jahre. Die Polen gehen achtlos an der Tatsache vorüber, daß die jüdische Masse ein gleichwertig kulturell nationales Element bildet, mit dem ihre Politik zu rechnen hat. Gerade weil die polnische Politik der kulturellen Mittel nicht entraten kann im Kampfe um ihr Ideal, darf sie die jüdische Masse nicht ausschalten. Erklärten doch die polnischen Fortschrittler vor zwei Jahren gelegentlich der Parlamentswahl, daß sie die Theorie der „Zwei Stämme nicht anerkennen", sondern eine politische Einheit aller Bewohner Polens als wünschenswertes Ziel betrachten!