Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 6 Berlin, 5. Februar 1915 Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse ->.s- Znmng erschein» »äch.n.uch. I ve-rün-et von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson Abonnements«pre^s; durch den Buch- Unter Leitung des ».7.n'd»ch-^»oenri.k-"!llen7b.^7n Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger vierteljährlich 3 m. - posticheckkoni» 32^. | ycrjag. Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richte i. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Krien und Religion. Von Rabbiner Dr.Berger,Berlin.— " Die Woche. — GeheimerRegieruugsral Dr. C. Liebermann. — An die Juden von Frankreich und England. Von Hermann Bernstein. — H. St. Chamberlains Sinnesänderung. Von Sigmund Feist. — Marquis d'Argens über die Ritualmord-Beschuldigung und Anklagen wegen Hostienentweihung. Von G. Engels mann (Fortsetzung und Schluß). — Aus den Papieren des Siegmund Pollak, Feldwebel im k. und k. Infanterie- Regiment Großfürst Michael von Rußland (Nr. 102) in Prag. Von Maximilian Blum (Fortsetzung und Schluß). — Feuillejton: Der neue Christ. Roman vonPeter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencsäni. — Sprechsaal- Der Gemelndebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Memel, Beuthen O.-S., Breslau, Posen, Hamburg, Nürnberg, Fürth, Mainz, Kopenhagen, Wien. — Von Nah und Fern. Krieg und Krligimr. Von Rabbiner Dr. Berger, Berlin, m Hinblick auf den gegenwärtigen, uns ausgezwungenen \ Krieg, den wir gegen eine Welt in Waffen führen, dürfte die Frage nach dem Verhältnis des Krieges zur Religion am Platze sein, zumal sich viele Denker in religiösen und politischen Vorträgen mit demselben Gegenstand beschäftigen und zu widersprechenden Urteilen gelangen. Die erste Frage, welche wir uns vorlegen, lautet: Haben wir es mit verschiedenen — oder einander ergänzenden Begriffen zu tun? Unter Krieg verstehen wir die Vereinigung von Tausenden, Hunderttausenden oder Millionen von Menschen aus der Mitte eines Volkes oder vieler Völker zu einem bestimmten Zweck. Dieser Zweck kann ein guter oder schlechter sein, je nachdem es sich um Landzuwachs, Vorherrschaft auf geistigem, kommerziellem oder kulturellem Gebiete oder, wie im Weltbrand der Gegenwart, ausschließlich um Neid, Haß und Mißgunst handelt. Die Begleiterscheinungen des Krieges sind Schwert, Spieß und Lanze, bluttriefende Schlachtfelder, Heldenmut, Todesverachtung, Entbehrung, Krankheit und Tod. Das Sinnbild des Krieges ist das Eisen, welches der Menschen Leben verkürzt und deshalb mit dem Altar im Heiligtum, mit der Stätte, die dem Leben und Frieden gewidmet war, nicht in Berührung kommen dürfte. Wie anders verhält es sich mit der Religion! Diese umfaßt nicht Tausende und Hunderttausende, nicht einzelne Völker, sondern die gange Menschheit. Ihr Zweck ist der Völkersrieden, jene herrliche Zeit, da die Menschen Schwert und Lanze zu Pflugscharen und Winzermessern umschmieden werden, da „die Erde voll sein wird der Erkenntnis, wie Wasser die Meerestiefen bedecken". Die Begleiterscheinungen der Religion sind Wissen, Weisheit und Erkenntnis, Bruder- und Menschenliebe, Frieden und Eintracht. Das Sinnbild der Religion ist der Altar mit der Friedenspalme oder die Bundeslade mit dem flammenden Zehnwort. Aus dieser Gegenüberstellung der beiden Begriffe scheint demnach hervorzugehen, daß Krieg und Religion Gegensätze sind. Darum wurde unser ruhmgekrönter Herrscher so stark angegriffen, weil er sich bei jedem Fortschritt auf dem Schlachtfelde und bei jedem Sieg unserer Truppen auf Gottes Gnade und Güte berufen und mit dem Richter und Propheten Samuel gesprochen hat: „Bis hierher hat Gott geholfen." Darum wird von vielen Denkern der Krieg als ultima ratio der Politik, der Frieden als ultima ratio der Religion hingestellt. Darum bezeichnen viele den Egoismus als Ausgangspunkt des Krieges und die Liebe als Wurzel der Religion. Und doch scheint zwischen Krieg und Religion eine innige Verbindung zu bestehen, die viele mit dem Ausdruck „Mittel und Zweck", viele mit dem bekannten Wort „Ursache und Wirkung" bezeichnen. Man kann egoistische Zwecke verfolgen und dabei ganz gut auch der Gesamtheit dienen. Bekanntlich dreht sich die Erde um ihre eigene Achse und zugleich auch um die Sonne. So mancher Frieden bedeutet Krieg, und so mancher Krieg erschließt uns die Segnungen des Friedens. Ich verweise auf die Errungenschaften der großen französischen Revolution. Tausende der Bestell und Edelsten tränkten den Boden Frankreichs mit ihrem Blute. Und aus diesem Blute ging eine Saat hervor, die noch hellte Auge und Herz erfreut und erfrischt. Wir alle zehren noch immer am Mark der französischen Revolution, und insbesondere wir Juden, die derselben unsere Gleichberechtigung zu verdanken haben. Und auch die Entwicklungsgeschichte Israels zeigt uns, das; die großen Kämpfe unter Josna und später unter den Richtern, die Kämpfe unter Saul, David und Salomo, die Kriege der Makkabäer immer wieder zu einer Blütezeit geführt haben. Ja, noch mehr! Gott, der Quell unserer Religion, wird im Lied, das Israel am Roten Meer gesungen hat, ein Mann des Krieges genannt. Und auch im Weltringen der Gegenwart proklamieren die Türken den Heiligen Krieg, weil sie glauben, daß Krieg und Religion in einem innigen Verhältnis zueinander stehen, weil sie hoffen, durch den Krieg zu einem jahrhundertelangen Frieden zu gelangen. Die zweite Frage, die uns beschäftigt, lautet: Welche Religion kann uns in dieser Zeit erbitterten Kampfes fördern? Eine Parallele zwischen unserem Kriege und der christlichen Religion ist vollständig ausgeschlossen. Professor Deißmann äußerte sich in seinem jüngst über „Religion und Krieg" gehaltenen Vortrag dahin, daß viele der Ansicht sind, daß sich das Christentum mit seiner weichen Ethik, mit seinem Ideal der Demut und Duldung nicht gut eigne, dem Krieger Trost und Stütze zu sein in dieser schweren Zeit. Er trat zlvar diesen Denkern entgegen und meinte, daß das Christentum bei aller Weichheit eine Religion der Kraft sei. Doch ist meiner Ansicht nach seine Belegstelle, das Paulinische Wort: „Seid stark", kein ausreichender Beweis, weil dieses biblischen Ursprunges ist und mit vielen ähnlichen Stellen aus dem Alten Testament in das Neue Testament übertragen wurde.