Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Die christliche Religion ist «hauptsächlich idealer Natur und kann sich deshalb in unserer Praktischen Zeit, zumal in Kriegszeiten, da es heißt. Gleiches mit Gleichem vergelten, nicht gut bewähren. Auch der Islam mit seinem Fatalismus ist ungeeignet, eine Quelle des Trostes, Ansporn und Stütze zu sein in diesem Völkerringen, da die Eltern ihre einzigen Söhne, die Frau ihren Gatten und Ernährer dem Vaterlande weihen und opfern, die Kämpfer ihre ganze und ungeteilte Kraft, Leben und Zukunft für das Vaterland einsetzen. Fatalismus heißt, alles seinem Gotte anheimstellen, alles einer «höheren Fügung und Bestimmung überlassen. Da brauchten wir keine Millionenheere, keine Mörser und Kanonen, keine Kreuzer und Unterseeboote, da wäre es nicht notwendig, die ganze wehrfähige Mannschaft Deutschlands in die Schranken treten zu lassen. Da würde, wie einst beim Richter Gideon, der mit 300 Männern gegen Midjon zog, eine ganz geringe Zahl von Kämpfern ausreichen. Allerdings haben auch Christentum und Islam durch Kämpfe die Zahl ihrer Anhänger vergrößert und an Land und Einfluß gewonnen, aber es waren Religionskriege, heilige Kriege, während in unserem Kampfe die Religion Begleiterscheinung, aber nicht Hauptzweck ist. Nur der Krieg der Türkei gegen Rußland scheint eine Ausnahme zu sein und sich zum Religionskrieg zu entwickeln. Nur die jüdische Religion mit ihrer Gerechtigkeit neben Milde und Barmherzigkeit, mit der praktischen Betätigung ihrer Ideale, mit ihrer Uebereinstimmung zwischen Wort und Tat, zwischen Lehre und Leben und, um mit Deißmann zu sprechen, mit ihren heroischen Momenten eignet sich zu Parallelen für den Krieg der Gegenwart, den" blutigsten Kampf aller Zeiten und Geschlechter. Die dritte Frage, welche wir uns vorlegen, lautet: Welche Parallelen in der Bibel veranschaulichen die Kriegslage der Gegenwart? Die Befreiung der Nachkommen Jakobs aus jahrhundertelanger Knechtschaft in Aegypten erinnert uns an den jüngst erschienenen Aufruf, unterzeichnet von der deutschen und öfter-- reichischen Kriegsverwaltuug, wonach die Verbündeten Heere den Juden in Polen nach jahrhundertelangem Sklaventum Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zusichern. Der Kampf Amaleks gegen Israel ist gleichsam ein Vorbild für ■ Serbien, das Raub, Mord, Revolution und Unterdrückung der Menschenrechte auf sein Banner geschrieben und den Antrieb zu unserem Weltkampf gegeben hat. Wie Moses auf der Höhe eines Hügels mit gen Himmel erhobenen Händen stand, als Zeichen seines Gottvertrauens und im Bewußtsein seiner und des Volkes Kraft, so steht Kaiser Wilhelm II. auf der Warte der Menschheit mit gen Himmel erhobener Hand, als Zeichen seines Gottvertrauens und im Vollgefühl seiner und des deutschen Volkes Stärke. Und wie die Hände des Moses aufrecht blieben bis zum Sonnenuntergang, so werden auch unsere Hände aufrecht bleiben bis zum Sonnenuntergang, bis zu einer vollständigen Niederlage der Gegner, die uns auf Jahrhunderte die Segnungen des Friedens erschließen wird. Der Tod von Tausenden und Abertausenden in den Fluten des Roten Meeres macht uns aufmerksam auf den grausigen Tod von etwa 60 000 Russen in den Sümpfen Ostpreußens. Der Zug durch das neutrale Gebiet des Emoriterkönigs Sichon nach vorangegangener Bitte und Leistung von Garantien rechtfertigt den Zug der deutschen Armee durch das neutrale Gebiet Belgiens. Der Kampf Josuas gegen sieben Könige in Kanaan bietet eine Parallele 51t unserem Kampfe gegen sieben Völker. Und wie dieser Kainpf zu einer Blütezeit führte, so hoffen auch wir, daß sich die Segnungen unseres Sieges in einem gewaltigen Aufschwung unseres Reiches, in einer richtigen Einschätzung und Würdigung aller Menschen und Religionen zeigen werden. Und so lautet denn die vierte und letzte Frage: Was haben wir Juden von diesem großen Kriege und erhofften Siege zu erwarten? Wir glauben, daß die Worte unseres Kaisers: „Ich kenne keine Parteien, sondern nur Deutsche", auch nach dem Kriege ein vielfaches Echo in allen Herzen finden werden. Wir sind überzengt, daß die Heldentaten «unserer jüdischen Krieger auch nach diesem blutigen Kampfe Anerkennung und Würdigung finden werden, zumal unsere Gegner sehen, daß Disziplin und militärische Tugenden ihren nichtjüdischen Mitmenschen ebenbürtig und gleichwertig sind. Wir glauben, daß der edle Wetteifer, den Juden auf allen Gebieten der Kriegsfürsorge entwickeln, die Opferfreudigkeit der Einzelpersonen, Vereine und Gemeinden eine Aenderung in der judenfeindlichen Gesinnung herbeiführen werden. Wenn Zeitungen mit antisemitischem Programm ihre Sünden eingestehen und Besserung für die Zukunft geloben; wenn Juden auf dem Kriegsschauplatz in großer Zahl zu Offiziere« ernannt werden; wenn, wie heute, in der Mitte des deutschen Volkes eine menschenfreundliche Gesinnung Platz greift, dann glaube ich, daß wir hoffnungsvoll kommenden Tagen entgegensetzen dürfen, dann dürfte der schöne Traum Israels, wonach man in allen Menschen ein Gleichnis Gottes erblicken wird, seiner Verwirklichung nähergerückt werden. Die Woche. Berlin, den 2. Februar 1915. nun dauert der Krieg ein volles halbes Jahr und ein Ende ist kaum abzusehen. Gerüchte durchschwirrcn die Luft, daß Japan bereit sei, Frieden zu schließen, und häufig genug hört man, daß der Krieg mit Rußland bald zu Ende sein werde. Aber Tatsachen, durch welche diese Gerüchte bestätigt werden, sind nicht vorhanden. Nur das scheint wahr zu sein, daß Japan von einer Beteiligung am europäischen Feldzug absieht. Auch das ist wahr, daß Rußland aus den Karpathen vertrieben worden ist und sich entschlossen zeigt, Lemberg und einen Teil Galiziens zu räumen. Von der Tätigkeit unserer herrlichen Ostarmee verlautete in der letzten Woche sehr wenig. Da dieses Schweigen nicht durch Triumphnachrichten der Gegner unterbrochen wird, so ist man geneigt, die Vorbereitung eines großen Schlages anzunehmen, wenn nicht etwa die Untätigkeit durch das schlechte Wetter hervorgerufen ist. Wir harren geduldig und mit Vertrauen, daß der geniale Leiter der wunderbaren Kriegsscharen seinen bisherigen Waffentaten eine neue glänzende und hoffentlich entscheidende hinzufügt. Im Westen hat sich die Kriegslage wenig geändert. Daß die vor sechs Wochen mit so vielem Pomp angekündigte Offensive der Franzosen kläglich gescheitert ist, kann man versichern;! wenn sie behaupten, einen neuen Angriff vorzunehmen, sobald j es ihnen paßt, so darf man das billig bezweifeln. Die eiserne « Mauer der Deutschen hat überall standgehalten, die der Fran- | zosen ist mannigfach durchbrochen; ob eine neue eiserne Mauer « zwischen der Aisne und Paris den Vormarsch der Deutschen aufzuhalten imstande ist, wird die Zukunft lehren. Glückliche j Fortschritte sind im Argonnenwald und anderwärts gemacht « worden, an großer Siegesbeute hat es nicht gefehlt. Aber ein I entscheidender Schlag ist bisher weder in Flandern erfolgt, der uns den zu einem Angriff gegen England notwendigen Besitz der Küste sichert, noch in Nord- und Westfrankreich, der uns den Vormarsch in das Herz Frankreichs ermöglicht. Auch hier hat die Witterung gehindert; es ist zu hoffen, daß beim Ein-